Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 114 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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um wenige Jahre älteren, damals bitter befehdeten Abraham Geiger. Dieser eröffnete am 6. Mai 1843 eine Religionsschule aus privaten Mitteln, in welcher er selbst einen großen Teil des Unterrichts übernahm, sich aber „bei manchen Gegenständen von Levy ersetzen" ließ. Diese Anstalt entwickelte sich zu einer Gemeindeschule, an deren Spitze unser Levh nahezu 30 Jahre als „erster Religionslehrer" gewirkt hat. Wie ernst er seine Aufgabe nahm, mit welch heiliger Begeisterung er sich der Unterweisung der Jugend gewidmet, sehen wir am besten daraus, daß er in rastloser Tätigkeit in zwei Jahrzehnten sich alle Lehrmittel selbst schuf. Er wurde dabei von einem solch ungewöhnlichen pädagogischen Talent geleitet, daß sie einen beispiellosen Erfolg erzielt haben. Ein Auszug aus dem Gebetbuch erschien zuerst 1845 und erlebte 1870 die fünfte Auflage. Sein Elementarbuch der hebräischen Sprache erfreute sich von 1852 bis 1870 der gleichen Höhe der Auflagen. Die Bibelkunde für israelitische Schulen, 1889 entstanden, präsentierte sich zehn Jahre später in neuem Gewände, und nun gar erst die Biblische Geschichte nach den Worten -er Heiligen Schrift der israelitischen Jugend erzählt! Sie wurde von 1862 bis 1910 14mal aufgelegt und in 94 000 Exemplaren in Israels Gauen verbreitet. Weniger lebensfähig erwiesen sich zwei andere Geisteskinder: das hebräische Lesebuch (1847) und das systematisch geordnete Spruchbuch (1867). Nach Erschöpfung des ersten Druckes verschwanden sie aus der Schule. Und doch dürfte unser Autor die literarische Wirksamkeit des praktischen Schulmanns, so mühevoll und zeitraubend sie auch gewesen, wissenschaftlich nicht allzu hoch eingeschätzt haben; Neigung und Befähigung führten ihn zu gelehrten Studien. Die Erstlingsarbeit aus dem Jahre 1844 über O n k e l o s und seine Uebersetzung des Pentateuchs, in Geigers „Zeitschrift für jüdische Theologie" Band 5 begonnen und im „Orient" Band 6 fortgesetzt, ist auch heute noch, wo wir über die aramäischen Uebertragungen der Bibel ganz anders Bescheid wissen, lesenswert. Nun folgt ein Jahrzehnt stiller, emsiger Arbeit, als deren erste reifere Frucht (1854) das 1. Heft der phönizischen Studien abfiel. Ein Jahr vorher war die ganze gelehrte Welt durch einen merkwürdigen Fund in Aufruhr geraten. In Saida wurde der Sarkophag des Phönizischen Königs Eschmunazar entdeckt und ausgegraben, auf dem eine wohlerhaltene Inschrift von 22 Zeilen zum Vorschein kam. Ihrer Entzifferung und Erklärung war dieses Heft gewidmet. Von da ab gehört, abgesehen von einer zweimaligen Abschweifung in das Gebiet der jüdischen Geschichte, seine ganze, überaus fruchtbare, wissenschaftliche Tätigkeit der semitischen Inschriftenkunde und der damit in gewissem Sinne verwandten semitischen Numismatik an. Schon das folgende Jahr brachte das 2. Heft dieser Studien, das u. a. die Deutung sämtlicher neupunischer Denkmäler, eine dornenvolle Aufgabe, unternahm, lieber die Fortsetzung in Heft 3 und 4, die nach längerer Pause 1864 resp. 1870 erschien, spricht sich der Verfasser selbst in der Einleitung dahin aus, sie sollten einerseits ein Repertorium für das gesamte bisher bekanntgewordene, überall zerstreute und nicht leicht zu beschaffende Material bilden, anderseits die Fachgenossen auch mit neuentdeckten bisher nicht veröffentlichten Monumenten bekannt machen., Dazu gesellte sich 1864 ein phönizisches Wörterbuch, das den ganzen Wortschatz, auch den -er Münzen, buchen sollte, nach seiner Schätzung über 900 Artikel, während sein berühmter Vorgänger Gesenius es vor 30 Jahren nur aus 334 bringen konnte. Ein Nachtrag dazu findet sich am Schlüsse des 4. Heftes der Studien. Der Gedanke, eine derartige Sammlung zu veranstalten, ist von namhaften Gelehrten freudig begrüßt worden, dabei auch rühmend hervorgehoben, daß man ihr viele treffende Entzifferungen verdanke. Auch an Widerspruch hatte es nicht gefehlt. So geht z. B. O. Blau mit dem Wörterbuch scharf ins Gericht. Es unterliegt keinem'Zweifel, daß diese praktische Zusammenstellung viele Jahr« wesentliche Dienste geleistet hat. /Das Gleiche läßt sich auch von den Siegeln m.o Gemmen mit aramäischen, phönizischen Inschriften aus dem Jahre 1869 sagen. Hier hatte er das Glück, eine Arbeit M. de Vogües aus demselben Jahre benutzen zu können. Einem anderen Genre hat er sich mit seiner Geschichte der jüdischen Münzen (1862) zugewandt. Sie war für das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" ausgearbeitet und deshalb in populäre Form gekleidet. Die Erklärung der Münzen ist in eine kurze Geschichte der Zeit eingebettet, der sie zugehören. Geiger hat ihr seine Anerkennung in den wärmsten Tönen gespendet, und der beste Kenner auf diesem Gebiete, Fred. W. Madden, hat in der ersten Auflage der „Jewish coinage" (1864) der Ansicht unseres Verfassers bezüglich der schwierigen Verteilung einiger Münzen auf die Zeit des Ausstandes unter Nero resp. den des Bar Kochba zugestimmt. Zwei Abschnitte unseres Bandes hat er in beide Auflagen ausgenommen. Im Jahre 1857 ist er der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft beigetreten, und von da ab ist er einer der fleißigsten Mitarbeiter der Zeitschrift geworden. In jedem Jahrgang finden sich seine Beiträge, es dürften nahezu 40 sein. Als Ernst Oslander, damals eine Autorität auf dem Gebiete der südarabischen Inschriftenkunde, im Jahre 1864 frühzeitig der Wissenschaft entrissen wurde, hat der Herausgeber der Zeitschrift — ich erlaube mir die Worte R. Gosches zu zitieren — sich ein Verdienst erworben, indem er die Bearbeitung des Nachlasses Levys Händen anvertraut hat, und diesem gebühre der Ruhm der kundigsten und raschen Veröffentlichung. Um die gleiche Zeit wurde er auch mit der Herausgabe des Nachlasses von E. I. F. Beer betraut. So hat der Lehrer der jüdischen Schule allmählich eine geachtete Stellung in der Wissenschaft errungen. Man hat ihm meist stillschweigend verziehen, wenn ein gewisser Mangel sprachlicher Schulung sich zuweilen unliebsam bemerkbar gemacht hat. Zum Jubiläum seiner 25jährigen Wirksamkeit an der Schule, am 7. .Mai 1888, haben Freunde und Bekannte des In- und Auslandes ihm in einer sinnigen Weise gehuldigt, die ihn tief gerührt hat. Sie überreichten ihm ein Album, zu dem jeder ein Blatt mit einigen liebenswürdigen Zeilen in den verschiedensten Sprachen gestiftet hatte. Einem Briefe Levys an einen jüngeren, nachmals berühmten Gelehrten, dessen Beitrag in mandäischer Schrift ein kaligraphisches Meisterstück war, entnehme ich folgende interessante Stelle: „Das Album ist in der Tat eine literarische Kuriosität. Darin figuriert Renan mit einem halb phönizischen, halb hebräischen Denkspruch, de Bogü«, Waddington, de Saulch, Derenbourg (Vater und Sohn), Madden, Sam. Birch (hieroglyphische Inschrift), Eman. Deutsch (eine gefälschte karthagische Stelle mit witziger Inschrift), W. Wright (arabisches Gedicht), Fr. und Alois Müller aus Wien usw. usw. Auch unser Freund Nöldeke hat mich nicht vergessen." Eine letzte Ehrung wurde ihm zehn Jahre nach dem Tode zuteil. In der Ruhmeshalle hervorragender deutscher Männer, in der Allgemeinen Deutschen Biographie, hat ihm der Theologe Siegfried ein würdiges Denkmal gesetzt. Kerlünliche Lrimirrunsen an M. ULroy. Von Ludwig Geiger. ach den vorstehenden Auseinandersetzungen, über Levys wissenschaftliche Tätigkeit sei ein Wort über seine Persönlichkeit gestattet. Sein Haus gehört zu meinen frühesten und liebsten Kindheitserinnerungen. Er war ein intimer Freund'meines Vaters und seine Familie war die, in der wir am liebsten verkehrten. : Ein inniges Fveundschastsband