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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-09 · Heft 10 (9.3.1917) · p. Seite 113

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
Seite 113 (sequence 5)
Language
German
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Nicht darum ferner handelt es sich, ob das Bestehen von Kadettenanstalten an sich wünschenswert und ob für den einzelnen Bewerber ein Antrag zur Ausnahme in eine solche Anstalt zweckmäßig ist. lieber ersteres besteht Meinungsverschiedenheit; lehter^^u prüfen, muß dem einzelnen Bewerber überlassen werden. Eine ungerechtfertigte Benachteiligung liegt vor, wenn auch nur die Möglichkeit, einen von zwei Wegen, die ins Ofsizierkorps sichren können, zu beschreiten, dem einzelnen versperrt wird. Jüngst hat die Heeresverwaltung gegenüber einem Bescheide des Kriegsministeriums, durch welchen — unvereinbar mit der Verfassung — Dissidenten als nicht geeignet zum Posten eines Reserveoffiziers erklärt werden, erneute wohlwollende Prüfung zugesagt. Der jetzige neue Kriegsminister hat dann bereits bei anderer Gelegenheit gezeigt, daß er an nngerechtfertigten Unterscheidungen nicht festzuhalten gesonnen und frühere Fehler nach Möglichkeit wieder gut zu machen bestrebt ist. Die Hoffnung sei gestattet, daß er auch die Aufnahmefähigkeit von Juden in die Kadettenansialten in nochmalige Erwägung zieht und an dem früheren irrigen Bescheid seines Amtsvorgängers nicht festhült oder aber, wenn er sich von der Irrigkeit nicht überzeugt, die Aenderung der Statutenbestimmung höheren Ortes anregt, die dann für solche aus interkonfessionellen Mitteln unterhaltene höhere staatliche Ausbildungsanstalten nicht mehr zeitgemäß wäre. — Ganz abgesehen von dem Eindruck, den im Ausland das Beharren in dergleichen Rückständigkeiten machen müßte, liegt es auch sonst im eigenen Interesse unseres Staates, daß der vom obersten Reichsbeamten neuerdings verkündete und dem Sinne nach in den einzelstaatlichen Verfassungen und im Reickisgesetz vom 3. Juli 1869 festgelegte Grundsatz der „freien Bahn für alle Tüchtigen" an keiner Stelle Hemmungen erfährt durch den Versuch, eine Reihe geeigneter Bewerber nur wegen ihres Glaubensbekenntnisses vom Mitbewerb nuszuschließen. Friedrich der Große schon schrieb in seinen „Memoiren zur Geschichte von Brandenburg": „Keine Religion entfernt sich in der Frage des Sittlichen viel von der anderen: daher können sie alle der Negierung gleich sein." Möge endlich unsere Regierung diesen sriderizianischen Ausspruch voll beherzigen; sie wird damit eine Wunde am Staatskörper schließen, die dauernd an ihm zehrt, und wird durch den Fortfall unnützer Kämpfe im Innern die Kraftwirkung nach außen steigern. Die Bedeutung der in diesem Artikel behandelten Angelegenheit gibt uns das Recht und die Pflicht, die Darlegungen unseren Lesern wörtlich darzubieten, und enthebt uns der Notwendigkeit, sie durch irgendeinen Kommentar zu begleiten. Beinahe sieht es aus, als wenn in R u ß l a n d ein anderes Verfahren gegen die Juden Platz greifen sollte. Allerdings sind die Verfügungen, die geplant werden, möglicherweise nur ein Blender für Europa. Wir lesen nämlich in der „National- \eituttg": Seitdem Protopopow das Ministerium des Innern übernommen hat, werden in der Presse, wie „Rjetsch" erklärt, fortwährend Gerüchte verbreitet, daß man den russischen Juden Erleichterungen gewähren will. Man sagt, daß ein hochfeierlicher Akt in nächster Zeit zu erwarten ist. Außerordentliches Aufsehen erregt ein Artikel in der Leitung der Rechten „Kalokol", in dem ausgeführt wird, daß die Regierung ihre Stellung gegen die Juden ändern müßte,, weil diese doch außerordentlich nützlich für den Staat seien. Auch die Zeitung „Benje" will in Unterredungen mit hohen Persönlichkeiten erfahren haben, daß eine Aenderung in den Anschauungen über die Judenfrage bevorsteht and das man nunmehr zu praktischen Maßnahmen schreiten will. In einem Wiener Blatt werden die einzelnen beabsichtigten Maßregeln in nachstehender Weise ausgezählt: Die Juden sollen im Handelsverkehr nicht mehr behindert werden, dürfen Verträge für Eisenbahnbauten abschließen und Aktiengesellschaften gründen. Zur weiteren Erleichterung der Lage der Juden werden die Gouverneure angewiesen werden, sie dort, wo sie bisher kein Ansiedlungsrecht hatten, nicht weiter zu belästigen. Auch sollen jene Juden, die jetzt oder im japanischen Kriege verwundet wurden, dieselben Vergünstigungen erhalten wie die echten Russen. Die „Nationalzeitung" fügt ihrerseits der arr erster Stelle gegebenen Mitteilung folgendes hinzu: Alles dies klingt so vielversprechend und unglaublich, daß „Birschewyja Wjedomosti" mit vollem Recht außerordentlich skeptisch dieser Angelegenheit gegenüberstehen. Die Zeitung nimmt Bezug aus alle diese Gerüchte und erklärt, sie seien unglaublich, also müsse irgend etwas dahinter stecken. Es sei einfach ein Manöver der stark geschwächten Rechten, den Juden goldene Berge zu versprechen; daher mache man jetzt von einer liberalen Geste Gebrauch, um das jüdische Kapital zu sich heranzuziehen. Auch glaube man, mit einer solchen Geste Europa blenden zu können. Von einem traurigen Vorfall in Rußland, der aber nur durch einen Zufall nicht durch Gewalttätigkeiten entstanden ist, berichtet unsere Mitarbeiterin M. B.: Wie es sich nach genauer Prüfung herausgestellt hat. wurden bei dem jüngst stattgefundenen Großfeuer in der jüdischen Hauptsynagoge in Petersburg wichtige Dokumente des hebräischen Schrifttums ein Raub der Flammen. Gemäß einer ausführlichen Meldung der Zeitung „Rjetsch" brach das Feuer in dem linlken Flügel der Synagoge auf dem Lermontow-Prospekt aus, wo die sogenannte Malkow- Kapelle sich befindet. Es gerieten sofort Schränke und Truhen in Brand, die wertvolle Gegenstände enthielten, und ehe man in der nächtlichen Stunde des Feuers gewahr wurde, waren die inneren Wände der Kapelle schon vernichtet. Die herbeigeeilte Feuerwehr bemühte sich vor allem, den Herd des Brandes auf den linken Flügel der Synagoge zu beschränken und ein Weitergreifen der Flammen zu verhindern. Am frühen Morgen stellten sich Tausende von Juden aus dem Synagogenhofe ein und suchten sorgsam unter den verkohlten Balken und Brettern die Ueberreste von Thorarollen, Silbergriffen, Glocken und Thorahüllen hervor, die der „Jüdisch-historischen und -ethnographischen Gesellschaft" übergeben wurden. Diele seltene Thorarollen, die aus den von den Deutschen besetzten Gebieten nach Petersburg geschafft worden waren, bargen jene Schränke und Truhen seit 1916, und im ganzen waren es 500, die nach dem Urteil eines Talmudgelehrten den Wert von einer Million Rubel darstellten. Als unersetzlich sind namentlich die ganz alten Thoraschriften anzusehen, die vor mehreren Jahrhunderten kunstvoll hergestellt waren. Etwa 200 von Rauch und Wasser verdorbene Thorarollen hofft man noch erhalten zu können; die völlig verkohlten find nach altjüdischem Brauch auf dem Preobraschensky-Frie-dhof feierlichst in Anwesenheit einer teilnahmsvollen Menge der Mutter Erde als tote Heiligtümer übergeben worden. Wir haben häufig die Anschauung zum Ausdruck gebracht, daß die Juden in dem deutschen Heere und in den Scharen unserer Verbündeten überall vollauf ihre Pficht getan.haben; dagegen haben wir vermieden, einzelne Ereignisse an dieser Stelle zu buchen. Wir geben heute ausnahmsweise eine Notiz aus dem „Pester Lloyd" wieder, die über den Heldentod eines Rabbiners handelt. Die Notiz lautet: Heute traf in Budapest die telegraphische Nachricht ein, daß der als Feldkurat wirkende Oberrabbiner des Fogaraser Komitats Dr. Adolf Kelemen an der Südfront den Heldentod fand. Dr. Kelemen, der im 53. Lebensjahre stand, wirkte seit fünfundzwanzig Jahren als Rabbiner in Fogaras. Bei Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig zur Dienstleistung und wirkte an den verschiedenen Fronten als Feldkurat. Er wurde vor einigen Tagen durch Granatsplitter schwer verwundet und in ein Feldlazarett gebracht, wo er an den erlittenen Verletzungen starb. JH. p. JCrof. 1817 bis 1872. Eine Skizze seiner literarischen Tätigkeit. Von S. Landauer. m die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als in Breslau heftiger Streit um die Besetzung des Rahbinats tobte, begegnen wir Levy zum erstenmal, und zwar an der Seite des

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