Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
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111 Wenden wir uns von den allgemeinen Betrachtungen zu solchen, die besonders jüdische Angelegenheiten angehen, so ist zunächst aus die deutschen Parlamentsverhandlungen die Aufmerksamkeit zu lenken. Die Debatten der letzten Berichtswoche drehten sich im wesentlichen um Kriegsziele und bekundeten, von einer einzigen Rede eines einzelnen ganz links stehenden Sozialdemokraten abgesehen, die vollständige Einmütigkeit aller Parteien zum Ausharren und das unbedingte Vertrauen auf einen endgültigen Sieg. Außer diesen Beratungen über die Kriegsziele handelte es sich jedoch bei den Verhandlungen der verschiedensten Körperschaften auch um innere Angelegenheiten. Infolgedessen wurde in den Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses über Neuorientierung nach dem Kriege auch gelegentlich ein Blick auf jüdische Verhältnisse geworfen. Zunächst verdient besondere Hervorhebung eine Rede des fortschrittlichen Abgeordneten Ehkhoff im Preußischen Abgeordnetenhause, über die eine Zeitungsnotiz folgendes zu erzählen weiß: Antisemitische Velleitäten passen in die jetzige Zeit nicht hinein. (Sehr richtig! links.) Wir bedauern deshalb, uns gegen antisemitische Orgien an einzelnen höheren A n st a l t e n wenden zu müssen. Die Juden haben dem Vaterlande in gleicher Opferwilligkcit gedient wie alle anderen Staatsbürger. Deshalb bedauern wir auch, daß ein so hervorragender Gelehrter wie Herr v. Schmoller sich von diesen antisemitischen Anwandlungen nicht völlig hat freimachen können. (Sehr richtig! links.) Wir bedauern das um sv mehr, als sich Professor v. Schmoller von Professor Schwalbe öffentlich hat sagen lassen müssen, daß seine Behauptungen nicht einmal den Tatsachen entsprechen. In der am Freitag, 2. März, stattgehabten Beratung des Kultusetats wurden jüdische Angelegenheiten gestreift. Der Abg. Cassel bemerkte am Anfang einer bedeutsanien, meist aus allgemeine Schulfragen eingehenden Rede: Die von der Heeresleitung berufenen Feldrabbiner haben sich außerordentlich bewährt. Das ist auch von evangelischen Geistlichen anerkannt worden. Eine Erklärung des Ministers über die Stellung der Feldrabbiner wäre sehr erwünscht. Eine solche Erklärung, die wir für sehr erwünscht gehalten hätten, gab der Kultusminister freilich nicht. Wohl aber gab er eingangs seiner Rede folgende Darlegung, die wir recht willkommen heißen müssen: Ich habe, um den Wünschen, die mir von jüdischer Seite entgegengebracht wurden, einen Erlaß ergehen lassen, daß in das Reifezeugnis über den Religionsunterricht ein Vermerk ausgenommen wird. Wo das schon früher in größerem Umfange der Fall war, ist das auch heute noch möglich. * An demselben Tage ging im Deutschen Reichstage Staatssekretär Helfferich auf die Zurücksetzung der Katholiken in der Beamtenschaft ein, versprach Abhilfe und gab die verheißungsvolle Erklärung ab: „Wir sollten aus dem Kriege lernen, daß wir in erster Linie Deutsche sind, dann erst Parteien und Konfessionen haben." ' Akt zu nehmen ist sodann von folgender Erklärung deS preußischen Kultusministers: „Ich werde niemals für eine Bewegung zu haben sein, die den konfessionellen Eharakt e r unserer Volksschulen beseitigt." Hk Endlich folge hier ein Bericht unseres bayerischen Mitarbeiters L. F.: Leider müssen wir dem ausführlichen Bericht in unserem Aufsatz „Die jüngste Judendebatte im bayerischen Landtag" in Rr. 9 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine sofortige Fortsetzung geben. Bei der weitergeführten Beratung kriegswirtschaftlicher Fragen im Finanzausschuß der Münchener Abgeordnetenkammer kam nämlich am 27. Februar der neulich meinerseits genügend charakterisierte ultrakonservative Fraktionsführer Beckh auf das ihm ans Herz gewachsene Judentumzurück, in dem er einen längeren saft- und witzlosen neuerlichen Ausfall vom Zaun brach. Da die wörtlichen Berichte über die Ausschußsitzungen sehr schwer öffentlich zugänglich sind, augenblicklich überhaupt noch nicht, so müssen wir uns hier auf die Wiedergabe der Parlamentsreferate zweier angesehener, keineswegs irgendwie von Juden abhängigen oder grundsätzlich judenfreundlichen Tageszeitungen beschränken. Die „Münchener Neuesten Nachrichten" (Nr. 106) melden von Abgeordneten Beckhs Rede: „Ueber die I u d e n f r a g e sollte ein eigener Lehrstuhl errichtet werden. Die Statistik weist aus, daß beim letzten juristischen Staatskonkurs (erste Prüfung) fünf Zwölftel (??) der Teilnehmer Juden waren. Die scharfe Nachmusterung im Heere wird die Juden, die Drückeberger sind, auch nicht an die Front bringen. (Trotz Ersuchens des Vorsitzenden, seine Ausführungen über die Judenstatistik doch etwas einzuschränken, nimmt der Redner für diese Ausführungen mehr als eine halbe Stunde in Anspruch)." Der nachfolgende Redner, der dem Zentrum angehörige Arbeitersekretär Oswald, flocht in keine Rede die schier unglaubliche Behauptung ein: „Die I u d e n st a t i st i k ist zum Vorteil der Juden angeordnet." Von weiteren Teilnehmern an der Erörterung griff der linksliberale Rechtsanwalt K o h l (München) mit folgender Auslassung auf die jüngste Aussprache zurück: „Die Behauptung, daß die Zugehörigkeit zu katholischen Studentenverbindungen noch immer einen Hinderungsgrund bei der Offizierswahl bilde, ist irrig. Toleranz für alle Religionen und Geistesrichtungen, also auch Toleranz für Dissidenten und Jude n." (Wir drücken hier alle dieselben Ausdrücke breit, wie die angeführte Zeitung.) Ergänzend stehe daneben ans dem Bericht der „Pfälzischen Rundschau" (1. März), welche im übrigen die bezüglichen Oswaldschen und Kohlschen Aeußerungen ausläßt, die Widerspiegelung der oben ansgezogenen B e ck h s ch e n Angriffe: „Schließlich verbreitet er sich über die übermäßigen Zugänge jüdischer Elemente in die Beamtenlaufbahn und zum Reserveoffizierkorps und verlangt eine amtliche Statistik, wie viele Juden Kriegsorden tragen und wie viele gefallen sind." Na, eine solche Statistik darf den Juden und Judenfreunden nur recht sein. Festgestellt werden muß auch diesmal wieder, daß der Kriegsminister General v. .Hellingrath während der ganzen Sitzung anwesend war und, den Abgeordneten Rede stehend, bereitwillig über alles mögliche Auskunft gab, aber die die Juden betreffenden Ausfälle und Fragen wiederum völlig aus dem Spiele ließ, obwohl er doch zu deren positiven Erledigung verpflichtet war. Wir sind gespannt, ob sich die amtliche „Bayerische Staatszeitung" auch jetzt wie vorige Woche bewußt abschwächend, kürzend und ausmerzend zu jenen Verhalten wird. Am 28. Februar, dem Schlußtag der Ausschußverhandlungen, kam Abg. Speck (Zentrum), Oberregierungsrat im Verkehrsministerium, als Mitreferent auch auf den Judenerlaß zu sprechen, den Abg. Dr. Müller einer überaus scharfen Kritik unterzogen hatte. Dem Anträge habe jedoch jede antisemitische Tendenz ferngelegen, und er sei geradezu eine erlösende Tat im Interesse der Klarheit und Wahrheit gewesen! Der Referent, Geheimrat Tr. G ü n t h e r (Fortschrittliche Volkspartei), erklärte darauf in seinem Schlußwort, daß er alle „Antisemitika", die in der Debatte eine Rolle spielten, in seinem Bericht an das Plenum im Interesse des Burgfriedens nicht erwähnen werde. Ter anwesende Kriegsminister schwieg sich auch diesmal über das Thema völlig aus, wie auch die „Bayerische Staatszeitung" noch an: 2. März diese Anssprache gänzlich ignorierte! * Antisemitisches wurde in der Presse lebhaft erörtert. Die „Welt am Montag" polemisierte mtt großer