Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 2. März 1917 . 81. Jahrgang Nr. 9 Der Grmeindebore. Beilage zur „Allgemetarn Leitung de- Iudrutumß". korrrhwndrn?rn und Aachrichlm. SeutschlsnÄ. R. A. Berlin, 27. Februar. Di-e Wis.senschastliche Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin hielt ihre ordentliche Generalversammlung ab. Aus dem Jahresbericht sei folgendes rnitgeteilt: „Im Jahre 1916 fanden sieben Sitzungen der „W. V." statt. Es hielten Vorträge: Herr Dir. Dr. G u t m a n n: Die Lehre von der göttlichen. Vergeltung. Herr Rabbiner Dr. Lewkowitz: Wias müssen unsere Jungen zur Barmizwah wissen? Herr Rabbiner Dr. Hochfeld: Bemerkungen zum apologetischen Unterricht. Herr Dr. B. Kellermann: Glauben und Wiflen bei den Religionsphilosophen des Mittelalters. Herr Lehrer R. H i r s ch f e l d: Die Revision des Unterrichts an den Religionsschulen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Herr Dr. Elb o gen: Einige neuere hebräische Werke über jüdische Geschichte. Herr Lehrer Hirschseld: Der Unterricht im Hebräischen. In einzelnen Sitzungen wurden teils im Anschluß an die Vorträge, teils auf Grund besonderer Referate Gesuche an den Vorstand der Jüdischen Gemeinde beschlossen; einen großen Raum nahmen die Gesuche um Teuerungszulagen für die nicht fest eingestellten Religionslehrer und Lehrerinnen ein. Die Zahl der Mitglieder beträgt zurzeit 96: 73 Herren und 23 Damen. 20 Mitglieder sind zurzeit im Heeresdienste; ihnen sowie den im Felde stehenden Söhnen der Mitglieder wurde durch Liebesgaben zu Schowuaus, den großen Ferien, Rauschhaschonoh und Chanuka ein Zeichen des Gedenkens gegeben. In der Vorstandswahl wurde der alte Vorstand, die Herren F a l k e n b e r g, Abraham, H i r s ch f e l d, Sacher und Frau Rosenthal-Budwig, wiedergewählt. Sodann hielt Herr Hirschfeld sein Referat über den hebräischen Unterricht. Zunächst sprach er über die verschiedenen Unterrichtsziele für das Hebräische, wie sie von Hecht, Prof. Mahbaum und Dir. Holzmann aufgestellt worden sind und die einerseits zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienste, anderseits zur Kenntnis der Quellen im Urtexte führen sollen. Zur Praxis übergehend, führte der Referent die Gründe an, die sich der Erreichung dieser Ziele entgegenstellen und die Arbeit zu einer so fruchtlosen machen. Dieses sind die geringe Zeit, die für das Hebräische verwandt wird, und das mangelnde Interesse des Hauses und dadurch der Kinder am Unterricht. Was die Lehrbücher anbetrifft, so sind wir damit heute besser versehen als früher. Trotzdem wird fließendes Lesen nur in den seltensten Fällen erreicht. Beim Uebersetzungsunterricht bereitet es vor allem Schwierigkeiten, daß kein rechter methodischer Fortschritt vom Leichten zum Schweren möglich ist, sowohl was das rein Sprachliche wie auch vor allem das Inhaltliche betrifft, wo den Kindern häufig über ihr Verständnis Hinausgehendes geboten werden muß. Bei dem äußerst wichtigen Grammatikunterricht läßt sich höchstens mit Schülern höherer Lehranstalten etwas erreichen, während den Gemeindeschülern meist das grammatische Verständnis fehlt. Der Referent möchte Vorschlägen, als Unterrichtsziel anzusehen: die Befähigung der Kinder, sich mit Hilfe einer guten Uebersetzung im Gebetbuche zurechtzufinden und vielleicht auch etwas im Pentateuch. Solange der Uebersetzungsunterricht in seiner jetzigen Form bestehen bleibt, ist es wünschenswert, ihn so weit wie möglich hinaufzuschieben und nach einem methodischen Vorbau erst im 11. bis 12. Jahre mit dem eigentlichen Aufbau zu beginnen. In der Aussprache betonte Herr A u e r b a ch , daß zu einem einigermaßen gedeihlichen Unterricht drei Forderungen nötig seien: ausreichende Stundenzahl, regelmäßiger Besuch des Unterrichts durch gleichartiges Schülermaterial und gute pädagogische Vorbildung der Lehrer. Die Auswahl des Uebersetzungsstoffes solle aufs Aeußerste beschränkt und im Hinblick auf den Gottesdienst getroffen werden; daneben könnten aus der Bibel besonders Belegstellen zur Unterstützung herangezvgen werden. Infolge vorgerückter Zeit wurde die weitere Aussprache auf die nächste Sitzung verschoben, zu der Herr Hirschfeld Leitsätze aufzustellen versprach. Berlin, 27. Februar. Am 20. d. M. ist nach kurzer Krankheit, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag, Herr L v u i s Lew i n Bamberg er verschieden. Der Verklärte, in weiten Kreisen geschätzt und hochgeachtet und einer alten Berliner Familie entstammend, gehörte der Reprüsentantenversammlung unserer Gemeinde von 1875 bis 1886 an; von 1894 bis 1897 war er Mitglied des Gemeindevorstandes. Auch an anderen Stellen wirkte er jahrelang segensreich im Dienste des Judentums. Die Beerdigung fand den Wünschen des Entschlafenen entsprechend am vorigen Freitag in aller Stille in dem Familienbegräbnis auf dem Friedhofe in der Schönhauser Allee statt, wo der Verstorbene an der Seite seiner ihm im Tode vorangegangenen Gattin ruht. Zur Totenfeier hatte sich eine zahlreiche Trauergemeinde eingesunden, in der Vorstand und Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde durch Abordnungen vertreten waren. Oberkantor Wilhelm Klein von der Neuen Synagoge sprach die traditionellen Gebete, dann wurde der Sarg der Erde übergeben. Jannuach beschalarn! §2 Berlin, 27. Februar. Jüdischen Lehrern., die ein über die Bedürfnisse des Eleinen-tarunterricht hinausgehendes Wissen auf denr Gebiete der Religionswissenschaften Nachweisen wollen, ist Gelegenheit geboten, vor einer vonr Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde eingesetzten Kommission durch Wlegung einer Prüfung den gewünschten Nachweis zu erbringen. Die Prüfung, die jährlich im März und im September stattfindet, erstreckt sich auf folgende Gebiete: Methodik, biblische Geschichte, .Hebräisch, jüdische Geschichte. Religionslehre, Religionspihilosophie und Elnleitungswissenschaft. Gesuche ltm Zulassung zur Prüfung sind zu richten: An den Schul- und Talmud-Thora-Vorstand der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. Interessenten wird auf Ersuchen Abdruck des Prüsungsreglements verabfolgt. 1 ' Berlin, 27. Februar. Seitens der hiesigen Jüdischen Gemeinde werden Kurse unterhalten, durch welche Lehrerinnen und Seminaristinnen Gelegenheit geboten ist. sich in sämtlichen Fächern des jüdischen Reiligionsirnterrichts und in der Methodik dieser Disziplin auszubilden. Die Kurse dauern drei Jahre. Am Ende der Ausbildungszeit findet eine Abschlußprünlna statt, über deren Ergebnis ein Zeugnis ausgestellt wird. Die Teilnahme ist unentgeltlich. Für die Teilnehmerinnen an den Kursen sieben aus dein Julius Bleichröderschen Legat einige Stipendien zur Bersüaung Das Sommersemester beginnt am M o n t a a . d e n 16. A v r i l d. I. Meldungen nimmt der Leiter der Kurie. Herr Rektor Dr. Spanier, in der Mädchenschule, Kaiserstrasie 29—30, entgegen, der auch zu jeder weiteren Auskunft bereit ist. E. M. Berlin, 27. Februar, lieber soziale Aufgaben und Leistungen der politischen und religiösen Gern c i n de n svrack) am 12. d. M. Rabbiner Tr. M a r Wiener (Stettins in einer Montaasvorlesuna in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Nur einige Ntomente aus dem interessanten Vorträge mögen bier folgen: Der Blick auf die Thoragesetze belebrt über die hochentwickelten sozialen Vorstellungen des Judentums. Die Beschränkung der Köuiasaewalt. das durchaus moderneu au mutende Grundrecht, das Gott zum Besitzer alles Bodens macht, den das Volk nur zu Lehen trägt, sollen der Verelendung der Bürger Vorbeugen. Mag auch viel von diesen Gesetzen auf den: Papier geblieben sein, so stellen sie doch jedenfalls ein hochentwickeltes Sozialprogramm dar. das allen Menschen ein gottcswürdiaes und menschenwürdiges Leben sichern will. Im Gegensatz zum biblischen Schrifttum, das die Gesetze für das Volk auf eigenem Boden gab. beschäftigt sich das rabbinische Schrifttum mit deu Vorschriften für das Individuum. Nach der Zerstörung des Staates wurden eben die Einzelgemeinden die Träger des sozialen Gedankens. — In konseguenter Entwicklung des sozialen Ideals unserer Alten versucht heute der Staat durch gesetzgeberische Maßnahmen, Versichernngsbestimmungen usw. seinen Bürgern ein Eristenzminimum hn Alter zu sichern. Diese Versicherungen stellen den größten Versuch aller Zeiten zur Lösung der sozialen Frage dar. Ein Teil der Aufgaben, die dem Staat und den Kommunen in der Versorgung ihrer Bürger zufallen, wird von den jüdischen Gemeinden unserer Zeit durch freiwillige Mehrleistungen ergänzt, so daß der Haushalt -einer jeden jüdischen Gemeinde große Aufwendungen für soziale Hilfeleistungen aufznwendeu hat. Maßgebend für die ergänzende jüdische Liebesarbeit