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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 lenen Füßen wohnt, deren Mann vor Arras gefallen ist. Sie hat vier Kinder. * Väterchen, wenn die Tage so sind, dann komme ich ja kaum noch zu dir. Jetzt ist es spät abends. Ich schreibe, damit sich endlich mal wieder meine Gedanken still und warm und friedlich um den einen lieben, teuren Mittelpunkt schließen. Denn das bist du doch und mußt es bleiben und warst es, solange ich lebe, wenn ich es auch früher nicht so gewußt habe. Ist etwas schon nicht mehr ganz wahr, wenn man es nur merkt und nennt? Nicht wahr, Vater, du bist der Mittelpunkt metne§ Lebens, und alles, was ich tue und erlebe, das kreist nur lose lim dich herum. Das kann deine Trude wohl etwas zerstreuen, aber sie kehrt dann zurück zu dir, wo ihre Heimat und ihr Friede ist. Vater, laß nichts Fremdes kommen zwischen dich und mich, keine Unruhen, keine neuen Aengste. Ich habe dich gehabt und dich verloren und dich doch nicht, verloren. Alles tat ich doch in dir, unter deinen gütigen, sorgenden Augen. Ich habe ein Paar neue Menschen kennengelernt. Was tut das, Vater? Was haben denn fremde Leute je für Anteil an unserem Leben gehabt! Ein Höflichkeitsbesuch, der zu erledigen war, den man ein wenig abfällig, ein wenig mokant, um den anderen einen Spaß damit zu bereiten, besprach, oder einen von den vielen Wohltätigkeitswegen, die dir am Herzen lagen. Gehört habe ich nur dich, geglaubt nur dir, mich gesorgt nur um dich. Freilich, meine Sorgen brauchst du incht mehr, und die Stimme, der ich glaubte, ist verstummt. Wie war das doch alles, Vater, die letzte Zeit, seit du tot bist?! Tr. Westphal trat in mein Leben. Er war dein Freund; das öffnete ihm meine Tür. Als ich seine „Tante Trude" geworden war, da war es mir, als habe ich dir etwas zu erzählen. Sobald er weggegangen war, trat ich vor dein liebes Bild, das ich immer vor mir stehen habe und das inir doch auf einmal ganz neu erschien. „Hast du es gehört, Väterchen, eine „ehrwürdige Erscheinung" hat er von dir gesagt, wie ein „gütiger Großvater!" — Tu bist sein Großvater, Väterchen, hörst du? Also bin ich seine Tante Trude." Ich ging dann in die Lazarette, ich koche für die vier Kinderchen der armen Friseuse. In viele Häuser ging ich, überall, wo mich Günther hinschickte, und hatte immerzu dafür zu tun. Manche von den armen Menschen brauchten nicht mehr wie alles. Nun habe ich eine Frau sitzen, auch eine Kriegerfrau. Die näht. Ihr Mann ist im Felde, und sie kann die paar Groschen brauchen. So hast du mich immer gern gesehen, Vater, du warst za so sehr für das Wohltun. Und daß ich jetzt öfters Besuch bekomme — es ist ja w»hl natürlich, und du hättest nichts dagegen, wenn ich jetzt, wo kein lieber Kranker mehr dadurch gestört wird, etwas Verkehr pflege. Ein paar neue Bekannte durch Günther, und ältere, die hier immer im Ort geblieben sind, mit denen man sich aber ganz aus den Augen verloren hatte. Cilli Benjamin, mit der ich zusammen zur Schule ging, und die ich dann nur noch alle Paar Jahre mal auf der Straße oder in einem Geschäft traf. Wir haben uns schon jahrelang nie mehr angesprochen. Es ist doch nett von ihr, daß auch sie mir ihr Beileid brachte. Seitdem kommt sie öfters. Ich weiß doch, all das würdest du billigen, es wäre dir sogar lieb so. Was ist es denn nur, was mich so ängstigt, was mich nicht den Frieden finden läßt, den ich mir doch täglich verdienen will? Ich rechne mir mein Tageiverk vor, von früh an — ich tue doch nichts Böses. Vater, immer ist es mir, als habe ich ein böses Gewissen. Sieht so die Trauer aus, wenn sie älter ist? Vater, wenn du mir doch nur noch ein einziges Mal sagen könntest, daß du einverstanden wärest mit deiner Trude, daß ich — das sagtest du immer, wenn du so recht, recht zufrieden warst —, daß ich „dein gutes, gutes Kind" sei. * Mich schreckt etwas. Mein Blick fällt auf den letzten Satz, den ich das vorige Mal schrieb. Wenn Eilli Benjamin das mit „dem guten Kind" läse. Ich höre im Geist ihr spitzes, Helles Lachen. Ich habe Angst vor diesem Lachen, und immer muß ich mir wieder sagen, wie unglücklich Cilli ist, damit ich sie ertrage. Aber nein, so ist es auch nicht. Wenn die Einsamkeit so schwer und dumpf auf mir lastet, dann sehne ich sie beinahe herbei, besonders, wenn ich nicht wohl genug bin, mich zu dem besten Retter in der Not zu flüchten, zur — Arbeit. Günther Westphal will mich ein wenig in die Kur nehmen; er meint, es sei nur natürlich, daß meine Nerven versagen nach all den schlaflosen Nächten und der großen Ueberanstrengung. Und gerade, wenn mich irgendein körperliches Unbehagen aus meinem Tagesprogramm reißt, dann empfinde ich die Armut meines Daseins, da schreit etwas in mir nach Leben und Erleben. Soll ich denn schon zufrieden damit sein, für andere zu kochen und zu nähen? Ja, wenn ich krank genug bin, den allzu beschäftigten Arzt rufen lassen zu können! Aber so gut kommt es einem selten. Man kann schon eine große Dosis Uebelkeit und Schwäche fühlen, ehe man das verantworten kann. Und ivenn mein Arzt kommt, heilt er beinahe gar zu gut. Man vergißt, warum man ihn hat holen lassen, und wir reden über alles mögliche, nur nicht über mein Befinden, bis er mir zuletzt, ehe er weggeht, noch mit so wichtiger Miene, als ärgere ihn schon vorher irgendeine Uebertretung seiner ärztlichen Vorschrift, seine Verordnungen gibt. Und wenn ich ihm dann ins Gesicht lache, wird er böse: „Holen Sie sich, wen Sie wollen, als Arzt, aber nicht einen, den Sie auslachen." Und dann halte ich ihn bei der Hand fest uÄd sage: „üftein, just mit dem bin ich zufrieden. Mit dem Arzt wechselt man nicht." Ja, mit Freund Günther kann ich jetzt schon manchmal richtig lachen und blicke dabei in vollem Herzensfrieden zu der Staffelei hinüber, von der jetzt Vaters liebes Bild in Lebensgröße zu mir hinschaut. Ich habe nicht das Gefühl, als vergesse ich seiner, wenn ich lache. Im Gegenteil, auf dem Bild, das noch aus seinen besseren Tagen stammt, liegt sein ernstgütiges Lächeln. Da ist es mir, als lächle er uns beide an und freue sich der lieben Gesellschaft. Er hat ja so viel auf den jungen Kollegen gehalten, war sein „gütiger Großvater". Und ich bin seine „Tante Trude". Daß ich nur nie, nie den Verwandtschaftsgrad vergesse! — Er nennt mich jetzt auch anstandslos so, und es klingt lieb und traulich. Ich bin Günther dankbar dafür, daß er mir so viel aus seiner Praxis erzählt und seine Nöte mir ein wenig vorklagt. Er hat da im Lazarett einen häßlichen, eifersüchtigen Kollegen, der ihm das Leben schwer macht, und seine Hauswirtin läßt ihn frieren und ist nie fertig mit dem Morgenkaffee, wenn er in den Dienst will. Du lieber Himmel, der blutjunge Mensch hat mir Helfer und Arzt sein wollen, und es ist ihm in so mancher Hinsicht gelungen. Ganz unmerklich hat sich unter seiner Leitung mein Leben gewandelt. Aber in den praktischen Dingen des Lebens und so allerlei bin ich nun doch seine „Tante Trude". (Fortsetzung solgt.)

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