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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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107 Hah und Lüge. (Purim 1917.) PJ ür Israels verfolgte Erben kam eine Zeit der schlimmen Not. "VJ Ein Haman sann für sie Verderben und warf ihr Los auf blut'gen Tod. Da hallte Wehgeschrei und Klagen durch Persiens Länder dumpf und bang; doch in das Todesgrau'n und Zagen ein Trosteswort verheißend klang: „Der Haß kann Juda nicht vernichten. Nur Mut! — Gott wird den Haman richten." Des Hamans rasche Boten eilten von Land zu Land, von Ort zu Ort und pflanzten, wo sie immer weilten, als gist'ge Saat ihr Lügenwort: „Den Juden Tod! — denn sie verhöhnen, was allen Persern heilig ist. Mit Juda gibt es kein Versöhnen; sein Lebenswerk ist Trug und List." Doch Lüge kann uns nicht vernichten! Nur Mut! — Gott wird den Lügner richten. Schon wollte Juda ganz verzagen vor Hamans Haß und seiner Macht, da ließ uns Gott aus Dämmerung tagen und wandelte in Licht die Nacht. Vor seiner Liebe brach in Scherben der finstere Haß mit Lug und Droh'n. und den Verderber traf Verderben; doch Rettung war der Frommen Lohn. Will heut' auch uns der Haß vernichten: Nur Mut! — Gott wird den Haman richten. Der Hasser ging im Haß zugrunde; jedoch sein Lügenwort ging auf und pflanzt' sich fort von Mund zu Munde durchs Perserland im Sturmeslauf, bis strahlend Judas Tugendkrone sich über Lügenmacht erhob und vor der Wahrheit leichtem Throne der Lügengeist in Nacht zerstob. Will uns der Haß durch Lug vernichten: Nur Mut! — Gott wird sie beide richten. Mein deutsches Land, ihr deutschen Brüder, der Lügengeist vergang'ner Zeit kam mit dem Haß zur Menschheit wieder und weckte Glut und Grimm und Streit. Laßt sie nur sinnen auf Verderben; es mache euch die Furcht nicht bleich, denn über Trümmer, über Scherben naht einst ein Purimtag auch euch. Und vor der Friedenssterne Blinken wird auch der Hamansgeist versinken. Gclsenkirchen. S. K a tz. S Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ie haben doch Eltern", sagte ich und versuchte, meine Stimme nicht zittern zu lassen. Eltern und Freunde sind zweierlei." „Bei Gott, ja," stimmte ich beinahe inbrünstig vor Wehmut bei — und er schaute wie leis erschreckt auf. Wir hatten einmal wieder dasselbe gesagt und verschiedenes gemeint und fühlten es beide. Das gibt immer eine leise Fremdheir. die sonst nicht zwischen uns ist. Solche Fälle machen den Doktor dann leicht verlegen, und er sagt etwas, was ihn mir noch ferner rückt. „Meine Eltern sind doch schon sehr alt," suchte er zu erklären. „Wie alt denn?" „Der Vater 67 und Mutter. — ja. warten Sie mal. Mutter hat auch schon ihre 60 auf dem Buckel." „Und das nennen Sie alt?" Er sah noch hilfloser aus. „Meine Eltern sind doch ganz einfache Leute." „Aber das ist doch ganz egal," sagte ich weich und fühlte, daß mir schon wieder die Stimme zittern wollte. Bei dem Thema kann ich noch immer nicht hindern, daß mir die Tränen im Halse hochsteigen. „Na ja doch, natürlich." meinte er. „Aber sehen Sie, Vater ist Bäckermeister, und Mutter — du lieber Gott, mein altes Muttelchen hat ewig ihren Aerger mit der Wäsche und mit den Leuten in der Backstube. Was soll ich mir mit denen viel zu sagen haben!" „Aber das ist doch alles ganz egal." sagte ich, vielleicht nicht ganz logisch, aber ich hatte das sonderbare Gefühl, ais stehe ich zu den beiden Alten dort, und wir drei seien beleidigt von dem jungen Fremden hier. Ganz fremd waren wir uns in dem Augenblick, der junge Mensch und ich, zwei Generationen, zwei Geschlechter, zwei Rassen. Und doch sah ich seinen ehrlichen Willen, der Tochter seines alten Freundes wohlzutun. „Mit Ihrem Vater konnte man sprechen, Fräulein Trude. Der verstand einen in allem, der — ich habe ihm sehr viel zu verdanken — nein, nein, reden Sie nichts dagegen, es ist schon so, und wenn mir jemand etwas Gutes erwiesen hat, das vergesse ich nicht wieder. Aber auch abgesehen von dem Positive.,, das ich ja mit Ihnen nicht weiter besprechen will, gleich vom ersten Augenblick an hat mir seine ehrwürdige Erscheinung solchen Eindruck gemacht," er wurde rot, als stammle er eine Liebeserklärung — „wie so ein gütiger Großvater ist er mir immer erschienen." Wo war die Fremdheit, der Alters- und Wesensunterschied? Ich ging auf ihn zu. Ganz heiß war es mir im Herzen ausgewallt; ich glaube, die Wärme muß mir auf den Wangen gebrannt, muß mir aus den Augen geleuchtet haben: „Lieber Günther" — ich reichte ihm die Hand. „Liebe Trude!" sagte er ein wenig fragend und ergriff die Hand, „nicht wahr, ich darf doch?" Ich lächelte ihn sanft an: „Mutter Trude," verbesserte ich, „wenn mein Vater Ihnen als gütiger Großvater erschien," und als er den Kopf schüttelte, „na, dann wenigstens Tante. Etwas muß ich schon davon haben, daß ich Ihres lieben Großvgjers Tochter bin. Also, Handschlag, junger Freund Günther, ich bin Ihre Tante Trude." Er küßte mir die Hand. Das wirkte fast ein bißchen feierlich, da der junge Bäckerssohn keine Kavaliermanieren hat. „Auf Wiedersehen, Tante Trude," sagte er und betonte die „Tante" mit lustigem Spott. Ich freute mich beinahe ein wenig, daß er meine Tantenschast lächerlich nahm. Aber richtig ist es doch, daß wir uns nicht einfach so beim Vornamen nennen. Du lieber Himmel, ich mag 15 Jahre älter sein als er. Da ist es doch so angemessen. Aber was rede ich? Das sind ja alles nebensächliche Dinge. Ich soll — ich habe es mir ja ausgeschrieben — wo schickte mich doch gleich mein Adoptivneffe zuerst hin? Richtig, hier, nach der Sachsstraße Nr. 6, wo die arme Frau mit den geschwol-

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