Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Die Militärbehörde erwies den jüdischen Kämpfern das größte Entgegenkommen. Am Vorabend des Festes versammelten sich schon rechtzeitig vor dem Eingang des Kriegstempels die Kämpfer aus den verschiedensten Richtungen — von den verschiedensten Truppengattungen. Da gab es ein Hin und her, ein Begrüßen von Bekannten, ein Aussragen, ein Erzählen, eine Freude, eine Erhebung . . . Siehe da — zwei Musketiere lagen sich in den Armen, und noch hielten sie sich fest umschlungen, als ein dritter — ein Unteroffizier — hinzueilte und mit offenen Armen sich auf die beiden stürzte. Es waren jene drei Brüder, die sich jetzt zum erstenmal wiedersahen. Im selben Augenblick erschien auch Herr Feldrabbiner Dr. Italiener. Er wurde aus den Vorfall aufmerksam gemacht, eilte hinzu und drückte seine Freude den Brüdern über den erfreulichen Zufall aus. Noch vor Beginn des Gottesdienstes schrieben sie ihren Eltern, und der Herr Rabbiner fügte eigenhändig seine Wünsche und seinen Festesgruß bei. Das war ein erhebender Rosch-Haschono für die Brüder, aber auch für die Eltern. Das Fest ging zur Neige. Erbaut und gestärkt durch den Gottesdienst ging alles wieder auseinander. Auch die Brüder mußten sich trennen. Mit einem Segensspruch des Rabbiners traten sie den Weg zu ihren Truppengattungen und Stellungen an. „Auf Wiedersehen am Jom Kippur!" erscholl es von allen Seiten ... Auf Wiedersehen! Ein schönes Wort — Erev Jom Kippur. Der Rabbiner ließ alle Vorbereitungen für den Gottesdienst treffen. Tie Herren Kantoren, alles hervorragende Kräfte von Beruf, haben sich auch schon eingestellt. Dann begab sich der Herr Rabbiner zum Bahnhof, um den ältesten der drei Brüder abzuholen. „Welche Ehre!" entfuhr es den Lippen des Aussteigenden, als der Herr Rabbiner ihn begrüßte. „Leider muß ich Ihnen eine betrübende Mitteilung machen. Gestern ist ihr jüngster Bruder Joseph gefallen, und heute haben wir ihn mit allen militärischen Ehren bestattet." Alex brach zusammen. In den Armen des Rabbiners schluchzte er: „Unser guter Bruder Joseph ist nicht mehr! — Die armen Eltern! Er — war — der— beste —, der jüngste, der Stolz von Vater und Mutter." Und am Jom Kippur standen im Tempel nur noch zwei Brüder und sagten schluchzend den Kaddisch für den gefallenen Bruder Jvfeph. — Die Todesnachricht wirkte, wie man sich denken kann, recht erschütternd auf die alten gebrochenen Eltern-Tränen, nichts als Tränen rollten über ihre zerknitterten Wangen — von allen Seiten die größte Teilnahme, doch wer und was vermag hier Trost zu bringen! Unser — jüngster Sohn — Joseph ist nicht inehr. ... Es ist nicht auszudenken. Mit der Zeit muß auch der stärkste Tränenquell versiegen. Tie Eltern beruhigten sich wieder, versuchten sich -- wie viele andere - in das Unvermeidliche zu finden. Der Vater pflegte immer ju sagen: „Zu dem, was Gott tut, müssen wir schweigen — was können wir auch tun! . . ." Drei Wochen später. „Alex hat schon lange nicht mehr geschrieben", meinte die besorgte Mutter. „Ich ahne nichts Gutes — —" „Was du auch den ganzen Tag grübelst! Bedenke doch, daß wir Krieg haben und daß die Post unserer Kinder schon des öfteren längere Zeit ausgeblieben ist. Nur nicht immer gleich an das Schlechteste denken!" So bemühte sich der Vater, sein armes Weib zu beruhigen. Ein Bekannter kam-„Leider muß ich euren Schmerz noch vergrößern. — Euer ältester Sohn Alex ist auch ein Opfer des Krieges geworden." — Nun war das Maß voll. Tränen, Tränen, und nichts als Tränen aus dem schon halb vertrockneten Quell. Wer vermag, den Schmerz der so schwer geprüften Eltern nachzuempfinden! Der Alte murmelte immer mit gepreßter Stimme: „Das ist der Krieg. Das ist Gottes Wille! Ja, ja, das ist der Krieg! — Armes Weib ..." Und die junge Gattin schluchzte an der Mutter Brust. Sie konnte nicht ausdenken . . . den Gedanken . . . Sie konnte und mochte es nicht glauben . . ., daß ihr kurzes Glück aus Erden schon ein Ende haben sollte . . . Drei Jahre war das Paar glücklich verheiratet! . . . Soll das Leben wirklich nur ein Traum fein? . . . „Jst's denn auch wahr?" fragte immer wieder die junge, fast verzweifelte Gattin . . . „Es kann nicht sein... Es darf nicht sein..." „Sicher ist es wahr..." Ein Bekannter schrieb es. Die Kompagnie berichtete es. Man fand auf dem abgesuchten Schlachtfelde den Mantel mit der Totenmarke, den Tornister mit Inhalt. Auch das Gebetbuch lag darin mit dem eigenhändig geschriebenen Namen. Es kann hier kein Irrtum, keine Verwechslung vorliegen. Vierzehn Tage später. Der Postbote kommt und bringt eine Karte, die die junge Gattin am Hauseingang nimmt. Ein Schrei gellt durch das ganze Haus . . . Alex lebt! ... . Alles stürzt herzu ... er lebt ... er ist in französischer Gefangenschaft. Ja, es ist wahr, er lebt. . . . Mit gleicher Post erhielten auch die Eltern die Freudenbotschaft. ... . Dort Freude — und hier Freude. Beide eilten zur Post und brachten sich gegenseitig die Freudenbotschaft. Wie sich der Fall aufklärte! Bei einem Sturmangriff warf der kühne Streiter Mantel und Tornister fort, die man später fand, und er geriet in Gefangenschaft. Eines Tage kam wieder der Herr Pfarrer des Ortes, um den heimgesuchten Eltern seine Teilnahme zu bezeugen... „Ihr kommt nicht zu mir, so komme ich zu euch." Und der ehrwürdige Herr tröstete: „Sv wie Jakob nach langer Zeit der Trennung seinen Sohn Joseph wieder zu Gesicht bekam, so werdet auch ihr euren Sohn Joseph'Wiedersehen . . . nicht hier . . . aber dort oben . . ." Als der Pfarrer merkte, daß er ein willkommener Gast war, kam er öfter und hielt den beiden alten Gläubigen Gottesdienst im dürftig ausgestatteten Stübchen in rücksichtsvollster Weise. Jedesmal ließ er sich die tränendurchfeuchtete, schon ziemlich vergilbte Bibel Heben und knüpfte an irgendeinen Vers, den er zum Erstaunen seiner Zuhörer auch hebräisch sprach, eine erbauliche Betrachtung. Zum Trost wollen wir den armen Eltern ihres Sohnes eigene Worte ins Gedächtnis zurückrufen. Man fand den Zettel mit nachfolgenden Zeilen in seinem Gebetbuch, das später mit den Hinterlassenschaften des Gefallenen den Eltern zugesandt worden ist: Gott schütze euch vor fernerem Leid ... Am Ende eurer Lebenszeit; Denkt an eures Sohnes Wort: Gott ist euer Fels und Hort. Seid stark und fest in Gott dem Herrn. Wahres und Starkes hat er gern. Zweierlei gilt's für uns zu erstreiten: Die Feind' zu besiegen auf allen Seiten Und die Menschen zu lehren für alle Zeiten, Füreinander zu lieben, zu leben, zu leiden. Mag's noch so viele Opfer kosten, Deutscher Mut wird nie verrosten! . . . Wir kämpfen in fester Einigkeit Für Wahrheit und Gerechtigkeit!