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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 jährig-Freiwilligen einen großen Teil der Abteilung ausmachten, von diesen nie mitbezogen wurde. Ich beriet mich, wie in allen wichtigen Militärangelegenheiten, die ich aus alleinige Verantwortung nicht unternehmen mochte, mit den beiden Herren (Advokaten) Dr. R. und Dr. B., die an der Spitze der -jüdischen Gemeinde standen, über die Schritte, die ich vor- 'hatte, und sie billigten dieselben. Ich schrieb also an den Herrn Haüptmann, daß ich in dringender, dienstlicher Angelegenheit um eine Unterredung indienstlichen Räumen unter vier Augen bitte; er möge mir gütigst Zeit und Ort bestimmen. Er bestellte mich auf den nächsten Tag 11 Uhr in die an das Uebungsseld des betreffenden Regimentes stoßende Kaserne. Ich sah ihn aus dem Uebungsselde vor seiner Einjährig-Freiwilligen-Abteilung, die um ihn versammelt war, als ich in Zivil in das mir genannte Gebäude eintreten wollte. Ich ließ ihm durch einen dienstfreien Soldaten Mitteilen, daß ich gekommen sei. Sofort folgte er mir in das Dienstzimmer nach, wo. ich mich, in freundlicher Weise begrüßt, mit ihm an einen Lisch, setzen mußte.. Darüber gab ich ihm einen anonymen Brief, der mir die peinliche Situation der jüdischen Einjährig- Freiwilligen eingehend schilderte und namentlich die Beschimpfung derselben durch die Verweigerung des Postenbezuges am betreffenden Vertrauensorte berührte. Er leugnete^ keinen Augenblick die angeführten Insulten und erklärte den Nichtbezug des betreffenden Postens durch Juden für Zufall. Mit dem größten Entgegenkommen erklärte ich, daß ich gar nicht daran denke und gedacht habe, solche Dinge, die bei dem schweren Dienste der Einjährigenschulung mit unterlaufen könnten, zum Gegenstand amtlicher Beschwerde zu machen. Ich müßte abe» gegenüber den Behauptungen des Briefes und glaubwürdigen Ohrenzeugen im eigenen Interesse des Offiziers bei der höchsten militärischen Lokalstelle Beschwerde erheben, wenn durch weitere Nichtbeschickung dieses Postens durch Juden das betreffende sehr verbreitete Gerücht scheinbare weitere Bestätigung finden sollte. Ich erlaube mir daher vorzuschlagen, daß am nächsten Sonnabend, dem Tage, an welchem Einjährige diesen Posten bezogen, auch eine größere Anzahl, etwa acht Juden, dahin gesendet würden. Die höflicheaber peinliche Unterhaltung hatte mit der Gewährung dieser Bitte ihr Ende erreicht und trotz des peinlichen Strafgerichtes, das der Hauptmann bei seiner Rückkehr zur Abteilung androhte, endete die Sache zu meiner vollsten Befriedigung und zur Genugtuung der schwer beleidigten jüdischen Einjährigen. Diese meine idyllische Militärtätigkeit, die mich viel Zeit, Mühe, Geld und Anstrengung kostete, war mir eine sehr liebgewordene, viel Ehre und Auszeichnung bringende Beschäftigung, die erst mit einer schweren Erkrankung zu Ende des Jahres 1913 ein Ende nehmen mußte. Diese schwere Stoffwechselkrankheit machte mir es auch unmöglich, bei Ausbruch des Krieges der für den ersten Tag der Mobilisation bestimmten Einberufung an die Grenze Folge zu leisten und so als Aeltester und Erster meine lang ausgeübte Tätigkeit in ihrem eigentlichen Felde auszuüben. Außer den obengenannten Orden erhielt ich auch die Militär-Zivil-Jubiläumsmedaille und das Jubiläumskreuz. Lir drei Lrüdrr an der Wrltkront. Bild aus dem Kriege von Lehrer Adolf Rothschild (Achim-Bremen). er Krieg brach aus.-Begeistertzogensiehinaus—die drei mutigen Brüder aus dem Emsland, um des Kaisers Ruf zu folgen und das Vaterland zu schützen gegen den räuberischen Ueberfall so vieler gewissenloser Feinde.-Rührend war der Abschied von den alten Eltern — Vater und Mutter legten noch an der Schwelle ihres niedrigen sauberen Häuschens segnend ihre Hände auf das Haupt ihrer Söhne, ihrer Stütze. ihres Glückes, ihrer Hoffnung-und ließen sie — einen flehenden Blick nach oben werfend — ziehen. — Und sie beteten um die Wette — die beiden Alten — den ganzen Tag und oft auch die ganze Nacht: „Nimmst du unsere Söhne, so nimm auch uns", fügte manchmal die sehr leidende Mutter ihren Gebeten hinzu. — „Evle" — so nannte der biedere, aus Bayern stammende Handelsmann seine treue Gattin, „murre nicht; weißt du noch, wie ich Anno 70, geschmückt mit dem Eisernen und dem Lorbeerkranze, heimkehrte, wie stolz du warst auf mich und wie du immer allen erzähltest von meinen kriegerischen Taten? — Erinnerst du dich noch unseres ersten Ganges zur Synagoge, wo der Rabbiner tröstend und aufrichtend zu den Gebeugten und so erhaben zu uns Siegern gesprochen hat? — Der Tag wird auch kommen, wo unsere Söhne — als Sieger heimkehren werden — und dann . . ." Es klopfte ... Die Mutter wischte sich die Tränen aus den Augen, stand aus, um den Fremden zu begrüßen — der Pfarrer des Ortes. „Was führt Euch zu uns, ehrwürdiger Herr?" Mit diesen Worten begrüßte der Alte den eintretenden Gast. In väterlich freundlichem Tone antwortete der Geistliche: „Die Menschenliebe ist die Triebfeder meines Kommens. — Der Krieg hat uns alle gleich gemacht. „Es gibt keine Parteien mehr", hat der Kaiser gesagt und ich füge hinzu, es gibt auch keine konfessionelle Scheidung mehr. Alle sind hinausgezogen in den Kampf in gleichem Geiste, für gleiche Ziele: Christen, Juden und Mohammedaner. — Hier ist keine Synagoge, kein jüdischer Geistlicher. Kommt zu uns in die Kirche und hört von mir Gottes Wort! Euer Gott ist doch auch unser Gott. Es soll wohltun eurem erregten, bewegten Herzen." Die Alten erstaunten über die sonderbare Begegnung und waren im Augenblicke verwirrt, daß sie eine Antwort nicht zu geben vermochten. Sie dankten dem freundlichen Herrn für den Besuch und das freundliche Anerbieten; aber dem Rufe zur Kirche folgten sie nicht. Einige Monate später. — Den Söhnen ging's gut. Regelmäßig erhielten die Eltern Briefe, in welchem sie ihre Erlebnisse schilderten. Fast in jedem Briefe fragte die Mutter, ob sich die Brüder nicht einmal treffen könnten. — Das war auch der Wunsch der Brüder. — Die Möglichkeit war fast ausgeschlossen. Einer kämpfte im Norden, der andere im Zentrum und der Jüngste im Süden. Letzterer versuchte seine Gedanken oft in poetischer Form auszudrücken. So beruhigte er in folgenden Reimen seine Mutter: Mütterchen, schön wär's gewesen, wenn ich nicht kämpfte in den Vogesen. — Ich müßte schon acht Tage wandern -- hin zum Moritz hoch in Flandern, und Alex könnt' ich nur erreichen, wenn die Franzosen schneller weichen. Mütterchen, es geht halt nicht, Gott wsrd schon mit uns sein. Wir kämpfen, bis der Feind zerbricht, für euch, für uns, für Gott allein. Sei stark und fest, wie's Vater ist; sei stolz auf uns und guten Muts. Es gilt zu schaffen, daß der Christ, den Juden mißt gerechten Bluts. Das Rosch-Haschono-Fest nahte heran. Der Zufall wollte es, daß kurz vorher eine Truppenverschiebung stattgefunden hatte, durch welche die Brüder näher zusammengekommen waren. Es war Gottesdienst in dem Orte P . . . angeordnet.

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