Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 lauf der Audienz und das gnädige Wort des Kaisers erzählte, sagte der Minister: „Da haben Sie wahrlich die Reise von Prag nicht umsonst hierher gemacht." Zu meiner Freude hat niemand, auch nicht das antisemitischste Blatt, die Wahrheit meines Berichtes angezweifelt, sondern höchstens ' hämische Bemerkungen an einzelne Nebenumstände geknüpft; zum Beispiel es mit mehreren Ausrufungszeichen versehen, daß ein Rabbiner ein Kreuz erhalten hat, oder daß ich vor der Audienz von Sr. Majestät die Erlaubnis erbeten und erhalten hatte. Wer den Kaiser bedeckten Hauptes den vorgeschriebenen Segensspruch hebräisch und deutsch sprechen zn dürfen, was ich auch getan hatte. Trotzdem ich dem Wiener „Illustrierten Extrablatt" und dem Prager „Kuryr" mein Bild behufs Publikation verweigert hatte, erschien doch in dem Prager tschechischen illustrierten Blatte ein wohlgetroffenes Bild, das in Foliogröße darstellte, wie ich den mich auch an körperlicher Größe weit überragenden Kaiser mit aufgehobenen Händen segnete. Auch die Prophezeiung des Kultusministers erfüllte sich; denn einige Jahre später las ich ganz unvorbereitet im „Prager Tagblatte" im Auszug aus dem Landwehrverordnungsblatte, daß mir Se. Majestät das Ritterkreuz des Franz-Josefs-Ordens verliehen habe. Oben habe ich erwähnt, daß ich kraft meines militärischen Ehrenamtes bereits mehrmals längere oder kürzere Zeit in Gegenwart Sr. Majestät verbrachte. Die interessanteste Begegnung war mir, als ich im Jahre 1891 anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Prag mit den Spitzen des militärischen Prag und dem Offizierskorps zum Empfang bei Sr. Majestät befohlen war. Der blendend schöne Anblick der farbenprächtigen Uniformen, die im Kreise (etwa 300 stark) Se. Majestät erwarteten, bleibt mir ewig unvergeßlich. Mit Spannung sahen wir nach der Tür eines Nebengemachs, aus welcher die majestätische Gestalt Kaiser Franz Josefs in Generalsuniform elastischen, aber kräftigen Schrittes trat. Das bekannt vortreffliche Gedächtnis des Kaisers ließ ihn leicht und ohne jedes Stocken die Konversation mit den zum Cercle befohlenen Generalen und Stabsoffizieren führen. Das Thema bildeten die kurz vorher stattgefundenen Kaisermanöver, und manche Episoden, welche die Angesprochenen oder ihre Söhne im Offizierskorps betrafen, mit kräftiger, wohlklingender Stimme erzählt, ließen auch die am entferntesten Stehenden jeden Laut vernehmen. Auch die allgemeine Ansprache Sr. Majestät bezog sich auf die Kaisermanöver, die Zufriedenheit des Kaisers mit den dargebotenen Leistungen. Das herrliche Gedächtnis des Kaisers konnte ich auch bei einem anderen Anlasse, - Prof. Dr. Alex. Risch, Rabbiner in Prag als er bei seiner Anwesenheit in Prag die damals neu erbaute Kadettenschule besuchte, bewundern. Die Schülerbataillone waren mit ihren Offizieren äufmarschiert und am rechten Flügel auch der.übrige Lehrkörper der Militärprosefsoreri, darunter auch ich als Religionsprosessor der damals elf jüdischen Zöglinge der Anstalt. Mt Freude erinnere ich mich an die mehr als eine Stunde in Anspruch nehmende Besichtigung der Anstalt und Prüfung der Schüler, während welcher der Lehrkörper, also auch ich, in unmittelbarem Gefolge des Kaisers blieb. Bon den Schulleistungen erwarben sich besonders die vorgeführten Fechtübungen der vorgeschrittenen Schüler die Anerkennung Seiner Majestät. Meine jüdischen Schüler blieben in keiner Hinsicht mit ihren Leistungen im Rückstände. Zum Schluffe will ich aus meinen zahlreichen, durchweg für mich angenehmen Erlebnissen in meiner seelsorgerischen Tätigkeit während 40 Jahren beim Militär vielleicht meinen größten Erfolg erzählen. Da dieses in der Zeit beträchtlich zurückliegt und für alle Teile. mit ehrenhafter Bescheidung endete, ich auch den Ort der Tatsache nicht nenne, darf ich in gerechtem Stolze die Sache, die bisher, außer in den betroffenen Kreisen, ganz unbekannt war, im allgemeinen erzählen. Daß es Antisemiten in allen Kreisen des öffentlichen Lebens geben kann, darf wohl nicht geleugnet werden, aber ich darf wohl behaupten, daß mir in meiner vierzigjährigen Tätigkeit in Böhmen aus eigener Anschauung oder selbst aus mir vorgebvachten Erzählungen nur zweimal solche Fälle bekannt wurden. Den einen Fall bildet meine nachfolgende Erzählung: Aus einer großen Garnisonstadt wurde mir von sehr vertrauenswürdiger Seite berichtet, daß der kommandierende Offizier, der die zahlreiche Einjähvig-Freiwilligen-Abteilung des Jahres abzurichten hatte, sich unflätiger Ausdrücke gegen die jüdischen Freiwilligen bediente, wenn einzelne sich Fehler oder Unordnungen zuschulden kommen ließen. Natürlich hielt ich diese Tatsache nicht wert eines Einschreitens, da nirgends die Soldatenabrichtung allzu zimperlich Vorgehen kann. Aber von vertrauenswerter, nichtjüdischer Seite und durch Zuschriften wurde mir bekannt, daß der betreffende Offizier, als die Freiwilligen so weit waren, daß man sie auf exponierte Wachposten in die Umgebung der Stadt schickte, vor der ganzen Mannschaft wiederholt geäußert habe, daß er auf einen bestimmten größeren, besonders vertrauensbedürftigen Posten keine Juden schicken könne, weil er eben zu Juden kein Vertrauen habe. Ich prüfte die Sache,, ohne Zeit und Mühe zu sparen, auf ihre Wahrheit und überzeugte mich durch Selbstbeobachtung, daß dieser Posten, trotzdem die jüdischen Ein-