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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 auf Zivilberufe, auf konfessionelle oder Parteizugehörigkeit sind unangebracht. Daher ist auch der sogenannte Judenerlaß zu verwerfen." Den Sozialdemokraten Schmitt läßt der zartbesaite Herr Ofsiziosus nur noch ganz allgemein sagen: „Ueberhaupt muß unter allen Umständen gleichmäßige Behandlung fauch amtlich Sperrdrucks aller Heeresangehörigen ohne Rücksicht auf politische Zugehörigkeit, auf religiöses Bekenntnis und auf Vermögensverhältnisse gefordert werden." Er darf also den verpönten Juden ebensowenig in den Mund nehmen, rvie es der schüchterne nationalliberale Lehrer Bühler aus der entlegenen Hinterpsalz tatsächlich getan hat, dessen sanften Einwurf gegen den Wüterich Beckh die „Staatszeitung" aus der im übrigen geschickt ausgezogenen Bühlerschen Rede stillschweigend eskamotiert. Und gar die schier unglaublichen Anpöbelungen des heutigen deutschen Judentums und der aus ihm hervorgegangenen — um mit dem wahrheitsgetreu feurigen Dr. Müller-Meiningen, der die unwürdige Sonderbehandlung der israelitischen Staatsbürger bewußt aufs Tapet gebracht, um in dieses Wespennest zu stechen, zu sprechen — „Tausende tüchtiger deutscher Soldaten" durch den verbohrten greisen Reaktionär Beckh bringt der königlich bayerische „Moniteur" von Zentrums Gnaden in der kindlichnaiven Gestalt („große Naivität" hat Beckh der Heeresverwaltung in der Judensrage vorgerückt): „Zum Schlüsse bespricht der Redner den sogenannten Judenerlaß und die Betätigung der Juden im Kriege"!! Jedes Wörtchen Kommentar dazu dünkt uns vollkommen überflüssig. Aber helle Schlaglichter aus so manche jetzige Zustände, auf eine heikle Sachlage, wie sie ein von uns längst geplantes „Bayerisches Stimmungsbild" im einzelnen ausmalen möchte, werfen die oben matt nachgezeichneten Szenen aus dem kampfdurchtobten Landstände-Haus in der Münchener Prannerstraße. Das völlige Schweigen des dienstjungen, sonst so entgegenkommenden Kriegsministers und der Zentrumspartei, die schönfärberischen Verwandlungskünste der vorgeblich Partei- und tendenzlosen Amtszeitung sprechen beredt, wie wenig die ungerecht schwer verletzte Judenheit in Bayern, wo man freilich immer die Form, so bei Beamten- und Reserveoffizierernennungen, peinlich wahrt, bei jenen drei ausschlaggebenden Faktoren auf Schutz und sicheres Recht rechnen darf. Lur Gelchjchte der ilraelitilchrn Milttarleellorge in Deutschland und Srtterreuh. Zugleich Erinnerungen aus meiner 42jährigen Tätigkeit als Militärftelsorger. Von k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Prag, k. k. Substdiarseelsorger der Garnison Prag, früher k. k. Feldrabbiner i. d. R. (Schluß.) uf mein Ansuchen bei der Kabinettskanzlei um Zulassung zu einer Audienz erhielt ich postwendend die Einladung, am 11. Dezember 1899, dem glücklichsten Tage meines Lebens, in Wien zur Audienz in der Hofburg zu erscheinen. In dem mit berühmten Gemälden großer Meister gezierten, geräumigen und hohen Saale wartete ich mit vielen hohen und dem Volke angehörenden Persönlichkeiten beider Geschlechter und jedes Alters, bis der Hofbeamte, der zum Eintritt in das kaiserliche Gemach nach der Rangordnung einlud, an mich kommen werde. Als ich aufgerufen wurde, trat ich bangen Herzens ein, aber die Freundlichkeit und Leutseligkeit des Kaisers, der bereits zwei Stunden der schönen, aber schweren Aufgabe, Klagen, Bitten und Dank' seiner Untertanen entgegenzunehmen, nachgekommen war, diese Freundlichkeit, die jeden, der ihrer teilhaftig wurde, beglückte, nahm jede'Befangenheit von mir. Ueber den Verlauf der Audienz brachte bereits das drei Stunden später erscheinende Abendblatt der „Neuen Freien Presse" einen Leitartikel. Ich hatte nämlich den Blut und die Eingebung, als Se. Majestät im Laufe der Audienz auf meine Anspielung auf die schweren Tage, die gegenwärtig die Juden in Böhmen durchmachten, sagte: „Ja, Ihre Glaubensgenossen haben jetzt schwere Tage,-aber es ist schon besser geworden", zu betonen: „Ja, sie haben schwere Tage, Majestät." Da sprach Se. Majestät, vielleicht von meinen Tränen nicht unberührt, mit Nachdruck die historisch gewordenen Worte: „Ich bin sehr empört über d i es e No h eit e n." Wie ein Blitz durchfuhr da die Erinnerung meinen Sinn daran, daß, als Kaiser Friedrich in der Berliner Synagoge bei einem Wohltätigkeitskonzert den Antisemitismus die Schmach des Jahrhunderts genannt hatte und die liberalen Blätter es anderntags berichteten, die gegenseitige Presse das Faktum ableugnete und es eine freche Erfindung der Juden nannte. Ich dankte daher Sr. Majestät für dieses erlösende Wort und bat um die gnädige Erlaubnis, diese beglückende Tatsache zur Kenntnis meiner Glaubensbrüder zu bringen. Se. Majestät gestattete dies mit gnädig entgegenkommenden Worten. Obzwar ich schon wiederholt das Glück gehabt hatte, bei manchem Anlasse von weiland Kaiser Franz Joses angesprochen zu werden, war ich von der längeren, so glücklich endenden Audienz so glücksberauscht, daß ich einen groben Verstoß gegen die Hofsitte beging, den mir Se. Majestät, wie ich mich später überzeugen konnte, huldreich verziehen hatte. Ich machte nämlich, ohne das Zeichen meiner Entlassung abzuwarten, die drei vorschriftsmäßigen, rückschreitenden Verbeugungen, und ehe ich es merkte, war ich vor der Tür. Die draußen postierten Hosbeamten und zahlreichen Audienzwerber sahen mich verwundert an, daß meine einfache Dankaudienz eine so lange Zeit in Anspruch genommen hatte. Es war ungefähr Al Uhr, als mein Wagen die Burg verließ, und die (es war ein Montag) um 3 Uhr erscheinende „Neue Freie Presse" brachte bereits einen Leitartikel unter dem Titel: „Der Kaiser gegen den Antisemitismus", der das gnädige Kaiserwort und meine Audienz ausführlich besprach. Gleich nach der Audienz begab ich mich zum Kultusgemeinde-Vorstande, wo gerade eine Sitzung stattfand. Ich verlangte zu einer dringenden Mitteilung vorgelassen zu werden, worauf ich Zutritt erhielt. Auf meine Mitteilung des Geschehenen beglückwünschten mich alle Gegenwärtigen und Hofrat H., der damals Reichsratsabgeordneter und Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes war, erklärte mir unumwunden öffentlich, daß er meine Geistesgegenwart, um die Erlaubnis der Veröffentlichung zu bitten, nicht gehabt hätte. Die Herren befürchteten aber, daß, wenn ich nicht in einem Ministerium die Sache offiziell mitteile, immer noch Gefahr bestehe, es könne mir bestritten werden. Da ich aber ohnedies die Absicht hatte, zum damaligen Kultusminister, der mich wiederholt in Sachen meines Amtes empfangen hatte, behufs Danksagung zu gehen, fuhr ich, da die Audienzstunden Sr. Exzellenz noch nicht vorüber waren, in das nahe Kultusministerium, um Sr. Exzellenz Meldung zu machen. Der Minister ließ mir auf meine Meldung sagen, daß der Statthalter von Dalmatien, Baron Jovanovic, in sehr wichtiger Angelegenheit bei ihm sei, wenn ich aber noch heute abreisen wolle, ein Stündchen warten müsse. Da mir diese Form der Einladung ein früheres Weggehen unmöglich machte, blieb ich trotz des knurrenden Magens in dem herrlichen Wartesaale des Kultusministeriums sitzen, bis mich Se. Exzellenz rufen ließ. Als ich nach meinem Dank und der hoffnungsreichen Bemerkung des Ministers: „Der zweite Orden läßt nicht solange auf sich warten wie der erste," den Verlauf

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