Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 nnb findet es schmachvoll, wenn in dieser furchtbar ernsten Zeit irgendwelche konfessionellen Unterschiede gemacht werden. Wir wollen keine Bevorzugungen und Privilegien, am allerwenigsten wegen plutokratischer Rücksichten, sonderir gleiches Recht für alle, und es sei empörend, wenn populäre Rasseninstinkte aus Grund demagogisch-oberflächlicher Beobachtungen genährt werden, die in ihrer Verallgemeinerung eine ungeheuere Ungerechtigkeit gegen Tausende tüchtiger deutscher Soldaten enthalten. Von diesem Standpunkt aus ist die ganze Judenstatiftik im höchsten Grade deprimierend. Man macht sich offenbar keinen Begriff, wie tief beleidigend diese Maßnahme auf ehrliebende Menschen wirken muß." Daran knüpfte Abg. Dr. Müller die allgemeine Bemerkung: „Das Kriegsministerium wolle in der Volksvertretung nicht unbequeme und lästige Kritiker, sondern willkommene Mitarbeiter erblicken und dessen eingedenk sein, daß die Regierung in diesem Kriege ohne Unterstützung der Volksvertretung kläglich scheitern würde." Beide vorstehende Zitate stehen hier wörtlich nach den bekanntlich keineswegs irgendwie einseitig judenfreundlichen „Münchener Neuesten Nachrichten", Nr. 83 (darin dieselben Worte in Sperrdruck, wie hier bei uns), in denen seltsamerweise die bezüglichen Auslassungen zweier unmittelbar darauf auftretenden Redner ausgefallen sind. Wir können sie daher heute leider nur nach zweitklassigen Tagesblättern im Auszug mitteilen. Man findet darüber in der nationalliberalen „Pfälzischen Rundschau" vom 18. Februar, nachdem daselbst berichtet ist: „Sehr scharf wendet sich Redner 'gegen den bekannten Judenerlaß und überhaupt gegen die schmachvolle Judenschnüsfelei. Hier Wandel zu schaffen, sei höchst vordringlich", folgende Angaben: „Abgeordneter Franz Schmitt (München 6, Soz.) sagt ebenfalls, die Juden hätten im Kriege ihre Schuldigkeit getan, und eine unterschiedliche Behandlung sei daher nicht am Platze." Danach „spricht Abg. B e ck h (Freie Vereinigung) der Militärverwaltung sein vollstes Vertrauen aus... In der Judenfrage hätten sich die Juden im Felde bewährt, aber für die Allgemeinheit gelte der Satz: Die Tapferkeit nach dem Felde!" Abg. Fr. B e ck h, Leutnant a. D., Gutsbesitzer und Königlicher Oekonomierat auf Ratsberg bei Erlangen, ist der Führer der kleinen (nur mittelfränkischen) ultrakonservativen und streng lutherischen Gruppe in Bayern, persönlich ein rückschrittlicher Heißsporn und als bissiger Antisemit berüchtigt; übrigens ein Bruder des verstorbenen linksnationalliberalen Vereinsvorsitzenden Medizinalrats Dr. Beckh (Nürnberg) und des warm judenfreundlichen freisinnigen Reichstags- (Koburg) und Landtagsabgeordneten Justizrat Beckh (Nürnberg). Am 16. Februar kam zunächst der nationalliberale Abgeordnete B ü hler („Die Ausführungen des Abgeordneten Beckh haben dem Ernst der Zeit nicht entsprochen") und dann der wortgewandte Abgeordnete Dr. Freiherr Haller v. Hallerstein (Soz.) in folgender Art daraus zurück: „Der Abgeordnete Beckh hat es sich nicht versagen können, die sogenannte I u d e n f r a g e in seiner einseitig unfreundlichen Weise zu behandeln. Meine Freunde protestieren lebhaft gegen solche Auslassungen." Höchst bezeichnend bleibt cs aber, daß die Zentrumspartei, die sich zurzeit im Hinblick auf ihre brennenden Paritätsschmerzen im Preußischen Abgeordnetenhause wieder einmal riesig für Glaubensfreiheit einsetzt, sich diesmal in München, obwohl doch dort die maßgebliche Mehrheit und mit ihrem stockkonservativen Anhängsel sogar erdrückend, völlig ausschwieg: dieselbe Fraktion, welche erst am 3. Februar durch ihren Redner Dr. Schlittenbauer dem Verlangen des linksliberalen Dr. Müller nach gerechter Gleichmäßigkeit gegenüber den bayerischen Freireligiösen wenigstens ein theoretisches Entgegenkommen mit einer Verweisung ans eine dafür nötige Aenderung der betreffenden Verfassungsbeilage bezeigt hatte. Und wie verhielt sich nun der bayerische Kriegsminister v. Hellingrath aus Dr. Müllers oben wiedergegebene Anzapfung? Er erwiderte: „Dr. Müller (Hof) hat ein vertrauensvolles Zusammengehen mit der Volksvertretung gefordert. Ich bin durchaus bereit, diesem Wunsche stattzugeben, und werde gern mit den Vorständen der Fraktionen Fühlung suchen." Dagegen ging er über die dafür als Voraussetzung dienenden Müllerschen Beschwerden betreffs der Juden glatt hinweg, während er kurz darauf den Einwand des üblichen Paritätsklägers der Zentrumsfraktion, Giehrl, der „die Nichtbeförderung von katholischen Studentenverbindungen angehörenden Personen" selbigen Tages „beanstandet" hatte, kulant erledigte: „Daß ein junger Mann wegen seiner Zugehörigkeit zu einer katholischen Verbindung von der Beförderung als Offizier ausgeschlossen wird, halte ich für ganz undenkbar." Allerdings: in Bayern walten die Minister seit Anfang 1912 — wenigstens eigentlich schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts — nur von Zentrumsgnaden und die bayerische Zentrumspartei ist von jeher in ihren maßgeblichen agrarischen und angeblich demokratischen Bestandteilen versteckt oder offen antisemitisch. Abgeordnete jüdischen Bekenntnisses aber (wie z. B. Cassel und Lippmann im Berliner Landtag), die sich der Sache ihrer Glaubensgenossen im entscheidenden Falle ernstlich annehmen würden, gibt es in der bayerischen Abgeordnetenkammer seit der vorigen Legislaturperiode nicht mehr, wo man den Nürnberger sozialdemokratischen Rechtsanwalt Dr. Süßheim, der zudem seine bis 1914 ziemlich bedeutende Rolle ausgespielt zu haben scheint, doch nicht dahin rechnen darf. Das nationalliberale Gros der „Liberalen Vereiniguntz" ist nämlich stark agrarisch durchsetzt, neigt auch fast durchweg nach rechts, während ihr volksparteilicher Flügel, durchweg Kompromißkandidaten, bei der Auswahl seiner Bewerber äußerst vorsichtig Vorgehen muß. So sind kurioserweise von der Linken in Bayern bei der geheimen und direkten Wahl die früher so einflußreichen jüdischen Volksvertreter Henke, Levy, Frankenburger, Moison u. a. verschwunden, wo das preußische Parlament trotz öffentlichen und indirekten Wahlsystems eine lange Reihe mutiger Anwälte der Rechte ihrer Glaubensgenossen sieht. Wir können unseren Bericht nicht schließen, ohne noch einer in die hier vorgetragene Angelegenheit hineinspielenden journalistischen Merkwürdigkeit zu gedenken. Das ist nämlich das Verhalten der a l t o s f i z i ö s e n und der offiziellen Presse. Die erstere, verkörpert in dem rechtsnationalliberalprotestantischen, öfters alldeutsch schillernden Beamtenblatt „München-Augsburger Abendzeitung" verkürzte ihren wie sonst stets eingehenden Parlamentsbericht (Nr. 87 und 88) über die oben in voller Breite wiederholte scharfe Müllersche Philippika in die zwei Sätze: „Demagogischer Rassenkampf während der Kriegszeit sei verwerflich. Das gelte besonders für die widerliche und Judenschnüffelei", die Aufforderung anhängend: „hier Wandel zu schaffen, sei höchst zeitgemäß und notwendig." Desgleichen bleibt von dem harten Tadel desselben — dabei einfach unterdrückten — ministeriellen Judenerlasses durch den Münchener sozialdemokratischen Wortführer Schmitt bloß eine harmlose Andeutung übrig: „Auch die Juden haben im Kriege ihre Schuldigkeit getan, weshalb eine unterschiedliche Behandlung durchaus ungerecht sei." Den obigen grobschlächtigen Hauptaussall des Judenfressers Beckh freilich wagt die „München-Augsburger Abendzeitung" nicht zu unterschlagen. In weit stärker stenographischem Stile arbeitet der ministerielle Reporter der amtlichen „Bayerischen Staatszeitung, Kgl. Bayerischer Staatsanzeiger" (Nr. 41). Da hören wir nur die folgende völlig abgeblaßte Verwässerung, die gar nichts mehr besagt. Vom Ankläger Müller: „Rücksichten