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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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101 Kütheder-Antisewitismus schreibt der österreichisch-e Reichsratsabgeordnete Dr. Mataja in der klerikalen „Wiener Reichspost": „Der Herr Gerlach hat recht. Eine Hock^flut des Antisemitismus steht nicht nur bevor, sie ist schon da. Herr Gerlach irrt nur darin, daß er diese Hochflut auf eine künstliche Agitation zurückführt. Im Gegenteil. Die Agitation schlaft, aber der Antisemitismus lebt in allen Kreisen und Schichten der arbeitenden Bevölkerung ohne Unterschied des Standes, ja sogar ohne Unterschied der Parteirichtung'. Nicht antisemitisch sind heute höchstens nur mehr die Bankoirekwren, die Kriegsmillionäre und einzelne Politiker. Wünscht aber Herr Gerlach oder sonst jemand die Ursachen dieser starken antisemitischen Strömung zu erfahren, so braucht er sich lediglich an den nächstbesten Passanten auf der Straße zu wenden; es kann ihm jeder die notwendige Auskunft geben." Bei Dr. Mataja ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Daß z. B. die österreichischen Sozialdemokraten Antisemiten geworden seien, glauben wir bis zum Beweise durch die Wahl nimmermehr. Nichtig ist nur, daß die Antisemiten mit allen Mitteln der Demagogie bemüht sind, alle durch den Krieg ausgelösten Stimmungen der Enttäuschung und Erbitterung auf die Juden als Sündenbock abzulenken. Auf diese Tendenzen werden besonnene Politiker rechtzeitig ihr Augenmerk richten müssen. * Nur wenige Einzelheiten sind außerdem mitzuteilen. Zunächst eine Nachricht des „Berliner Börseneouriers", die so lautet: Dien st Pflicht der in England weilenden russischen Juden. Amsterdam, 19. Februar. (T. U.) Der „Joodsche Wächter" meldet, daß die Dienstpflicht für die russischen Juden in England nun folgendermaßen geregelt worden ist: Russische Juden, die seit fünf Jahren in England wohnen, müssen im englischen Heere dienen. Sie werden, nachdem sie drei Monate Dienst getan haben, naturalisiert. Dienstverweigerung wird mit gewaltsamer Einstellung in die Armee bestraft. Deportationen nach Rußland sollen nicht mehr stattfinden. . Dann eine Meldung der Wiener „Zeit", die nachstehenden Wortlaut hat: Reiseverbot für israelitische Flüchtlinge. Aus Prag wird berichtet: Der Magistrat veröffentlicht auf Grund des Erlasses der Statthalterei für Böhmen eine Kundmachung, wonach die in Prag und den Vororten wohnenden israelitischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, ohne Unterschied, ob sie eine Staatsunterstützung genießen oder nicht, sich, wenn sie die Eisenbahn benutzen wollen, mit einer Reisebewilligung ausweisen müssen. Diese Anordnung erstreckt sich auf alle Bahnyöhe int Umkreis von 20 Kilometer von Prag. Die Reisebewilligungen haben der Prager Magistrat und die Bezirkshauptmannschasten auszustellen, sofern die Dringlichkeit der Reise glaubwürdig nachgewiesen und vom Amtsarzt bestätigt wird, daß auch vom sanitätspolizeilichen Standpunkt keine Bedenken obwalteten und das Reisegepäck läusefrei ist. Analphabeten müssen ihre Photographie beibringen. Die Reisebewilligung hat eine Gültigkeitsdauer von acht Tagen. Der Reisende kann trotz Reisebewilligung wn der Benutzung der Eisenbahn ausgeschlossen werden, wenn die Lisenbahnorgane das Reisegepäck nicht sanitär einwandfrei finden. Schließlich sei folgender Zuschrift Raum gegeben, über die vir gern diese Spalten einer Debatte öffnen: Organisation'jüdischer Wohltätigkeit. Von Bureauvorstehr N a t h a n Cohn (Charlottenburg). Das ständige Organisationsbedürfnis hat aus dem Gebiete der üdischen Wohltäti.gkeitspfl.eg'e schon viel des Guten gezeitigt, doch ist s fraglos, daß noch gar manches der Verbesserung bedürftig ist, und >aher darf nran niemals rastern Denn auch hier gilt der Grundsatz: l>as Bessere ist des Guten Feind. In einer Vertreter-Versammlung der jüdischen Wohltätigkeits-Verine wrrrde neulich von autoritativer Seite als äußerstes Organisationsiel die Einrichtung eines „Wohlfahrtsamtes" unter Leitung eines Beufsbeamten bezeichnet. Wenn wir auch von diesem Ziele nach recht ieit entfernt sind, so ist der Gedanke zweifellos ein großzügigier zu ennen. Es wird mit Recht darüber geklagt, daß es noch eine ganze Reihe idischer Wohltätigkeitsvereine in unserer Gemeinde gebe, die, ohne i g e n t l i ch e Z w e ck b e st i m m u n g, nebeneinander einhergehen und somit den Bedürftigen wenig. Nutzen oder doch nicht den Nutzen bringen den sie bei einem organisatorischen Zusammenschluß bringen könnten. Viele der kleinsten Vereine gerade sträubten sich gegen diesen Zusammenschluß, weil sie fürchten, dadurch ihrer Selbständigkeit beraubt zu werden. Auch hier werden sicher mit der Zeit noch andere Anschauungen Platz greifen. Viele, ja die meisten dieser Vereine leiden aber noch an einem anderen Mangel, den schnellstens zu beseitigen, ganz im Interesse der einzelnen Vereine liegt. Diesen Vereinen wird der Blick \m die Organisation dadurch getrübt, daß sie in unangebrachter Sparsamkeit die Vorarbeiten, die für die Erledigung der Gesuche nun einmal erforderlich sind, von -Mitgliedern ihrer Vorstände, und nicht von fachkundiger Seite berufsmäßig erledigen, lassen. Nun kann allerdings nicht jeder Wohltät-igkeitsverein sich fein eigenes Bureau halten, aber viele Vereine könner: sich, wie dies schon seit Jahren angestrebt wird, zu einer Bureaugemeinschast vereinigen. Sie werden die drückende Last der Vorarbeiten für ein Billiges los und können sich den wirklich sozialen Ausgaben mit größerer Aufmerksamkeit und Hingabe widmen als bisher. Ein gutes Beispiel für diese Bureaugemeinjchaft besteht übrigens seit mehr als einem Jahrzehnt. Diese Bureaugemeinschaft ist zwar nicht Gemeindeinstitut', übt aber dennoch im 11. Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde ihre ersprießliche Tätigkeit aus. Eine Anzahl der ange>ehensten Vereine ist damals zu dieser Bureaugemeinschast znsammengetreten-. Ein Ausbau dieses Systems würde ganz besonders den kleineren Vereinen sehr zugute kommen und ist daher auf das entschiedenste anzustreben. Ich bin überzeugt davon, daß eine gut organisierte Bureaugemeinschast großen Stiles als Etappe auf dem Wege zu einer Gesamtorganisation der Wohltätigkeitsvereine zu betrachten sein und daß sich aus der bloßen Bureaugemeinschaft bei geeigneter Handhabung schließlich eine I n t e r essen g eme.inschaft, ein w irkliches „Wohlfahrtsamt", entwickeln würde. Die jünglte Iuüendebstle im bayenlchrn Landtag. Von L. F. enau an demselben Datum wurde allerjüngst in den Parlamenten der beiden größten deutschen Bundesstaaren im Vorbeigehen die Judenfrage in aktuellster Form angeschnitten. Im Preußischen Abgeordnetenhause waren es gelegentlich der Aussprache über den Etat des Ministeriums des Innern am IS. Februar der Abgeordnete Geheimer Justizrat Cassel, der die weitgehenden Zusagen des Ministers v. Loebell für Berücksichtigung in der höheren Verwaltung «für alle Konfessionen, auch für die jüdische Konfession, geltend hofft", und am 16. Februar Abgeordneter Justizrat Lippmann, wie Cassel Mitglied der Fortschrittlichen Volkspariei, mit einer doppelten Apostrophe. Hauptsächlich: „Den Klagen des Zentrums wegen ungenügender Anstellung von Katholiken hat der Minister Entgegenkommen zugesagt; auf den Hinweis des Abg. Cassel, daß bei einer anderen Konfession das Verhältnis aus der einen Seite sogar gleich Null ist, hat der Minister nicht geantwortet." Die Situation und die Themen sind denen für das gleichzeitige positive und negative Münchener Rededuell so eng verwandt, daß hier auch die Berliner Beschwerde möglichst wörtlich hergesetzt sei. Auch darin ähneln sich die Ergebnisse, daß die gestellten Minister überhaupt nicht erwiderten (wohl aber den parallelen gleichzielenden ultramontanen Interpellationen); denn die Auskunft des preußischen Unterstaatssekretärs Dr. Drews ist wohl kaum mehr als eine schwächliche Ausflucht. Ganz ähnlich ging es am 16. Februar im Finanzausschuß der bayerischen Abgeordnetenkammer. Gelegentlich der Aussprache über militärische Fragen kam da der fortschrittliche Führer Dr. Müller-Meiningen (im bayerischen Landtag Abgeordneter für Hof)„aus den bekannten Iudenerlatz zu sprechen

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