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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 deshalb nicht, weil erfreulicherweise noch nicht bei einzelnen Universitätslehrern im Universitätskalender die Konfession aufgeführt ist und weil aus den Namen allein auch erfreulicherweise noch nicht zu schließen ist, welcher Konfession sein Träger setzt'angehört oder früher angehört hat. Ich kann mich aber darauf beschränken. Ihnen ans einem früheren Jahrgang der „Hochschulnachrichten" eine Bemerkung wiederzugeben, die sich auf die von Ihnen gestellte Frage bezieht. Sie lautet: „Wie blind übrigens dieser öde Rastehaß die Leute macht, das beweist auch eine neuerdings veröffentlichte Judenstatistik der preußischen Universitäten., Wenn dabei auch konstatiert werden muß, daß der Prozentsatz der jüdischen Studierenden sich allmählich verringert (von 11,47 auf 9,52 Prozent), so stehen wiederum in den drei weltlichen Fakultäten die evangelischen, katholischen und jüdischen Professoren und Dozenten in einem Prozentualverhältnis von 7,9 zu 11,7 zu 9,0 (1884 bis 1897), was für die Juden allein an Ordinarien fast doppelt so viel ergibt, als ihrem Anteil au der Gesamtbevölkerung des pr-eußischen Staates entsprechen würde. Gegenteiliae Verhältnisziffern hat man den Katholiken gegenüber als Indizienbeweis ihrer wissenschaftlichen Unfähigkeit gelten lasten. Wir wissen nicht, wie es in diesem Falle zu halten ist, aber da man die jüdischen Studenten und Dozenten einstweilen noch nicht totschlagen darf und die deutschen Universitäten auch nicht nach russischem Muster einen Numerik clausus für die aufzunehmenden Juden einführen werden, so bleibt schließlich doch nichts anderes übrig als der geistige Wettbewerb. Und auf den können sich die deutschen Studenten durch fleißiges Studium zweifellos besser vorbereiten als durch antisemitische Idiosynkrasien." Wie die oben angegebenen konfessionellen Verhültniszahlen der Professoren und Dozenten sich heute darstellen, weiß ich nicht. Vielleicht haben Sie, hochgeehrte Exzellenz, davon gehört, daß in den gesamten deutschen medizinischen Fakultäten sich heutzutage kein einziger Jude als Ordinarius befindet (selbst von getauften nur sehr wenige), was dock) wohl weder dem geistigen Anteil der Juden an der medizinischen Wissenschaft, noch dem Prozentsatz der jüdischen Dozenten, noch demjenigen der jüdischen Studierenden, noch demjenigen der jüdischen Bevölkerung Deutschlands entspricht. Sie äußern, im letzten Satz Ihres Antwortschreibens, die Meinung, man müsse gewisse statistische Tatsachen aussprechen, „damit die Christen und Germanen nicht ganz unter den Schlitten kommen". Ein eigenes Wort möchte ich in dieser Beziehung hinzufügen. Wir Deutschen erheben mit Recht gegen die Engländer den Vorwurf, daß einer der Beweggründe, die sie zum Krieg geführt haben, in dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf beruht, in welchem die Deutschen ihnen vorangekommen sind. Anstatt ihre Kräfte zu regen und mit gleichen Mitteln den Versuch zu wagen, das verlorene Gebiet wiederzuerobern, auf friedlichem Wege dieselbe Stellung im wirtschaftlichen Wettbewerb wie die regsamen Deutschen zu erringen, hätten die Engländer es vorgezogen, mit Hilfe ihrer Bundesgenossen durch brutale Gewalt ihre Konkurrenten zu Boden zu werfen. Aber in Deutschland selbst tragen Vertreter der kompakten Majorität kein Bedenken, dasselbe Mittel und aus demselben Grunde gegen eine konfessionelle Minderheit anzuwenden und den Juden den Ausstieg in Stellungen zu verwehren, aus die sie nach ihren Leistungen ein Anrecht haben. Jeden wahren Vaterlandsfreund muß es auf das schmerzlichste berühren, wenn er sich eingestehen muß, daß auf diesem Gebiete der Kultur Deutschland noch nicht auf der Höhe seiner westlichen Feinde steht und daß in Deutschland das Wort Schillers, es sollte der Mensch nur als Mensch gewertet werden, auch heute noch nicht erfüllt wird. Man lege bei der Prüfung der Qualifikation an die Juden den schärfsten Maßstab und scheide diejenigen aus, die nach ihren beruflichen und menschlichen Eigenschaften für die Stellen, um die sie sich bewerben, nicht in Betracht kommen. Sie aber a limine von Stellen der Regierung, von den medizinischen Fakultäten und lvo sonst noch immer abzuwehreu, bloß weil sie Juden sind, ist der Kulturhöhe, deren wir Deutschen uns sonst rühmen dürfen, unwürdig und kann durch noch so viel zusammengeholte Beispiele für die Unzulänglichkeit deutscher Juden nicht gerechtfertigt werden. Man verkürze den Juden, von denen man die Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten fordert, nicht grundsätzlich die staatsbürgerlichen Rechte und stempele sie nicht zu Staatsbürgern zweiter Klasse. Sie versichern am Schluß, daß Sie nie Antisemit gewesen seien lind Ihre besten Freunde unter Juden und Abkömmlingen voll Juden hätten. Sie unterscheiden sich mit diesem Bekenntnis kaum von irgendeinem unzweifelhaften Antisemiten. Selbst ein Stöcker hat mit Abkömmlingen von Juden verkehrt, und er wird gegen den „Ehrentitel" eines Antisemiten nichts einzuwenden gehabt haben. Wollte man alle diejenigen Juden zählen, die von Antisemiten zu ihren Freunden gerechnet werden, so würde wohl eine Summe anständiger Menschen sich ergeben, die dem Verhältnis nach nicht nennenswert hinter der Summe anständiger Menschen anderer Konfessionen Zurückbleiben würde. Bei der großen Bedeutung und dem Ansehen, das Sie, hochgeehrte Exzellenz, in der wissenschaftlichen Welt genießen, ist es begreiflich, daß Ihre Ausführungen durch die Tagesprefse in weitem Unkfang berücksichtigt und von antisemitischen Zeitungen als weitere Hilfe für ihre Tendenz verwertet werden. Sicherlich werden sie in diesem Sinne auch in späteren antisemitischen Angriffen eine Rolle spielen. Um so mehr muß ich Wert darauf legen, daß Sie Ihre Behauptung hinsichtlich der jüdischen Assistenten an Kliniken, von deren vollständiger Unrichtigkeit Sie' sich nach meinen obigen Bemerkungen hoffentlich überzeugt haben, an derselben Stelle, an der Ihr Aufsatz erschienen ist, sobald wie es die Drucklegung ermöglicht, berichtigen. In einer Nachschrift vom 25. Februar bemerkt Schwalbe, „daß der Frankfurter Universität einige jüdische Ordinarien angehören. Jeder, der die Entstehungsgeschichte und die Verfassung der Frankfurter Universität kennt, weiß, daß sie in beiden Beziehungen eine grundsätzliche Ausnahmestellung unter den deutschen Universitäten einnimmt. Schon unter diesem Gesichtswinkel kann ich also behaupten, daß die spärliche Zahl Frankfurter jüdischer Ordinarien — im einzelnen und im ganzen — an dem Inhalt meines Briefes nicht das geringste ändert". Wir begrüßen S ck w a 1 b e s tapfere Erklärung mit vollem Beifall und vieler Freude. Bei der Gelegenheit sei bemerkt, daß auch H. Cohen schon wiederholt gegen Schmoller aufaetreten ist. In Heft 8 der „Neuen jüdischen Monatshefte" findet sich ein fernerer Artikel des Genannten, aus dem folgende Sätze an dieser Stelle hervorgehoben werden sollen: „Wenn nun ferner aber sogar nicht nur der christliche, sondern der erst Christ gewordene Bewerber dem jüdischen Bewerber, wie allermeist, üblich, vorgezogen wird, so tritt eine neue Gefahr an die Universitäten heran, über die ich bei diesem Anlaß meine Meinung nicht verschweigen darf. Wir brauchen an den Universitäten nicht nur gründliche und schöpferische Gelebrte, sondern auch Charaktere von sozialer Gesinnung in den Konflikten der Politik, welche für die Wifsenschaft zumeist zur sozialen Politik sich zuspitzt. Die Universität ist das Flußbett des Volkes für die Freiheit und Reinheit der Wissenschaft und für die Echtheit der nationalen Gesinnung. Macht die Professoren zu Knechten der jeweiligen Politik, die überall mit dem Ständestaat zu ringen hat, und ihr unterbindet die Hauptquelle der geistigen und sittlichen Volkskraft. Ich muß auch vom Juden reden, den ihr durch eure Verwaltung des Rechtsstaates zum Uebertritt verführt. Ter Jude, der bei dem heutigen Widerspruch Zwischen der durch die Verfassung gewährleisteten Rechtsgleichheit und ihrer Handhabung durch die Verwaltung sowie deren Nachleben in den höheren Volksschichten zur herrschenden Religion übergeht, der enthebt sich mitleidlos seiner Zusammengehörigkeit mit Geburtsgenossen, die in seinem Gefühle fortleben muß, wenn er überhaupt Gemüt hat. Leute aber von so innerlich zerrissenem Gemüte können nicht sittliche Zierden der akademischen Körperschaften sein. Durch die Verführung zur Taufe werden daher nicht nur die Juden dezimiert und geistiger Kräfte für ihr Gemeindeleben beraubt, sondern in solchen Juden wird auch das deutsche Volk in seinem Gemüte vergiftet. Und ich habe immer meine Stimme dagegen erhoben, daß solche Männer, über die ich individuell nicht urteile, die für meine Betrachtung nur statistische Figuren sind, die geeigneten Charaktere als Lehrer der akademischen Jugend sein können." Im Anschlüsse an die oben abgedruckten Artikel lassen wir! aus der „Welt am Montag" die nachstehende Notiz hier folgen: Die Hochflut des Antisemitismus. Unter Bezugnahme auf unseren Artikel gegen den von Professor v. Schmoller propagierten

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