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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 Frieden Prophezeien, noch weit entfernt. Unsere Hoffnung besteht teils darin, daß die Feinde endlich einsehen werden, daß es ihnen nicht möglich ist, unsere Fronten zu durchbrechen und den Sieg an ihre Fahnen zu heften, teils darin, daß die Verhältnisse in anderen Ländern so schwierig werden, daß den wider «uns verbündeten Mächten nichts anderes übrig bleiben wird, als den Frieden zu erbitten; denn die Nachrichten, die aus Frankreich und Italien kommen, lauten dermaßen, daß die Not in diesen Ländern außerordentlich gesteigert ist, und unser Unterseebootkrieg scheint die gewünschten Folgen für eine Abschließung Englands und damit für die Aushungerung, dieses Landes zu haben. Wie lange es währen wird, bis richtige Einsicht und grausige Not zu den einzig notwendigen Entschlüssen führen wird, steht dahin. Jedenfalls gilt es auch für uns, mit Ruhe und Entsagung einer schweren Zukunft entgegenzugehen und uns vorzubereiten der kommenden Friedenszeit als entschlossene und zielbewußte Männer entgegenzutreten. Zu solcher Friedensarbeit rüstet sich eine große Vereinigung, in deren Namen die Herren Alpers und O. Schuchardt reden, die sich mit einer außerordentlich großen Anzahl von Männern der verschiedensten religiösen und politischen Bekenntnisse unter Ausschluß aller parteipolitischen Sonderziele vereinigt haben, um diejenigen Bestrebungen zu stärken, welche den Frieden unter den Völkern Europas auf Gerechtigkeit «und Freiheit neu gründen, deutsche Volksart und Kultur aber zugleich vor bekannten Gefahren schützen wollen. Auch ich habe mich diesem Aufruf angeschlossen und gebe ihn hier wieder. Er lautet folgendermaßen: Der m i t t e l e u r o p ü i s ch e Staateubund. Die Unterzeichneten wollen tnx Sinne nachstehender Sähe durch Wort und Schrift Einfluß zu gewinnen trachten auf die Neuordnung in Europa und Deutschland: I. Das Ziel des Krieges für unser Vaterland sei ein ehrenvoller Friede in gesicherten Grenzen. Das Kriegsende bringe den Kulturvölkern eine neue Rechts- und Zriedensordnllug nebst Garantien für ihre Respektierung seitens Kriegführender, u. a. eine Modernisierung des Völkerrechts imb ein Seekriegsrecht, das die Freiheit der Meere verbürgt. Das zur Sicherung des Friedens notwendige Vertrauen unter den Völkern Europas werde nach Wiederaufnahme freundschaftlicher Beziehungen unter ihnen durch erneute Proklamierung der Gerechte i g ke i t a l s Grundlage aller Staaten und als leitendes Prinzip auch für die Politik angebahnt. In der 'hündischen (sörderativen) Neuordnung M i t t e t - e u r o p a s bilden den Kern die eng verbündeten Reiche: das Deutsche Reich und Oesterreich-Ungarn. Die Selbständigkeit beider Reiche ans politischem und kulturellem Gebiete bleibt gewahrt. Das Bündnis zwischen beiden Reichen führe 31t Einheit in militärischer Ausbildung (Militürkonventivn), zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiete (für die Übergangszeit Beibehaltung einer Zwischenzollinie, Einräumung von Vorzugszöllen, Vereinbarungen vor Abschluß von Zollverträgen mit anderen Staaten), zu einheitlichem Handelsrecht, zur Anbahnung eines einheitlichen Münzwesens, W einheitlichen Bestimmungen im Verkehrswesen, zu allseitiger Förderltng der Kulturgemeinschaft, u. a. Anerkennung des Studiums an den Hochschulen beider Reichsgebiete. Der An s ch l u ß and e rer Staat e n erfolge freiwillig ohne 'hoang in irgendwelcher Form. Die dem mitteleuropäischen Staatenbunde anzehörenden Staaten garantieren einander die souveräne Selbständigkeit. II. Als Grundlagen unserer Volksart und Kultur sind zu verteidigen und zu sichern: die sittliche Grundlage des gesamten Staatswesens, sie Festigkeit des Familienlebens und die Reinheit der Ehe, das Verantwortlichkeitsbewußtsein in der öffentlichen Betätigung, die Pflichttreue in der Arbeit, die Mannhaftigkeit des freien Staatsbürgers, die festgewurzelte Liebe zur engeren Heimat als die sichere Grundlage der treuen Liebe zum großen Vaterlande, die Würdigung geschichtlicher Ueberlieserung und berechtigter Autorität, das Festhalten der Wahrheit und Gesundheit in der Kunst, die unerschütterliche Hochbewertung der geistigen Güter. Die Maßnahmen der Gesetzgebung und der Verwaltung sind darauf hin zu prüfen und zu werten. Die notwendige Einheit im Verteidigungs-, Verkehrs-, Fürsorge- (Sozialpolitik)wesen gehe Hand in Hand mit sorgsamer Berücksichtigung der Stammesgliederung und der Stammesart. * Die Schmollersche Angelegenheit wird weiterbehandelt. Im „Berliner Tageblatt" ist folgender sehr bemerkenswerte Artikel abgedruckt, dem wir vollkommen beistimmen und den wir daher ohne jede weitere Bemerkung hier folgen lassen. Offener Brief. A n S e. E x z e l l e u z Herrn Wirkt. Geh. RatProfessor Dr. v. Schmoller. Bon Geh. Sanitätsrat Professor Dr. I. Schwalbe. In dem in Heft 4 Ihres „Jahrbuches" veröffentlichten Aufsatz „Obrigkeitsstaat oder Volksstaat" hatten Sie die Behauptung aufgestellt: „Wie rasch haben die Juden es erreicht, daß an einzelnen Kliniken jahrelang nur jüdische Assistenten angestellt wurden!" Auf meine an Sie gerichtete Bitte, mir den Namen einer solchen Klinik mitzuteilen, hatten Sie die Freundlichkeit, in Ihrem Antwortschreiben drei Fragen an mich zu richten, die ich in folgendem beantworten möchte. 1. „Haben Sie nie gehört und gesehen, daß an der Inneren Klinik voll K. seit Jahren nur Semiten Assistenten sind?" — Hierzu bemerke ich Ihnen auf Grund meiner zuverlässigen Information: Die Assistenten an der K.schen Klinik scheiden sich in zwei Gruppen. Die eine umfaßt ausschließlich aktive Stabsärzte, die von der Militärverwaltung an die Klinik kommandiert werden; es bedarf wohl bei dem Stande der vor dem Kriege herrschenden Auffassungen keiner besonderen Versicherung, daß sich unter diesen nicht ein einziger Jude befunden hat (vielleicht ist es sogar von Interesse, daß auch nicht ein einziger katholisch gewesen ist). — Zu der anderen Gruppe gehören im ganzen 20 Aerzte und eine Aerztin. Von diesen 20 männlichen Assistenten waren bzw. sind 16 evangelischen Glaubens, zwei katholisch, zwei jüdisch. Von den Herren evangelischen Glaubens sind drei jüdischer Abkunft (stammen von jüdisch gewesenen Eltern oder sind selbst getauft), von den beiden katholischen Herren ist einer jüdischer Abkunft. Die Aerztin ist jüdisch. 2. „Haben Sie die Tatsache gehört, daß F., der Gynäkologe, das Alternieren von Juden und Christen für seine Assistenten durchführte, um bloß Juden mehr zu haben?" — Tie Fragestellung muß von vornherein befremden, da sie den Eindruck hervorruft, als ob F. (oder gar alle Kliniker) von irgendeiner Seite gezwungen gewesen timte, bestimmte Assistenten anzustellen, sei es aus konfessionellen oder anderen Rücksichten. Wer nur einigermaßen mit unseren Universitätsverhältnissen vertraut ist, weiß, daß jeder Leiter einer Klinik freie Verfügung darüber hat, wen er als Assistenten anstellen will oder nicht. Es gibt gewiß keinen Kliniker, der sich in dieser Beziehung allgemeine Vorschriften machen ließe, etwa in dem Sinne, wie ihn die Fragestellung vermuten läßt. — Obwohl also die Unterlage für die Frage an sich schon haltlos ist, habe ich doch über die Berechtigung einer solchen Annahme Nachforschungen veranstaltet. Ein Schwiegersohn des verstorbenen Geheimrats F., zurzeit Universitätsprofessor in K., schreibt mir: „Ich kann Ihnen mitteilen, daß mir eine Aeußernng von F., die sich auf ein Alternieren jüdischer und christlicher Assistenten an seiner Klinik bezieht, niemals bekannt geworden ist und daß in den Jahren 1897 bis 1910. während deren ich die Verhältnisse der B. Universitätsfrauenklinik genau gekannt habe, ein bestimmter Turnus nach Rassen niemals eingeführt gewesen ist." 3. „Haben Sie nie einen Blick in einen Universitätskalender getan und nachgezählt, wie das Zahlenverhältnis von Juden und Christen in den medizinischen Fakultäten ist?" — Ich habe mich nicht der Mühe unterzogen, eine solche Nachzählung vorzunehmen, schon

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