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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-03-02 · Heft 9 (2.3.1917) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 9 (2.3.1917)
Date
1917-03-02
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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- 98 Kampf, den wir da führen; er bringt keine Ehre, man schämt sich für den Gegner, und wenn man siegt, hat man über einen Gegner gesiegt, dem man die Achtung versagen muß, und hat nicht einmal die Gewähr, daß das feindliche Prinzip restlos besiegt ist. Man hat den Lügner und Scheelsüchtigen überwunden, aber die Wahrheit und die durch kein Interesse zu hemmende Gerechtigkeit sind damit noch nicht in ihre Herrschaft eingesetzt; man muß weiter Kampfstellung einnehmen und statt der frohmachenden Gewißheit bleibt es weiter die Hoffnung, auf die man sich stützen muß. Das ist's, was dem Purimtage, dem Urbild jedes Sieges über eine drohende Gefahr, wie wir solche so oft schon erlebt haben, ohne damit eine neue unmöglich gemacht zu haben, die Kraft, die Seelen zur Höhe der Freude und der Freiheit emporzureißen, zu einem Teile hemmt. Und ein anderes noch tritt hinzu. Nicht aus eigener Kraft hat Israel damals gesiegt; Gefahr und deren Abwendung waren in gleicher Weise von der Laune eines Fremden abhängig. Es spiegelt sich so im Purimfeste das Schicksal Israels durch Jahrhunderte, ohnmächtig den Launen und der Willkür der Mächtigen ausgesetzt zu sein, wider. Abhängigkeit von Gott nimmt der Mensch nicht als etwas Bedrückendes auf, sondern als etwas, das über Sinnlosigkeit und Zwecklosigkeit emporhebt; aber daß man von Menschen abhängig sein soll, das ist lähmend. Und es lastete und lastet noch heute auf uns, daß wir selbst da, wo wir in freiem Sclbstbewußtsein selbst kämpfen, wo wir im Vertrauen auf Gott unser Schicksal zu schmieden versuchen, doch dabei das Gefühl haben, daß der Gang unserer Geschichte es so gefügt hat, daß wir daneben doch auch abhängig sind von dem guten Willen und der Gerechtigkeitsliebe anderer, und leider mitunter auch von deren Laune, daß wir abhängig sind davon, ob in einer bestimmten Epoche die Idee der Humanität die Köpfe und die Seelen beherrscht oder nicht. Das Purimfest ist uns so in der Schürzung und Lösung des Knotens ein Symbol der mangelnden Unmöglichkeit, unser Schicksal frei von uns aus zu gestalten, des Verflvchtenseins mit den von widerstreitenden Interessen getragenen Völkern der Erde, der Abhängigkeit von den in wechselndem Gang die Menschheit beherrschenden Ideen. Und mögen wir auch mit dieser Abhängigkeit, mit diesem Verflochtensein, wie in so vielen Dingen sonst, nur früher in einen Zustand und eine Daseinsform gekommen sein, in die im Laufe der Geschichte die ganze Menschheit kommt, es ist doch so, daß solche Abhängigkeit als niederdrückend empfunden wird. Und dennoch, und obgleich das Purimfest in der Form seiner Feier schon in alter Zeit nicht auf einhellige Zustimmung stieß, obgleich es nicht mit der Kraft der Ursprünglichkeit aus den Seelen emporwuchs als Ausdruck eines selbstverständlichen Gefühls und naiven Empfindens, hat es sich seinen Platz erobert und behauptet, kommen wir über diese seelischen Hemmungen völlig hinweg. Was aber ist's nun, das allen diesen Erinnerungen zum Trotz uns aus dem Purimfest Aufrichtung und seelische Erhebung schöpfen läßt, das aus ihm ein Fest lauter Freude gemacht hat? Es hat einen Vorzug vor anderen Erinnerungen, der ihm einen dauernden Platz sichert, es verkörpert eine ewige Wahrheit, die befreiend und erlösend wirkt. Was an den Vorgängen, die zu seiner Einsetzung führten, besonders hervorsticht, das ist das Fehlen jeglichen Wunders, der natürliche, fast könnte man sagen der alltägliche Verlauf des Ganzen. Bei anderen Gelegenheiten, die wir aus Israels Geschichte feiern, spielt das Wunder, zum mindesten das Seltene eine Rolle; Israels Befreiung aus Aegypten ist ein Wunder, ein Mose ist eine einzigartige Erscheinung, Menschen wie die Makkabäer sind eine Seltenheit und darum auch ein Wunder. Dem Wunder stehen wir heut skeptisch gegenüber, wir haben das Gefühl für das Wunderbare verloren; und daß uns in jeglicher Gefahr Männer gleich den Makkabäern erstehen, darf man damit rechnen, darauf seine Pläne ausbauen? Da kommt nun das Purimfest, das Büchlein Esther, und zeigt uns, wie oft durch einfache Vorgänge, wie sie alltäglich sich wiederholen und wiederholen können, Frevler zu Fall gebracht. Unschuldige beschützt, Verfolgte vor ihren Drängern bewahrt werden, die Wahrheit ans Licht gebracht und der Lügner in das Netz verstrickt wird, das er selbst andern gestellt hat. Ohne daß im Buche Esther der Name Gottes genannt wird, wird durch die ganze Darstellung alles Geschehene der Leitung Gottes zugeschöben. So festigt sich in uns das Gefühl für das Wunderbare, Göttliche des einfachsten Geschehens und das Vertrauen, daß auch ohne überragendes Wunder, durch die einfachen, treu und gewisienhaft auf ihrem Posten ausharrenden und ihre Pflicht tuenden Menschen, als welche wir uns zu betätigen gesonnen sind, Gott die Menschen zur Freiheit und zum Frohgefühl ihres Lebens und Wirkens führt. Damit kommt in unsere Seele Freude und froher Schwung und ein neuer Antrieb für jeden einzelnen, treu aus seinem Platz dafür zu wirken, daß Wahrheit und Gerechtigkeit. Frieden und Verträglichkeit sich ausbreiten. Und es ist leicht, von hier die Brücke zu schlagen zu den Empfindungen, die uns auch angesichts der augenblicklichen Lage unseres Vaterlandes bewegen; aus den durch die jüdischen Erinnerungen vermittelten Gedanken fließen hier wiederum die Erkenntnisie, mit denen wir an das Leben im ganzen herantreten: das Jüdische setzt sich im Menschlichen fort. Als Trost und sittliche Festigung vermittelt uns Purim die Kunde, daß Gott nicht des Wunders bedarf, um zu befreien und zu erlösen. Bit Woche. Berlin, den 27. Februar 1917. ie Woche ist ohne bedeutsame Ereignisse verlaufen. Von eigentlichen Kriegshandlungen verlautet nichts Besonderes; es scheint, daß allerorten die große Frühjahrsoffensive vorbereitet wird, deren Entscheidung wir ruhig und vertrauensvoll entgegensehen. Was von unserem Generalstab gemeldet wird, ist derart, daß wir uns kleiner errungener Erfolge freuen mögen; das Vertrauen in die Oberste Heeresleitung, auf den tapferen Geist und die Stärke, die in unfern heldenhaften Truppen leben, ist nnerschüttert und unerschütterlich. Der verschärfte Unterseebootkrieg geht in der Weise fort, wie er Ende Januar für Anfang Februar verkündet worden ist. Auch in dieser Beziehung werden verhältnismäßig wenig bestimmte Resultate berichtet; außer der reichen Beute, welche einige Unterseeboote zu verzeichnen haben, wird von kühnen Taten eines deutschen Hilfskreuzers berichtet, dessen Erfolge wunderbar und erfreulich sind. In dem Verhältnis mit Amerika ist noch nichts entschieden. Eine Kriegserklärung ist noch nicht erfolgt, und wenn auch einzelne Parteien in den Vereinigten Staaten darauf zu drängen scheinen, so ist der Entschluß so schwerwiegend, daß sich die beteiligten Mächte die Ausführung des Entschlusses gewiß reiflichst überlegen werden. Der Deutsche Reichstag ist unterdessen wiederum zusammengetreten und hat die Vorlage eines neuen 15 Milliarden betragenden Kredits mit einer überwältigenden Majorität bewilligt. Wenn auch in den Debatten scharfe Worte gefallen sind, so ist mit Genugtuung zu konstatieren, daß alle Parteien einig sind in dem Entschlusie, der Regierung die Mttel zu gewähren, den Krieg glorreich zu beenden. Von einer solchen Beendigung des Krieges sind wir, obgleich viele, die sich im Besitze politischer Weisheit wähnen, den

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