Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 9 Allgemeine Berlin, 2. März 1917 eilung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements«Preis: durch den Buchhandel -oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich JE - Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Vertag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. tlttfltfit* ^danken zum Purimsest. Von Rabbiner Dr. Dienemann + (Ratibor). — Die Woche. — Die jüngste Iudendebatte im bayerischen Landtag. Von L. F. — Zur Geschichte der israelitischen Militärseelforge in Deutschland und Oesterreich. Zugleich Erinnerungen aus meiner 42jährigen Tätigkeit als Militärseelsorger. Von k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Prag, k. k- Subsidiarseelsorger der Garnison Prag, früher k. k. Feldrabbiner i. d. R. — Die drei Brüder an der Westfront. Bild aus dem Kriege von Lehrer Adolf Rothschild (Achim-Bremen). — Feuilleton: Haß und Lüge. Von S. Katz (Gelsenkirchen). — Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G old schm idt. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Kottbus, Kolberg, Augsburg, Essen, Frankfurt a. M., Stockholm. — Von Nah und Fern. Gkdsnkrn?um Kurimfrst. Von Rabbiner Dr. Dienemann (Ratibor). urch unsere Empfindungen am Pnrimfest, durch unser Urteil über dasselbe geht von alten Zeiten her ein Riß. Schon die Früheren lehnten es ab, dem Gottesdienst des Tages das feierliche Gepräge zu geben, mit dem sonst die Tage des Gedenkens an Errettung aus großer Gefahr umkleidet sind; mit dem in der Rangordnung der festlichen Tage mit ihm auf derselben Stufe stehenden Chanukafeste stellte man es gottesdienstlich nicht ganz gleich, indem man ihm das Hallet, Israels jubelndes Dankgebet, versagte. Abgesehen von der schönen, so durch und durch aus jüdischem Geiste fließenden Sitte des Beschenkens der Armen macht ein gut Teil der Art seiner Feier außerhalb der Synagoge, der Ueberschwang in Speis und Trank nach den Andeutungen des Estherbuches und der fröhliche Mummenschanz aus mittelalterlicher Zeit, den Eindruck, als sei sie nicht aus jüdischem Boden gewachsen, aus jüdischen Gedankenkreisen entsprungen, sondern aus fremder Umgebung entlehnt. Und auch unsererseits wird dem Purimtage nicht so viel innere Anteilnahme entgegengebracht wie anderen Tagen im jüdischen Festkalender. Erfuhr z. B. in den letzten Jahrzehnten das Chanukasest eine offensichtliche Neubelebung und wurde in den verschiedenstgerichteten Kreisen der Judenheit zur willkommenen Gelegenheit der Beeinflussung der Seelen in der Richtung aufs Judentum, so ging man an dem Purimfeste noch vorbei, wie wenn man heut nichts Rechtes mit ihm anzusangen wüßte. Die Anteilnahme am Purimtage ist nicht naiv und unbewußt, erst auf dem Umwege über das Nachsinnen und das planvolle — das Bewußtsein-Heben erwächst eine richtunggebende Lehre, ein Gedanke, der uns freudig erregt und der Seele Schwung und Hoffenskraft gibt. Welche Stimmungen kreuzen sich an ihm? Wir vergessen am Purim, auch mitten in der Freude über die Errettung Israels und über die Abwendung einer Gefahr, die den größten Teil des damals lebenden Israels zu vernichten drohte, nicht, daß bei dem ihm zul gründe liegenden Ereignis es sich nicht um eine heroische Anstrengung handelte, nielp darum, daß große Prinzipien gegenseitig zum Austrag gebracht werden. Wir singen am Passah das Halle!, weil mit dem Auszug aus Aegypten der schicksalsgebende Anfang eines Volkes und einer Glaubensgemeinschaft gemacht ward, ein Geschehnis, das aus dem Leben der Gemeinschaft nicht hinwegzudenken ist; wir jubeln an Chanuka, weil damals in dem Widerstreit zweier Geistesrichtungen, der griechischen und der jüdischen, es der jüdischen gelang, das notwendige Maß ihrer Sondereristenz zu erkämpfen. Jegliche heroische Anstrengung, im Körperlichen und im Seelischen, bringt ein Wachstum der Kraft, ein Kamps um große Gedanken, macht die Seelen frei und lebendig, an dem Prinzip, gegen das man streitet, entwickelt man sein eigenes um so klarer, solch ein Kampf bringt vorwärts, schasst neue Werte und macht fruchtbar, er befreit und legt die Kräfte frei, die dann wirksam werden;u einer großen und sittlichen Zielsetzung, aus der Erinnerung daran schöpft man Kraft, für Wahrheit und Gerechtigkeit zu streiten, schöpft man den Glauben an die Kraft des Guten im Menschen und daß es sich lohnt, standzuhalten und auszuharren und mitzuarbeiten an der Verwirklichung eines Gottesreiches auf Erden. Aber was ist das für ein Kampf, der dem Purimfest zugrunde liegt? Ein Kampf gegen Niedertracht und Bosheit, gegen Hinterlist und Feigheit, gegen Verleumdung und gekränkte Eitelkeit. Und solch ein Kampf befreit nicht und läßt immer einen Hefesatz und einen galligen, widerlichen Geschmack zurück. Es ist keine Freude und kein Gewinn, über einen Haman gesiegt zu haben; das macht die Seele noch nicht froh, das bringt nicht vorwärts. Es bleibt das dumpfe Gefühl zurück, daß man einen schlechten Kerl besiegt hat, daß man aber damit das Prinzip, von dem er sich beherrschen ließ, noch nicht erledigt hat; und also bleibt die geheime Angst, daß man morgen oder übermorgen den gleichen Kampf neu zu kämpfen gezwungen sein wird. Ueber solchen Sieg kann man noch nicht aus der Tiefe des Herzens jubeln, er sichert noch nicht die Zukunft, er ist keine tatsächliche Bereicherung der eigenen Seele und der Seele der Menschheit. Wir haben Purim nun immer gefeiert und feiern es auch heut, zunächst getragen von der Empfindung, daß Haman das Urbild aller Judenfeinde und seine Kampfesweise die typische aller Judenfeinde ist. Wie er mit Lüge und Verleumdung auftritt, wie er das Märchen erzählt, daß die Juden ein Element seien, von dessen Existenz der Staat keinen Nutzen habe, daß ihre Gesetze sie von den andern Bürgern unheilvoll trennen, daß sie ein gesetzloses Volk seien, das jede gegebene Ordnung sprengt und zersetzend auflöst, wie er aus gekränktem Eigeninteresse sich gegen die Juden wendet, wie er aus seinem Gegensatz zu einem einzelnen Juden, von dem er sich gekränkt fühlt, seine Wut verallgemeinernd auf alle Juden ausdehnt, in der gleichen Weise waren die Judenfeinde aller Zeiten tätig, sind es heut; mit den gleichen Lügen und Verleumdungen, der gleichen Hinterlist müssen wir uns täglich herumschlagen. Es ist ein widerlicher