Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, 23. Februar 1917 - Der Gemeindevote. Vellage zur „Allgemeinen Zeitung drK ZudrnlumK". SorrrlpMvrn?kn und Machrichtr». DkUtschlkMd. Berlin, 20. Februar. In der Jüdischen Reformgemeinde fand letzten Sonntag die feierliche Amtseinführung des neugewählten Predigers Rabbiner Dr. Felix Coblenz aus Bielefeld statt. Voran ging ein feierlicher Akt im kleinen Betsaal des Gotteshauses, wo die Gemeindevertr-eter und die Herren Prediger sich versammelt hatten, um den neuen Seelsorger zu seinem Amtsantritte zu beglückwünschen. Der erste Vorsitzende des Vorstandes, Herr Direktor Dr. Minden, richtete an Herrn Dr. Coblenz folgende Begrüßungsansprache: „Hochgeehrter Herr Rabbiner! Im Namen der Jüdischen Reformgemeinde zu Berlin habe ich die Ehre, Sie in unserem Gotteshause zu begrüßen und Sie in ihr Amt als Rabbiner, Seelsorger, Prediger und Lehrer einzuführen. Wer Ihren Bildungs- und Entwicklungsgang verfolgt hat und ich selbst habe den Vorzug, Sie seit dem Gemeindetage des D. I. G. B. im Jahre 1888 zu kennen —, der weiß, daß Sie gewissermaßen vorausbestinunt waren, dereinst in unserer Gemeinde zu wirken, der ersten'in Deutschland, welche — abgesehen von kleineren Versuchen — den Gottesdienst in der Muttersprache ein- und durchgeführt hat. Wie Ihr Wirken in Ihrer bisherigen Gemeinde ein segensreiches gewesen ist, so hoffen wir alle, daß es auch in der Reichshauptstadt von Erfolg gekrönt sein wird. Sie treten Ihr Amt in einer schweren Zeit an. Unsere Jugend bis hinauf in das reife Mannesalter steht im Felde und auch unsere Frauenwelt dient dem gemeinen Wohle mit allen Kräften. Zahlreiche schmerzliche, blutige Opfer hat der Krieg erfordert; dies hat uns in unserem Gottvertrauen nicht erschüttert. Unsere Gemeinde hat zurzeit eine besondere Aufgabe: Wie auch die politischen Verhältnisse sich gestalten mögen — bei unseren Glaubensgenosien im Osten stehen große Kulturveründerimgen bevor. Da gilt es umso fester zu halten an derjenigen geschichtlichenErscheinung,welchesichinunsererGemeinde a m r e i n st e n d a r st e l l t, a n dem deutschen I u d e n t u m! Das Rüstzeug hierfür zu schmieden, sind Sie in hervorragender Weise berufen. Möge Gott ihrem Wirken reichen Segen verleihen!" — Sodann hielt der Vorsitzende der Repräsentanten, Geheimer Sanitätsrat Dr. Benno Holz, folgende Ansprache: „Meine hochverehrten Herren Amtskollegen! Es öffnen sich die Pforten unseres Tempels zum Empfang eines Boten Gottes. Darum kleideten wir uns in festliches Gewand und schmückten unser Gotteshaus mit frischem Grün und Blumengewinden, unserem neuen Priester zu Ehren, aber auch, dies in stiller Hoffnung, daß mit ihm nach langer und trüber Zeit rauhen Winters Frühling und Frieden in unsere Herzen einziehen, daß er unserer Gemeinde Trost und Freuden bringe und Tage der Trauer in frohe Feste wandle. Ihnen, ehrwürdiger Herr Rabbiner, entbiete ich im Namen der Repräsentanten der Jüdischen Reformgemeinde ein herzliches Willkommen. Ein glänzender Ruf geht Ihnen voraus, und wir beglückwünschen uns zu unserer einstimmigen Wahl, da wir wissen, daß Sie in Ihrer Gemeinde zwei Jahrzehnte segensreich gewirkt haben. Auf der Kanzel waren Sie Meister der Rede, in der Neligionsschule legten Sie in die Seelen der Kinder den sicheren Grund zur Frömmigkeit, in der Wohltätigkeit regelten Sie den Schlag des guten jüdischen Herzens durch das Gesetz sozialer Fürsorge; Sie förderten durch Ihr persönliches Ansehen und Ihr priesterliches Wirken das Judentum in den Augen der Andersgläubigen und somit den interkonfessionellen Frieden. Ihre treue, dankbare Gemeinde, die die Trennung von Ihnen schmerzlich empfindet, begleitet Sie mit Segenswünschen in Ihren neuen Wirkungskreis. Ein bedeutsamer, an Arbeit und Erfolgen reicher Lebensabschnitt ist abgeschlossen, und wir empfangen Sie mit froher Hoffnung, zum Heil unserer Gemeinde. Wie in der Synagoge, wenn ein Buch der Thora zu Ende gelesen ist, rufen nun wir, die gewählten Vertreter der Reform, Ihnen zu: Sei stark, sei stark und bleibe fest! Der Name Josua, der Ihnen in die Wiege gelegt worden, sei eine gute Vorbedeutung dafür, daß Sie mit „Gotteshilfe" in der Geschichte unserer Gemeinde als Führer verewigt werden, als Held und Kämpfer für unsere heilige Religion in Reinheit und Freiheit, für des Judentums Lehre und Ehre. Im Glanze Ihrer Persönlichkeit, Ihrer Erfolge und Ihres Ruhmes spiegle sich die jüdische Reformgemeinde: sie blühe, wachse und gedeihe! Und sie wird ihrem treuen Hirten den Fleiß seiner Arbeit, die Lauterkeit seiner Gesinnung lohnen mit Dankbarkeit, Liebe und Ehrfurcht, eingedenk der herrlichen Worte des Propheten Maleachi: Die Lippen des Priesters wahren Erkenntnis, man suche Lehre aus seinem Munde, denn ein Bote des Herrn ist er. Wir begrüßen Sie, hochgeehrter Herr Rabbiner, mit dem Worte des Psalmisten: Gesegnet sei, der da kommt im Namen^des Ewigen!" — Unter den Klängen des Eingangsliedes wurde dcknn der neue Seelsorger im feierlichen Zuge von den Herren Direktor Dr. Minden und Geheimrat Dr. Holz unter Vorantritt seiner Amtsgenossen in das Gotteshaus geleitet, das bis auf den letzten Platz mit zur Andacht herbeigecilten Herren und Damen besetzt war. In seiner A n t r i t t s p r e d i g t entwickelte Dr. Coblenz die Grundsätze, nach denen er sein neues Amt in Gotteshaus und Schule verwalten will. Wenn die Kultur der Welt zusammenbricht, ist es schwer, die Edelpflanze der Religion tu voller Schönheit zu erhalten. Wer sie Ptleaen will, tmtfr zielbewusst auf sicherem Grunde stehen. Diesen sicheren Grund bietet dem neuen Prediger der Entwicklungsgedanke, zu dem er sich voll und aanz bekennt. Er ist ihm die treibende Kraft, die auch das religiöse Leben gestaltet. Während die Grundlehren des Judentums unvergängliche Euigkeitswerte enthalten, sind die äußeren Formen nur die veraänaliche Hülle für diesen ewigen Kern. Das Judentum muß auch in seinen äußeren Formen von deutscher Heimatl u f t durchweht und von modernem Sinn erfüllt sein. Auch der Resorwaedanke nnterlieat dem Wandel der Zeiten, die Ueberlieserunaen der Begründer der Resormaen^einde müssen weiter entwickelt werden. Die Predigt, die den Mittelpunkt des Gottesdienstes bildet, soll 'lebendige Relimon in die Herzen der Hörer tragen. Die wichtigste Ausgab? bleibt die Schule, in der die Jugend zu Nachfolgern unsres Strebens erzogen werden soll. Die Bibel und die jüdische Geschichte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart soll unsere Jnaend begreifen lernen als ständige Offenbarung Gottes im ringenden Menschenaeist. — Mit dem Kaisergebet und dein Priestersegen schloß die Predigt, worauf der Gottesdienst seinen Fortgang nahm. E. M. Berlin, 20. Februar. Im Vereiu s ü r i ü d i s ch e Geschichte u n d L i t e r a t u r sprach am 8. d. M. Professor Dr. Grotte (Posen) über die ä l t e st e und alte synagogale Kunst in Deutschland und den ö stlichen Kriegsgebieten. Der Weltkrieg, so führte der Redner aus. bat unter anderen Kuliursraaen auch das Ostjudenproblem angeschnitten, das jetzt im Mittelpunkt der Diskussion steht. Der deutsche Forschergeist, der in das neu erschlossene Gebiet seme Fühler ausstreckte, erstaunte über das merkwürdige Kunstleben, das dort besteht, weil es als feststehende Tatsache galt, daß die Juden die Kunst nicht kannten und sogar verabscheuten. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, daß die Kunst der südamerikanischen Indianer besser erforscht ist als die der seit Jahrhunderten in Deutschland seßhaften Juden. Der älteste Zeuge altjüdischer Kunst in Deutschland ist die Synagoge in W o r m s, die als eines der ersten Bauwerke Deutschlands, eine Art Hallenkirche, von dem herrschenden Basilikastil abweickst. Zwei Säulen in der Mitte des Tempels, deren Bedeutung viel umstritten wird, dürften an die Säulen Jachin und Voaz im Salomonischen Tempel erinnern. Dieses Säulenmotiv ist neuerdings wieder in den Synagogen in Frankfurt und Essen zur Anwendung gelangt. Typisch für die alten Synagogen ist die Tatsache, daß der Almemor den Mittelpunkt des Gotteshauses bildet und nicht der Thoraschrein, der in den heutigen Synagogen in den Vordergrund tritt. Die verschwundenen Synagogen in Regensburg und in Frankfurt a. M. zeigten ebenfalls gotischen Stil. Die letztere weist bereits Anbauten für Frauen auf, die nach Auffassung des Redners eine