Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 96 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229294--72916-3285367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
—06 Parteikampf an der Erziehung und Heranbildung einer jüdischliberalen, das heißt einer religiösen und doch liberalen Jugend gearbeitet hatten, erschien es an der Zeit, der Einheitlichkeit dieses Strebens durch Schaffung eines gemeinschaftlichen, die bestehenden jüdisch-liberalen Jugendvereine umschließenden Bandes auch äußerlich Ausdruck zu geben. Au diesem Zweck haben am 28. Januar 1917 in Posen Delegierte der vier Jli von Breslau, Berlin, Posen und Hamburg die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine beschlossen. In der dem Gründungsbeschluß vorhergehenden Ansprache, an der sich außer den Vertretern der Vereine auch die Herren Rabbiner Professor Dr. Bloch (Posen), Rabbiner Tr. Goldmann (Oppeln), Justizrat Kaempser (Posen) und Rechtsanwalt Heinrich Stern (Berlin) beteiligten, kamen die maßgebenden Gesichtspunkte mit erhebender Einmütigkeit zum Ausdruck. Alle Redner beonten den Charakter der neuen Verbindung als einer zur Arbeit geschassenen Gemeinschaft. Ernster Arbeit soll es obliegen, in der jüdischen Jugend durch Förderung eines gründlichen, planmäßig erworbenen religiösen Wissens einen stolzen, von seinem Wert überzeugten Liberalismus großzuziehen, der, von unfruchtbarer Negierung und ängstlicher Schaukelpolitik gleich weit entfernt, an der Fortentwicklung der Religion mitzuarbeiten berufen sein soll. Nur warmherzige Religiosität, nur umfassende jüdische Bildung werden der Jugend den stolzen Schwung und die kernige Geradheit verleihen, der gerade den Vertretern des religiösen Liberalismus noch zu oft mangelt. Mit der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine ist keine Kampforganisation geschaffen worden, sondern eine Stätte der Erziehung und religiösen Arbeit, einer Arbeit an sich selbst und an der großen Menge der religiös Indifferenten. In ihnen den festen Glauben an die Entwicklungsfähigkeit der Religion Israels, an das ewige Leben des Judentums zu erwecken und zu stählen und damit die Begeisterung für das, was ewig ist an Lehre und Sitte unserer Väter zu entflammen, wird die Aufgabe der neugeschasfenen Vereinigung sein. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (1. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ch bin in seinen Augen die „Patientin". Ein sogenannter % „schwerer Fall", und er hat noch den ganzen schönen Berufseiser der ersten Jugend. (Freilich, den, Vater, hast du bis zuletzt gehabt.) „Vernünftig sein" heißt bei Westphal wieder leben, arbeiten, Verkehr haben mit der Außenwelt. „Ich arbeite ja", wehrte ich mich zuerst fast weinend. „Fanden Sie mich je müßig, wenn Sie kamen?" „Ja," antwortete er ganz gleichgültig, „immer! Heute z. B. wischten Sie Staub: eine Arbeit, die das Mädchen schon getan hat oder doch ebensogut tun könnte. Eine nutzlose Arbeit ist keine Arbeit." Und dann versuchte der junge ungebetene Retter mir so etwas wie ein Programm, so einen Tagesplan in großen Zügen vorzuschreiben. Etwas in mir wehrt sich gegen die Bevormundung. Aber das kommt davon, wenn man jemand in seine Karten blicken läßt. Sonst weiß ich mich doch zu beherrschen. Wenn ich noch so weine, wenn Josepha hereinkommt, gebe ich ihr in trockenem Tone Anweisung, was sie einholen oder tun soll. Ich habe eine förmliche Angst vor chrem plumpen Mitleid, und wenn sie mir so rührselige Geschichtchen von dem „guten, seligen Herrn" erzählen will, beleidigt es mich fast. Wie kam ich dazu, vor Westphal mich so gehen zu lasten, fassungslos aufzuweinen, als er aufgeregt ins Zimmer gestürmt kam. „Fräulein Trude, Sieg! Sieg! Was sagen Sie dazu? Heute schon Brest-Litowsk genommen." Und dann zögernd, ganz betreten, als ich weinend auf den Stuhl sank — ich fühlte ordentlich seinen erschreckten Knabenblick. „Auf d i e Wirkung war ich nicht gefaßt." „Ach, Doktor. Doktor, Vater erlebt es ja nicht mehr, Vater kann sich nicht mehr mitfreuen." Und da war es, daß der junge Patriot sich so empörte, daß er ganz seine sonstige Zurückhaltung vergaß. „Sind Sie denn allein auf der Welt? Sie und Ihr Schmerz?" So grob redete er sonst nie. Fast verächtlich klang es: „Wenn es Ihr Vater nicht mehr sieht, dann hat es wohl keinen Zweck mehr, daß wir siegen?" „Doktor Westphal," sagte ich so ruhig, wie ich konnte. „Wissen Sie, was das Grausamste ist, das Gott jetzt einem Menschen auferlegen kann? Die große, schwere Zeit, die er uns auferlegt hat, nicht zu Ende leben, bei ihrer Erfüllung nicht mehr dabei sein zu dürfen. Ob alt, ob jung, den siegreichen Frieden muß man erleben dürfen. Vater hat es sich so gewünscht, nur das — nur das. Er war so warm, so ganz bei der Sache, so über all seine Schmerzen hinweg." „Und all die jungen, blühenden Menschen draußen, die mitten heraus sterben müssen, die von uns, die wir heimbleiben müssen, schmerzlich beneidet werden." „Sie tun ja hier Ihre Pflicht, Doktor," und dabei sah ich in sein ernstes, junges Gesicht, das jedesmal ganz vergrämt aussieht, wenn er darauf zu sprechen kommt, daß er „d. u." ist. Mir siel in dem Augenblick auf, daß er förmlich heruntergearbeitet aussieht, so schweren Kriegsdienst hat er im Land auf sich genommen. Vielleicht war ich deshalb nachgiebig genug, ihm „ja" zu sagen, als er mich bat, ihn ein wenig zu unterstützen. „Wie denn, Doktor, Krankenpflege?" „Nein, nein, es warten schon genug unbeschäftigte Helferinnen. Es werden auch gar keine Kurse mehr abgehalten. Aber, wenn Sie sonst wollen, vielleicht macht es Ihnen selber Spaß, mal so einem armen Teufel von Verwundeten eine kleine Freude-" „Ja, Herr Doktor, ja, gern." Wieso hatte ich das so ganz vergessen? Früher, als Vater noch etwas gesünder war, hatten wir doch so viel ins Feld geschickt und in die Lazarette, freilich dann — in der großen Not, hörte alles auf. Man hatte auf nichts anderes mehr Gedanken. „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, daß Sie mich daran erinnert haben." „Zum Donnerwetter, schimpfen Sie mich nicht immer Herr Doktor", polterte er ein wenig kindisch los, und ich mußte fest lachen, als ich in sein tiefernstes Gesicht sah. „Ich habe mir herausgenommen. Sie „Fräulein Trude" zu nennen. Sie hatten nichts dagegen?" „Nein, im Gegenteil." „Na also, und ich heiße Günther." „Ich will Gebrauch davon machen, Herr Günther." Ich reichte ihm die Hand. „Das „Herr" können Sie sich auch schenken. Ich bin nämlich, das glauben Sie mir nur, auch ein einsames Menschenkind und kann ein bißchen persönliche Teilnahme brauchen. Ich schließe mich schwer an. Man hat seine Arbeit und nichts als Arbeit." (Fortsetzung folgt.)