Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-23 · Heft 8 (23.2.1917) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229294--72914-3285365
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Straße, wo die reine dünne Winterluft von den Alpen und der ihnen entströmenden Isar herüberweht, der Erde übergeben. Das Begräbnis gestaltete sich zu einer erhebenden ehrenvollen Trauerfeier. Mit den Verwandten hatten sich eingefunden: Justizminister v. Thelemann, Personalreferent Ministerialrat Möller vom Justizministerium, der Präsident des Obersten Landesgerichts Reichsrat Dr. v. Haiß, vom Münchener Oberlandesgericht der Präsident Reichsrar v. Heinzelmann mit den Senatspräsidenten und Räten, Oberstaatsanwalt Freiherr v. Sartor, der Generalstaatsanwalt Lerno, der Präsident des Münchener Amtsgerichts I Dürbig, zahlreiche Richter, Rechtsanwälte und Männer von der Justiz. Rabbiner Profesior Dr. Coßmann Werner hielt eine tiefempfundene Gedächtnisrede und verrichtete das Gebet. Auch bei den übrigen Ritualien dürfte der alte schon fast vollbesetzte israelitische Südfriedhof der bayerischen Hauptstadt ein solch gewähltes Beileidsgefolge noch niemals gesehen haben. (Harburger war auf dem allgemeinen Ostfriedhof eingeäschert worden.) Nach der religiösen Handlung sprachen Gedenkworte: Präsident v. Heinzelmann namens des Münchener Oberlandesgerichts, Justizrat Rechtsanwalt Leo Oppenheimer im Aufträge des Israelitischen Studien- und Arbeitsbeförderungsvereins, Justizrat Dr. Emil Fränkel als Vertreter des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur. Unter den Kranzspenden lagen'Widmungen vom Oberlandesgericht München und von der Oberstaatsanwaltschaft. Alles in allem erwies die imposante Kundgebung aufs deutlichste, wie hier ein allgemein hochgeschätzter Mann des richterlichen Berufs, der dessen obere Stufen erreicht, und zugleich ein überzeugungstreuer Jude zur ewigen Ruhe begleitet wurde. Wie Eduard Silbermann sich als solcher gefühlt und betätigt hatte, davon wissen neben den Mitgliedern der angeführten Vereinigungen alle diejenigen zu erzählen, die seinen regen Anteil an den Arbeiten der Vertretungskörper der Israelitischen .Kultusgemeinde München beobachten oder tatsächlich spüren konnten. Ohne Aufdringlichkeit stand er immer ganz seinen Mann. Ob man an seiner Statt heute wieder einen Juden zu finden wissen wird? L. F. Lur Grlchichte der ilraeMilchrn Militärlerllorse in Drutlchland und Mettrrreich. Zugleich Erinnerungen aus meiner 42jährigen Tätigkeit als Militärseelsorger. Von k. k. Professor Dr. Alex. Kisch, Rabbiner der Israelitischen Gemeinde in Prag, k. k. Subsidiarseelsorger der Garnison Prag, früher k. k. Feldrabbiner i. d. R. n'). us meiner Amtszeit in Brüx möchte ich hier noch etwas nachtragen, was für die neueste Bewegung in Deutschland und Oesterreich zur Schaffung einer Militärseelsorge auch für Friedenszeiten und im Hinterlande der Kriegsschauplätze von Interesse sein dürfte. Ich glaube, im Bürgerkasino dieser Stadt lernte ich einen hochgebildeten Kavalier, Baron v. Gorizutti, Sohn des gleichnamigen ehemaligen Erziehers weiland Kaiser Franz Josefs, kennen, der, da kurz zuvor meine Eintragung in die Feldrabbinerlisten veröffentlicht worden war, in seiner genauen Kenntnis der österreichischen Heereseinrichtungen bei mir die Idee anregte, ich solle mich Mit einem ausführlich motivierten Gutachten an das Reichskriegsministerium wenden, man möge ein aktives Feldräbbinat, das etwa die größten Garnisonen zu bereisen hätte, auch für Friedenszeiten schassen. Er wolle mein Gesuch nicht nur fachlich motivieren, sondern auch einreichen helfen. Meine Hoffnungen und Ausy Vgl. Jahrg. 1916, S. 582 ff. u. 595 ff. sichten rabbinischer. Tätigkeit wollten sich jedoch nicht ausschließlich auf eine so enge, wenn auch sehr schöne und ehrenvolle Tätigkeit beschränken, und ich lehnte ab. Erst als ich im Jahre 1885 eine ehrenvolle Berufung an die Prager Meiselsynagoge erhielt, fand ich, daß ein uneigennütziger, energischer und beredter Mann an dem Sitze des Oberkommandos des böhmischen Armeekorps, wenn er still und klug wirken würde, wohltätig seelsorgerisch für die jüdischen Mannschaften des Landes und namentliche der Hauptstadt tätig sein könnte. Schon Ostern (April) 1885 hatte ich auf mein Ansuchen von der Leitung des Prager Armeekorps die Erlaubnis erhalten, im großen Tempel in Prag (Geistgasse) einen Festgottesdienst für die jüdischen Mannschaften, zu dem sie in Verbänden von den Unteroffizieren geführt wurden, abzuhalten. Später, nach Antritt meines Amtes an der Meiselsynagoge, wurde mir am 28. September 1886 die Seelsorge bei den jüdischen Mannschaften der Prager Garnison übertragen und ich wurde zum Subsidiar-Seelsorger für diesen Sprengel ernannt. In dieser Eigenschaft hielt ich regelmäßige Militärgottesdienste ab und übernahm nicht nur gern die gesamte israelitische Seelsorge bei den Prager und Vororte-Mannschaften, sondern auch sehr gern alle Gutachten, Besorgungen. Ansuchen und Auskünfte, mit denen man sich von den militärischen Behörden und von jüdischer Seite aus ganz Böhmen als selbstverständlich bis auf den heutigen Tag an mich wandte und wendet. Die Kosten, die nicht immer ganz unbedeutend waren und deren Ersatz mir in späteren Jahren sowohl vom Militär als auch von dem Prager Kultusgemeinde-Präsidium wiederholt angeboten wurden, bestritt ich stets aus Eigenem und erkundigte mich niemals nach den Gebühren, die mir als amtlich bestelltem Milstär-Seelsorger zustanden. Dieses vollständig freie Wirken in der Ersatz-Seelsorge machte mir. nachdem ich mich in die militärischen Gewohnheiten, Bräuche und Kreise jahrelang eingelebt hatte, ein wirkungsvolles Eingreifen in Kreise, die mir sonst ganz fremd waren, möglich. Rühmend muß ich hervorheben, daß ich in allen Kreisen das liebenswürdigste Entgegenkommen und das weitestgehende Gewähren fand, wenn ich im Interesse einzelner oder der ganzen Judenheit der Armee Bitten stellen mußte. Ja nicht selten sprach man mir bei den höchsten Kreisen der böhmischen Armeespitzen Anerkennung des militärischen Geistes der in der Armee dienenden Juden aus. So sprach mir z. B. Oberst Freiherr v. B., vor mehr als 30 Jahren Stadtkommandant von Prag, in der bekannt liebenswürdigen österreichischen temperament- und klangvollen Weise sein Urteil über die jüdischen Mannschaften mit den Worten aus: „Mir sind die jüdischen Soldaten mit die liebsten; denn ich weiß mich nicht zu erinnern, daß einer wegen Diebstahls oder Trunksucht je bestraft worden wäre. Und zu Unteroffizieren eignen sie sich ganz besonders, da fast jeder von ihnen mindestens zwei Sprachen unseres Reiches spricht." Ich erlaubte mir zu antworten, daß der Feldmarschall Erzherzog Albrecht das letztere fast mit denselben Worten geäußert habe. Neue Einrichtungen in bezug auf die Seelsorge wurden mir konform wie der katholischen und protestantischen Geistlichkeit aufgetragen und ausführbar gemacht. So wurde vom Ministerium zu einer Zeit, da scheinbar die Zähl der Selbstmordversuche in der Armee gestiegen war, angeordnet, daß jeder gerettete Selbstmordkandidat seinem Geistlichen über seine Veranlassung zu diesem Schritt ausführlich im Vertrauen zu berichten habe. Unter allen an mich gekommenen vertraulichen Geständnissen aus dem Lande war kein einziger Fall, in dem der Jnkulpat behauptet hätte, daß eine Veranlassung aus militärischen Gründen vorliege. Ein Fall von kameradschaftlicher Beratung mit dem katholischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.