Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine andere auffallende Erscheinung im Leben des Ghettojuden, die sich bis aus die Zeit verfolgen läßt, da die Juden durch die Eroberung des- Orients durch Alexander den Großen mit dergriechischen Philosophie in Berührung. gekomnren find, ist das lernen", wie er das Studium des Talmud nennt. Wenn es nach seinem Herzen ginge, würde er von der Wiege bis zum Grabe ununterbrochen lernen. Das ist freilich nicht ganz durchführbar. Das Leben nötigt ihm manche Pausen ab. „Die „Unterbrechungen" sucht er auf das Mindestmaß herabzudrücken. In zwei bis drei Jahren eignet er sich im Cheder, der Elementarschule, in die er im fünften Lebensjahr kommt, hastig die für das Talmudstudiunr notwendigen Vorkenntnisse an: die Uebersetzung der Gebete und des Pentateuchs in seine Muttersprache, das Jüdisch-Deutsche. Das ist alles. Für die übrigen biblischen Bücher, Schreiben und Grammatik hat er keine Zeit. Die Beschäftigung damit gilt für ihn sogar als anstößig. An Profane Kenntnisse, wie die Landessprache, Rechnen und. andere weltliche Lehrgegenstände, ist überhaupt nicht zu denken. Die Beschäftigung mit ihnen ist für ihn mehr als anstößig, ist gottlos. Nun stürzt er sich auf das Lernen. Er lernt bis zu seiner Verheiratung, die im Alter vom 18. bis zum 18. Jahre zu erfolgen pflegt, auf Kosten seiner Eltern. Er lernt als verheirateter Mann auf Kosten seiner Schwiegereltern, solange sie ihn mit seiner Familie erhalten können. Er lernt vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Einmal wöchentlich nimmt er sogar noch die ganze Nacht hinzu. In der kargen Mußezeit, die er sich gönnt, beschäftigt er sich mit Erfindungen. Eine seiner Lieblingsideen ist, ein Mittel, zur Abschaffung des Schlafes zu erfinden, den er als seinen ärgsten Feind ansieht, weil er ihm so viel von seiner kostbarsten Zeit raubt. Wenn ihn seine Schwiegereltern nicht länger erhalten können, geht er hinaus und ergreift einen Nahrungszweig. Er macht ein Geschäft auf, geht hausieren oder wird Lehrer. Aber dies sind alles für ihn nur Nebenbeschäftigungen, lästige Störungen, Unterbrechungen. Seine Hauptbeschäftigung ist und bleibt das Lernen. Wo er nur immer eine freie Stunde erhaschen kann, am frühen Morgen, abends, am Sabbat, in den Feiertagen, versenkt er sich in das Studium des Talmud. Man kann sich leicht denken, wie der echte Ghettojude sich bei einer solchen Lebensführung zur Natur verhält. Er sieht sie nicht, oder, richtiger, er darf sie nicht sehen. „Wer aus dem Wege geht und sein Lernen unterbricht und sagt: wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker, sein Leben verwirkt." Er ist überhaupt mit dem Worte „schön" äußerst sparsam. Er begreift, daß die Frau oder das gesprochene unb geschriebene Wort schön sein müssen, weil sie sonst ihren Zweck, zu reizen, zu wirken, verfehlen würden. Es fällt ihm aber nie ein, einen Mann, ein Tier oder eine Sache schön zu nennen. Dabei beruft er sich aus die Bibel, die in der Tat die Bezeichnung schön nur selten anders als auf die Frau anwendet. Als Gott mit Befriedigung die erschaffene Welt betrachtete, sagte er nicht, sie sei schön, sondern: „daß sie gut sei". Dem Ghettojuden ist die Sache alles und die Form nichts. Er ist kein Freund der „schönen Verpackung", der •ganja® ßsq bunWsinvhürntz iaq 'aq*mi& aaq '„buntzwmlnA ualachuact" Er gibt sich, wie er ist, verdeckt nichts, verheimlicht nichts. Man muß einen Leichenzug im Ghetto gesehen haben, um 311 begreifen, was das heißt. Auf offener Bahre, nur notdürftig mit einen: Tuche zugedeckt, wird die Leiche durch die belebtesten Straßen zum Friedhof getragen. In zerrissenen Kleidern, womöglich noch ungepflegter als gewöhnlich, laufen die Leidtragenden hinterher, aus Leibeskräften jammernd. Oder man muß sie in ihrer Freude sehen, wie sie etwa an dem „Festtage der Thora" gruppenweise tanzend und singend auf den Straßen umherziehen. Jeder Abstand zwischen dem Sein und dem Schein erregt seinen Spott. Daher ein ätzender Witz gegen alles Hohle. Seine Aufrichtigkeit artet in Zudringlichkeit aus. Erkennt keine Distanz zwischen sich und seinem Nächsten. Ungeniert dringt er in die Geheimnisse des andern ein, stellt ihn zur Rede, schimpft und bestraft ihn, wenn er ihn von: rechten Wege abweichen sieht. Dafür aber kennt seine Opserwilligkeit keine Grenzen. Er unterstützt die Bettler, die in ganzen Scharen herumgehen, aus vollen Händen, ladet die mittellosen, Durchreisenden zu Tisch, speist die bedürftigen Talmudjünger, stattet die armen Bräute aus, spürt die verschämten Hilfsbedürftigen auf. Pflegt die Kranken und tröstet die Leidenden. Unerschöpflich ist seine Hilfsbereitschaft. Dir MirgsyllMvmmMün der Nditchrn Gemeinde?u Berlin. Von BenasLevy (Berlin). re bei allen Wohlfahrtsbestrebungen ist eine richtige Organisation auch für die Kriegshilfskommission der Jüdischen Gemeinde von größter Wichtigkeit gewesen. Nur dann, wenn die Wohlfahrtspflege nach bestimmten Grundsätzen geregelt und ausgeführt wird, ist es ihr möglich, eine segensreiche Tätigkeit zu entfalten. Die Zentralisation und Dezentralisation müssen geschaffen werden, damit die Leitung alle die vorhandenen Fäden übersehen und dafür sorgen kann, daß aus diesen vielverzweigten Fäden ein Gewebe entsteht, das nicht nur für die Verwaltung, sondern vor allen Dingen auch.für alle Armen und Bedrückten von Nutzen ist. Wenn ohne diese Zentralisation die Unterstützungen verteilt werden, dann bekommen diejenigen, die der Hilfe am meisten bedürfen, nichts, und diejenigen, die sich hervordrängen, erhalten mehr, als ihnen zukommt. Es ist das Verdienst des Vorsitzenden der Kriegshilfskornmission der Jüdischen Gemeinde, des Herrn Justizrats Bernhard Breslauer, gleich nach Beginn des Krieges ihre Organisation in die richtigen Wege geleitet zu haben. Zu der Zeit, als der Andrang am größten war, als die Gemeinde von Ausländern und hiesigen Bedürftigen geradezu bestürmt wurde, war die Schaffung der Organisation am schwierigsten, aber auch am dringendsten. In den ersten Äugusttagen des Jahres 1914, als der Krieg Plötzlich hereingebrochen war, mußte die Arbeit der Organisation geleistet werden, und sie ist in hervorragender Weise durchgeführt worden. Neben der Hauptkommisston sind die Abteilung „F" für Frauen und Kinder, die Abteilung ,M" zur Beschaffung von Stellen für Männer und die Sprechstunde eingerichtet worden. Die Sprechstunde hatte zuerst am meisten zu tun. Alle die vielen Hunderte von Ausländern, die aus den Bädern hierhergekommen waren und nicht einen Pfennig Geld besaßen, wandten sich in ihrer großen Not an die Gemeinde, und hier galt es, sofortige Unterstützung zu beschaffen. An den Bahnhöfen sammelten sich Scharen von Flüchtlingen; ihnen mußte Obdach und Speise gegeben werden. In der Sprechstunde wurden viele Hunderte von Hilfsbedürftigen versorgt und teilweise in der jüdischen Herberge untergebracht. In Verbindung mit dem Hilfsverein der deutschen Juden schaffte man ihnen die Möglichkeit, wenn auch auf Umwegen, in ihre Heimat zu gelangen. Diese Abteilung, die sich zuerst als so notwendig erwiesen hat, ist inzwischen überflüssig geworden. Die Ausländer konnten nicht mehr hierherkommen; für die Russen sorgte das Russenkomitee bis zum Juli 1918, und die dringenden und sofort zu erfüllenden Ansprüche an die Gemeinde hörten auf. Um so mehr aber wuchsen die Ansprüche, die von unseren inländischen bedürftigen Glaubensgenossen an die Gemeinde gestellt wurden. In der einen Familie war der Ernährer einberusen, und die Angehörigen blieben ohne Subsistenzmittel zurück. In der anderen Familie waren die Söhne ins Feld gerückt, die bisher die Eltern unterstützt hatten, und die armen,, alten Leute wußten nicht, wie sie den Lebensunterhalt erschwingen, sollten. — Die Gemeinde kann den großen Ansprüchen, die an sie gestellt werden, nicht allein genügen. Sie kann nur mithelfen an dein großen Werk der Nächstenliebe, dem Werk der Unterstützung, die in erster Linie der Staat und die Stadt zu leisten haben. Aber überall da, , wo Staat und Stadt nicht ausreichend gesorgt haben, da.soll und muß die Gemeinde mit ihrer ergänzenden Hilfe eintreten. Welche Fülle von Arbeit der Gemeinde erwachsen ist, das beweist die riesige Zahl von 22 M Petitionen, die bis zum heutigen Tage eingegangen sind. Wenn auch ein großer Teil dieser Eingaben sich wiederholt hat, so