Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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beworben. Doch das nebenbei! Worauf es ankommt, ist die von ihm an Herrn w Schmoller gerichtete \}xa&e, wieviel ordentliche Professoren israelitischen Glaubens es an den preußischen Universitäten gibt. Die)e Frage umgeht das antisemitische Blatt, indem es das Wort „ordemlich" einchch wegestamoriert. Was man, dann eine ehrlicha, „teutsche" Polemik nennt! Herr v. Schmoüer, der natürlich nicht aus dem Niveau des „Hammer" steht, hat die an ihn gerichtete Frage nach einer konfessionellen Statistik der ordentlichen Professoren bisher nicht beantwortet. Uns scheint, nachdem er mit seinen allgemeinen Behauptungen über die Verjudung der Universitäten so viel Verwirrung angerMet hat, hat er einfach die Pflicht, tnt Interesse der Klärung der Angelegenheit mit genauen Zahlen herauszurücken." » Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte vertrauliche Rundschreiben versendet, die von der antisemitischen Zeitung „Auf Vorposten" der Oeffentlichkeit kundgegeben worden sind. Der Zentralverein hatte darin aufgefordert, auf das wucherische Treiben christlicher Landwirte zu achten und gebeten, ihm Material zu verschaffen, das ihn in den Stand setze, solche Vergehungen die gebührende Strafe -finden zu lassen. Dieses Vorgehen, das dem Tätigkeitsgebiet des Zentralvereins durchaus angemessen erscheint, hatte der „Deutschen Tageszeitung" Veranlassung gegeben, in einem Artikel von ungemessener Heftigkeit den Zentralverein anzugreifen, der sich gegen solche Anwürfe durch folgende Zuschrift wehrt: „In der Morgenausgabe vom 14. Februar entrüstet sich die „Deutsche Tageszeitung" über zwei ihr durch die „Vorposten", das Organ des Vereins gegen Ueberhebung des Judentums, zugegangene Rundschreiben des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, wonach dieser seine Vertrauensmänner aufsordert, ihm Fälle von Uebertretungen der Kriegsgesetze durch Nichtjuden zu übermitteln. Das Organ des Bundes der Landwirte, das sonst das Gras wachsen hört, fragt hier erstaunt, wozu dies geschieht und stellt sich, als ob es sich hier um einen heimlich vorbereiteten Angriff der Juden gegen die Landwirte handle. Demgegenüber sei festgestellt: der Zentralverein hat aus dieser Sammlung niemals ein Hehl gemacht. Er ist gezwungen worden, diese ihm wenig zusagende Arbeit zu unternehmen, nachdem ihm bekannt geworden war, daß von antisemitischer und dem Bunde der Landwirte nahestehender Seite nicht bloß alle Fälle von Uebertretungen der Kriegsgesetze durch Juden gesammelt, sondern trotz des Burgfriedens in der antisemitischen Presse veröffentlicht worden sind. Die „Deutsche Tageszeitung" wird wohl nicht daraus hingewiesen zu werden brauchen, um welche Presse es sich handelt. Demgegenüber hat der Zentralverein selbstverständlich die Pflicht, daß er nicht gegenüber tückisch verbreiteten Angriffen auf seine Glaubensgenossen später ohne das Material dasteht, aus dem nachzuweisen ist, daß nicht bloß Juden Kriegswucher getrieben haben, sondern daß der Kriegswucher sich unterschiedslos bei allen Stünden und Berufsklassen, die mit Kriegsgeschästen zu tun haben, zeigt. Diese Erkenntnis scheint im übrigen ja auch der „Deutschen Tages- > zeitung" aufzugehen, so daß wir hoffen können, daß die vom Zentralverein veranstaltete Sammlung niemals in Benutzung zu nehmen sein wird. Denn sobald der Bund der Landwirte und sein Organ sich zu der Erkenntnis durchgerungen haben, daß die Fehler einzelner nicht bestimmten Berusszweigen oder Religionsgemeinschaften zugerechnet werden können, wird unsere Sammlung überflüssig. Bis dahin aber werden wir, um den Angriffen der Freunde der „Deutschen Tageszeitung" gegenüber gerüstet zu sein, in unseren Arbeiten fortfahren." * Auch in dom preußischen Abgeordnetenhaus ist die Angelegenheit der Juden kurz zur Sprache gekommen. Es handelt sich dabei nicht um die allgemeine Frage ihrer Stellung, um die großen Zurücksetzungen, die sie erfahren, sondern um eine verhältnismäßig kleine Sache. Bei den Verhandlungen über den Etat hatte nämlich der freisinnige Abgeordnete Lippmann die Frage gestellt, ob über Personell jüdischen Glaubens, wenn sie in Berlin zuziehen, eine besondere Liste beim Einwohnermeldeamt geführt werde. Er fuhr fort: „Wir stellen diese Frage in aller Oeffentlichkeit und wünschen öffentliche Beantwortung; es scyemt, als oo auch hier die Berliner Polizeiverwaltung sich unnötige, überflüssige, den alten Poüzeigeiit atmende Arbeit macht." Von anderen Rednern war -dieser Gegenstand nicht werter behandelt worden; der Unterstaatskesretär Drews gab auf die Anfrage die kurze Antwort: „Besondere Listen über die neu zugezogenen jüdischen Einwohner dienen zur Vorbereitung für die Steuerrolle." Wir erwähnen diese Antwort nicht ohne Befremden, denn da es keine besondere Judensteuer gibt, so will uns bedünken, daß zur Vorbereitung für die Steuerrolle die Erwähnung des Glaubensbekenntnisses unnötig ist. In München fand am 16. Februar eine höchst interessante parlamentarische Aussprache statt, über die wir in der nächsten Nummer von unserem Mitarbeiter L. F. einen Artikel: „Die jüngfte Judendevatte im bayerischen Landtag", bringen. * In der „Berliner Morgenpost" veröffentlichte I. F r o m e r einen größeren Aufsatz: „Der Ghettojude". Er gibt darin zunächst persönliche Eindrücke über feine Heimat, die er nach langer Abwesenheit gewonnen, spricht von dem starren Festhalten seiner Glaubensgenossen an den rituellen Gebräuchen und gibt dann eine interessante Schilderung des Wesens der Ostjuden, die hier wiederholt werden mag. Es ist keine Uebertreibung, wenn gesagt wird, daß er in religiöser oder, was ja dasselbe ist, in sittlicher Beziehung der disziplinierteste Mensch ist. Selbst der Japaner, dessen pflichtbewußte Selbstverleugnung so außerordentlich stark entwickelt ist, reicht an ihn nicht heran. Es gibt bei dem echten Ghettojuden keine noch so geringsügige Lebensäußerung, die nicht mit einer langen Kette von Vorschriften belastet ist. Und er schleppt sie alle freudig und sucht womöglich immer neue zu schaffen. Wie schwer dünkt es den modernen Menschen, dem neutestamentlichen Keuschheitsideale nachzuleben! Der Ghettojude geht darüber weit hinaus. Er vermeidet es nicht nur, eine fremde Frau anzublicken, schon der bloße Gedanke an sie ist für ihn eine Sünde, ein Verbrechen. Selbst seiner eigenen Frau gegenüber beobachtet er eine Zurückhaltung, die dem rnodernen Empfinden geradezu unsaßlich ist. Er speist mit ihr nicht an einem Tisch, geht mit ihr nie aus, läßt sich mit ihr nicht in weitläufige Unterhaltungen ein. „Wer mit seiner Frau viel spricht, zieht sich Unannehmlichkeiten zu, wird von seinen religiösen Pflichten abgelenkt und kommt am Ende dadurch in die Hölle." Wie alt dieser Zug ist, zeigt ein Blick auf die Patriarchengeschichte. Sarah hält sich im Nebenzimmer auf, während Abraham bei sich Gäste bewirtet. Der fromme Hiob sagt von sich: „Ich habe einen Bund gemacht mit meinen Augen, daß ich aus eine Jungfrau nicht achtete/ Eine etwas spätere Eigentümlichkeit des Ghettojuden ist das Hinzielen auf das Jenseits. Er faßt das Leben als einen vorübergehenden Aufenthalt, als einen Markt auf, wo er sich die für das Jenseits nötigen Dinge anzuschaffen hat. Dabei aber muß er sich jeden Augenblick in acht nehmen, daß er nicht etwas Nachteiliges einhandelt. Ungeheuer groß ist die Strafe, die auf das geringste Versehen gesetzt ist. Wie qualvoll er sich die Hölle ausmalt, geht aus der Sage hervor, die man sich im Ghetto von einem Märtyrer erzählt, dem bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen wurde. Dabei hielt er fortwährend seine Gedanken auf Gott gerichtet. Nur einen Augenblick verließ ihn die Willenskraft. Dafür mußte er auf dem Wege zum Paradiese die Hölle passieren. Später offenbarte er sich einem Freunde und erzählte ihm, daß seine Todesqual sich zu der Pein, die er in den wenigen Augenblicken des Aufenthaltes in der Hölle empfunden hatte, wie ein Tropfen zum Meere verhielte. Um so großartiger malt sich der polnische Jude seine Paradiesessreuden aus. Er begnügt sich nicht mit einem Palaste, einem Lände, einer einzigen Welt. Nicht weniger als 310 Welten werden ihm drüben zur eigenen Verfügung gestellt werden.