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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-23 · Heft 8 (23.2.1917) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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88 Darin soll und mutz der jüdische Beamte eS sogar seinen andersgläubigen Kollegen zuvortun, damit er auch den leisesten Schein einer Bevorzugung vermeide. Vorgefaßte Meinungen, die jüdischen Beamten etwa ungünstig sind, durch musterhaftes Verhalten zu zerstreuen, das wäre die vornehmste Aufgabe solcher künftigen Beamten.! Gelingt ihnen dies, woran bei der Fähigkeit und dem nötigen guten i Willen keinesfalls gezweifelt werden darf, so wäre das ein bahnbrechender Erfolg, der künftigen Geschlechtern den Boden vorbereitet, aus dem die Saat des Ansehens und der unverkünunerten Gleichberechtigung der Juden kräftig emporschöfse. Derartige Kulturpioniere wären auch in erster Linie dazu berufen, der jüdischen Sache mit gutem Erfolge zu dienen, indem sie durch ihr veredelndes Beispiel, manchen fernstehenden Glaubensgenossen zu sich heranzögen. Dieser letztgedachte Punkt ist zur Bekämpfung antisemitischer Strömungen keineswegs so unbedeutend, wie er manchen erscheinen mag, denn dadurch, daß sich viele unserer Glaubensgenossen dem öffentlichen Leben gefliffentlich fernbalten, wird nicht selten mehr gefehlt, als wenn sich einzelne in mißliebiger Weise hervordrängen. Auch die Gleichgültigkeit in Dingen des öffentlichen Lebens und der Allgemeinheit führt sehr häufig dazu, daß sich, unsere Glaubensgenossen vielfach zurückgedrängt wähnen, weil sie als Antisemitismus auslegen, was zum großen Teil Selbstverschulden ist. Als leuchtendes Beispiel möchte ich deshalb an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, daß am hiesigen Orte von den fünf Familien Juden ein männliches Mitglied der Gemeindevertretung angehört und ein anderes bei allen amtlichen Statistiken, wenn auch unentgeltlich, in der Oeffentlichkeit mitwirkt. Gegenwärtig ist dieser Herr auch Kreisbeauftragter zur Abnahme des Brotgetreides. Der Zweck dieser Ausführungen ist, der jüdischen Allgemeinheit den Beweis zu liefern, daß auch der einzelne es in der Hand hat, sich zur Mitarbeit an allen öffentlichen Angelegenheiten darzubieten. Dieser Zweck wird erreicht, wenn wir Juden fortfahren, uns auch für derartige Berufe vorzubereiten, denen wir uns bislang ans mehr oder minder begreiflichen Gründen nicht genähert haben/ * Heber Rußland ist diesmal merkwürdiger- und erfreulicherweise nichts Entsetzliches zu melden. Wir geben daher gern einer Mitteilung unserer Korrespondentin öl. B. an dieser Stelle Raum: Jüdische Liebes a r beit an den Flüchtlingen. Einem diesbezüglichen Bericht der „Rjetsch" entnehmen wir folgende beachtenswerte Einzelheiten: Nach der soeben in einer Versammlung in Petersburg von Dr. Sliosberg erstatteten Abrechnung hat das Komitee für jüdische Flüchtlinge seit der Kriegszeit 21 Millionen Rubel aufgewandt . . . Diese Summe setzte sich ans Gaben der rnssischen Großstädte und Provinzen zusammen, ferner aus 5 Millionen Rubel, die die amerikanischen Juden gestiftet haben, und 800 000 Rubel, die aus Südafrika kamen. Zu erwähnen ist noch eine Gabe von 150 000 Rubel, die christlichen Gemeinden in Dublin zu danken ist. Im ganzen beziffern sich die ausländischen Stiftungen auf 8 Millionen Rubel, und 9 Millionen Rubel hatte die Rentei für diese Zwecke ausgeworfen. Im Gegensätze zn anderen Hilfsorganisationen für Flüchtlinge mutzte die jüdische den größten Teil durch Wohltätigkeit aufbringen. Es galt 160000 Juden, die namentlich aus den Gebieten von Kowno und Kurland sehr zahlreich herbeigeströmt waren, wirtschaftlich aufzurichten, ferner für Waisen zu sorgen, da 15 000 Familien ihre Väter im Kriege verloren haben. Das Komitee schuf 200 Schulen für 32 000 Flüchtlingskinder und Warteschulen und Bewahranstalten für 9000 Kinder, sodann Handsertigkeitsschulen und Arbeitsnachweise. Sämtliche Einrichtungen werden auch jetzt noch mit der größten Sorgfalt geleitet und überwacht und haben günstige Erfolge gezeitigt. * Leider mehren sich in geradezu erschreckender Weise die antisemitischen Ausfälle verschiedener Blätter, leider auch antisemitisches Verfahren einiger Beamten. Ueber ein Vorkommnis letzterer Art und die entsprechende Ahndung, die dies Verfahren gefunden hat, schreibt das „Berliner Tageblatt": Eine Rüge für einen antisemitischen Richter. Eine ungehörige Verallgemeinerung. Wir haben uns im August vorigen Jahres , gegen eine ungehörige Verallgemeinerung in einem Gerichtsurteil, das gegen einen jüdischen Händler einer westpreußischen Kleinstadt erlassen wurde, gewendet. Es hieß in dem Urteil, es sei gerichtsbekannt, daß der Händler mit allen Listen, deren jüdische Geschäftsleute überhaupt fähig seien, gearbeitet habe, usw. Der Händler war wegen Uebertretung der Markt- Pvlizeiordnung zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden. Jetzt ist er —- am 1. Februar — in der Berufungsinstanz freigesprochen worden, und die „Danziger Zeitung" ist in der Lage mitzuteilen, daß der Justizmimster die betreffende Bemerkung des Richters gerügt hat. * Ueber Antisemitismus beim Unterricht entnehmen wir der „Freisinnigen Zeitung" die nachstehende Notiz, die wir ebensowenig wie die frühere mit einem Kommentar zu begleiten für notwendig halten. Bor einiger Zeit ist in der Presse gerügt worden, daß der Ghmnasialoberlehrer Professor Dr. Heinrich Wolf in Düffeldorf beim Unterricht Aeutzerungen getan hat, die mit den Anschauungen eines j Erziehers nicht zu vereinbaren sind. Im Haushaltungsausschutz des preußischen Abgeordnetenhauses hat ein fortschrittlicher Abgeordneter vor einigen Tagen diese Aeutzerungen als Ausfluß des niedrigsten Antisemitismus, gekennzeichnet. Der fortschrittliche Abgeordnete, der dem Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus angehört, verlas Aeutzerungen-, die Wolf im Unterricht in der Oberprima vorgetragen habe. Mitglieder der Rechten versuchten, den Redner zu unterbrechen: als ihnen dies nicht gelang, beschlossen sie eine Herabsetzung der Redezeit auf sieben Minuten. Der Kultusminister gab erfreulicherweise eine durchaus befriedigende Erklärung ab. Es sei kein Zweifel, daß Profeffor Wolf in parteipolitischer Einseitigkeit die Grenze des Zulässigen überschritten habe; im übrigen hat Professor Wolf, der schon vor dem Kriege aus dem Schuldienst ausgeschieden und während des Krieges freiwillig wieder eingetreten war, seinen Abschied von neuem genommen. * Einer der schlimmsten antisemitischen Schriftsteller des Auslands, Eduard Drumont, ist 73jährig in Paris gestorben. In seiner Zeitschrift „La Libre Parole" und in manchen Büchern hatte er in starker Verblendung gegen alle? Jüdische unseren Glaubensgenossen in Frankreich ungeheuer geschadet und leider mit beträchtlichem Erfolg die Stimmung in Frankreich wider uns zu beeinflussen vermocht. Es ist nicht angebracht, Tote zu schmähen; wir begnügen uns, das Lebensende dieses Judenfeindes zu registrieren. * Im Anschluß an die Schmollerschen Aufsätze und die dadurch hervorgerufene Zeitungspolemik enthält die „Welt am Montag" folgenden Artikel: Wie sie polemisieren. Der antisemitische „Hammer" schreibt im Anschluß an unsere Auseinandersetzung mit Professor v. Schmoller über die Judenfrage: „Herr Hellmut v. Gerlach sucht in der „Welt am Montag" Nr. 1 die Richtigkeit dieser Behauptung zu bestreiten und sagt: „Wir bitten dringend um eine Statistik der preußischen Universitäten, aus der hervorgeht, wieviel ordentliche Professoren israelitischen Glaubens au ihnen vorhanden sind." Es muß überraschen, daß Herr v. Gerlach, der vor 25 Jahren eine Gastrolle in der deutsch-sozialen Partei gab und sich um ein antisemitisches Mandat bewarb, so schlecht in der einschlägigen Literatur bewandert ist, sonst müßte er wiffen, daß im „Handbuch dar Judenfrage" diese gewünschte Statistik seit Jahrzehnten erbracht ist, und zwar stellt das genannte Handbuch für das Jahr 1907 bereits unter 1377 Universitätsprofefforen nicht weniger als 120 Israeliten fest (12 Prozent), unter 697 Privatdozenten 120 Israeliten (20 Prozent), während die Juden im Deutschen Reiche nur rund 1 Prozent aus-' machen. — Hellmut v. Gerlach hat weder je in der deutsch-sozialen Partei eine Gastrolle gegeben noch sich um ein antisemitisches Mandat

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