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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-23 · Heft 8 (23.2.1917) · p. Seite 87

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 8 (23.2.1917)
Date
1917-02-23
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 Gruppe aus. Im Ergebnis des Kampfes verbietet daher die ein e wirtschaftliche Gruppe dem Egoismus der anderen einen Teil desjenigen, was der ersteren Gruppe schädlich ist, indem diese erstere Gruppe einen Anteil sich selbst vorbehält. Daneben bleibt aber ein ungeheueres Feld der Betätigung für den rücksichtslosen Egoismus unberührt. Nicht alle Fragen der Verteilung der Lebensgüter sind so geartet, daß dasJntere s s e einer Wirtschastsgruppe eine bestimmte Regelung vorschreibt und erheischt. So gibt es viele Lücken in der Rechts- und Betätigungsordnung und ebenso viele Stellen, auf denen der Egoist, ungehemmt durch wirtschaftlich-rechtliche Regeln, auf die Schädigung und Zerstörung des Nebenmenschen ausgehen kann, obgleich diese nicht durch das Wohl der Gesamtheit, das Gemeinwohl gefordert wird. Der moralische Mensch sorgt nicht für das Gemeinwohl an sich. Das ist wenigstens nicht der Inhalt der Moral. Sonst hätte er sich — ebenso wie der Politiker der Gesellschaft — um die Einzelexistenz nicht ju kümmern, sondern ausschließlich die Kämpfe der Wirtschaftsgruppen zu verfolgen und sich mit deren Ergebnis zu begnügen, da diese den Zustand des Gemeinwohls Hervorbringen. Sein Fürsorgestreben geht vielmehr über das GemeinwohlhinausausBekämpfungderzer st ör enden Bosheit und Erhaltung des menschlichen Wesens. Darum wird er gerade dort in höchstem Maße praktisch und mit größtem Eifer tätig, wo die Regelung durch die wirtschaftliche Gesellschaft aufhört und versagt. Er sucht den zerstörenden Trieb des Egoismus als solchen zu bekämpfen. Zu diesem Zweck versucht er aber nicht nur — wie Kant zu meinen geneigt ist — aus die Gesinnung einzuwirken, sondern auch Regeln für die Betätigung der Menschen zueinander aufzustellen: Regeln, die nicht nur die durchgesetztenWünscheder Wirtschaftsgruppen wiedergeben, sondern darüber hinaus Zerstörung von Existenzen verhindern, wo der wirtschaftliche Kampf der Gesellschaft Schädigung nicht erfordert und h e r b e i f ü h r t. Weitere Einzelheiten der ethischen Aufgaben können an dieser Stelle nicht verfolgt werden. Ich will hierüber nur noch andeuten, daß sich aus dem entwickelten Prinzip der Moral sowohl erzieherische Beeinflussung der Anklage der Bosheit wie anderseits erzieherische Bekämpfung der zum Opfer der Ausbeutung geeigneten Schwäche als Aufgabe ergibt, ferner aber auch die Aufgabe der Ausbildung des Rechts und der Regelung der Gesellschaft in nicht nur wirtschaftlichem, sondern auch ethischem Sinne. Von der Möglichkeit einer gewissen vorsichtigen Kontrolle darüber, daß die Politik der Wirtschaftskämpse und der Wohltätigkeit dem Ziel des Gemeinwohls — welchesnatürlichimethifchenZiele eingeschlossen ist — sich nicht zu langsam nähere oder es gar zeitweise aus den Augen verliere, haben wir schließlich schon früher gehandelt. Die neutestamentliche Liebe der Aufopferung haben wir abgelehnt. Das Streben der Wohltätigkeit ist an sich Inhalts- und schrankenlos und hat sich deshalb der gesellschaftlichen Politik unterzuordnen. Diese Politik an sich ist ein Streben auf das gemeine Wohl, welches die Gerechtigkeit im Verhältnis zwischen den wirtschaftlichen Gruppen zum Gegenstände hak. Die wahre Moral erstrebt aber Gerechtigkeit zwischen den Gliedern de rM en s chh ei t ü b e rh au p t. Das ist die Moral der biblischen Propheten und des Judentums, die eben nicht nur Liebe und Hingabe, sondern a l l g e - mein menschliche, schaffende und die Menschheit f ormende Gerechtigkeit ist. Möchte doch der ethische Eifer der Propheten im Judentum wieder erwachen und eine ethische Wissenschaft hervorbringen, die nicht im Grunde christliche Theorie ist, und im Einklang mit ihr eine ethische Praxis, die sich nicht nur auf gelegentliche Wohltätigkeit oder auf Gesellschaftspolitik, sondern auf Gerechtigkeit richtet! Alle Philosophie erstrebt letzten Endes Klarheit über das, was wir tun sollen. Gründlich denken, um starkundzielbewußtzu handeln, ist das Ideal der Menschheit; nicht nur reine Wissenschaft. Sie Woche. Berlin, 20. Februar 1917. er verschärfte Unterseebootkrieg wird in der angekündigten Weise mit großem Erfolge geführt. Wir haben es seit langem vermieden, in diesen Uebersichten Zahlen anzugeben und einzelne Tatsachen anzuführen. Aus diesem Grunde sei nur kurz erwähnt, daß ein einziges Unterseeboot aneinemTage (16. Februar) 51800 Bruttoregistertonnen versenkt hat. Neben diesem Hinweis auf eine einzige Tatsache stehe hier nur der Ausdruck der Hoffnung, daß diese neue Art der Kriegführung unsere Macht stärken und die Gegner niederzwingen möge, nebst der Verkündigung des Vertrauens, daß unsere Angelegenheiten in der Hand der Obersten Heeresleitung gut und sicher aufgehoben sind. Diese Hoffnung und dieses Vertrauen haben wir so häufig zum Ausdruck gebracht, daß wir nicht glauben, nötig zu haben, viele Worte darüber zu machen; entschlüpfte oder entschlüpft uns bisweilen ein zages Wort, so ist dies nur eingegeben durch augenblickliche Stimmung, niemals durch Mutlosigkeit oder Vertrauenslosigkeit; wir haben — dafür dürfen wir selbst ein feierliches Zeugnis ablegen — niemals einen Zweifel gehegt an unserer gerechten Sache, nie die Zuversicht eingebüßt, daß alles für uns gut stehe und trefflich enden müsse. An Berichten über sonstige K r i e g s e r e i g n i s s e ist die vergangene Woche arm. Gekämpft wird überall und ununterbrochen; unsere Fortschritte sind an manchen Stellen bemerkenswert, nirgends ist uns ein nennenswerter Schaden zugefügt worden. Als ganz besonders erfreulich muß hervorgehoben werden, daß in der Champagne am 15. d. M. eine Höhe gestürmt und gegen die zähen, beständig erneuten Wiederangriffe der Franzosen behauptet wurde, eine Heldentat, bei der gegen tausend Franzosen gefangen und wichtige Beobachtungsposten ihnen entrissen worden sind. Ueber jüdische Angelegenheiten ist manches zu berichten. Die Hauptstelle für Berufsberatungder Juden veröffentlichte einen Sonderabdruck aus der Zeitschrift „Im Deutschen Reich". Er enthält einen sehr bemerkenswerten Aufsatz des Bureauvorstehers L. Hecht, der namentlich die jüdischen Kriegsbeschädigten auf die mittleren Beamtenstellen aufmerksam macht. Er mahnt seine Glaubensgenossen eindringlichst davor, keine Kapitalabfindung zu nehmen als Gegenwert für seinen Unstellungsschein, und fährt fort: „Was den Vorbehalt der Brauchbarkeit für die mittlere und untere Beamtenlaufbahn anlangt, so schrecke kein Arbeitsfreudiger vor dieser Forderung zurück, denn Intelligenz und Anpassungsfähigkeit in allen Lebenslagen machen es dem Durchschnittsjuden von solider Schulbildung leicht, diese Grundbedingung zu erfüllen. Verfasser dieses, der seit nahezu 28 Jahren als Kommunalbeamter in der mittleren Verlvaltungslaufbahn steht, kann auf Grund reicher Erfahrung versichern, daß ein halbwegs befähigter Mensch, der in dieser Laufbahn einmal Fuß gefaßt hat, keine besonderen Schwierigkeiten hat, sich zu behaupten. Nüchternheit, gebotene Zurückhaltung und vor allen Dingen der durch nichts zu beeinflussende Grundsatz, stets den „geraden Weg" zu gehen, das sind die Hauptersordernisse des Beamtenbcrufes.

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