Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Uttö nun soll das alles vorbei sein? Ich verstehe es doch so gut mit dir, Väterchen, weiß, was du gern hörst, und was dir ein wenig Genugtuung ist. Vater, was soll denn all die Liebe und Ehre und Dankbarkeit ringsum —, du hast so oft über Undank im Leben klagen müssen — was hat es denn für einen Zweck, wenn du selbst nichts mehr davon hast? Wenn ich dir nichts mehr davon erzählen kann?! m Die weißen Blätter starren mich so leer und fremd an, wie die Augen all der fremden, lästigen Leute, die mir ihren Rat und ihre Teilnahme anbieten. Aber die Blätter sind wenigstens stumm, darum hole ich sie her. Kein fremdes Ohr hört, was ich sage, so, wie es sonst war, wenn ich zu Vater sprach. Siehst du, was ich hier schreibe, Väterchen? Mir ist es so. Keiner sonst soll etwas von mir wissen. Was will ich denn? Die Leute sind doch gütig zu mir, haben das ehrliche Dreitagemitleid im Herzen und auf der Zunge, das man für einen Trauerfall in einem Hause, das einem eigentlich nichts angeht, bereit hat. Warum also schrecke ich so verletzt zurück? Gottlob, die Verwandten sind nun auch wieder abgereist. Wir haben die Verwandtschaft nie viel gepflegt, hatten uns | mit den meisten aus den Augen verloren. Nur jedes Jahr zu! Rauschhaschonoh war es mein ungeliebt Amt, den Tanten und! Onkels zu schreiben, was schon immer das Fest wochenlang! vorher mit einem leisen Grauen für mich umkleidete. Nun zur Beerdigung waren sie alle da und haben mich geküßt und! mich eingeladen. Wenn mich doch nur alle Menschen in Ruhe ließen! Ich will ja alles tun. Ich will Dr. WestPhal auf seine vielen Fragen Antwort geben, was mit!dom Werk da geschehen solle und mit dem Schrank dort; ich will das Sachliche mit dem Mädchen, der Schneiderin, dem Hauswirt besprechen,! aber sie sollen keine Herzenstöne mit mir anschlagen, sie sollen j anerkennen, daß ich mutterseelenallein auf der Erde bin, daß meine Welt versunken ist und daß ich nur übrig geblieben bin, ein wertlos unnützer Rest. * Bei allem, was ich tue, habe ich das Gefühl, mein Vater schaue von da oben auf mich herunter mit seinen klugen, ernsten, traurigen Blicken. Glaube ich denn auf einmal an ein Leben nach dem Tode? Ja! bei Vater, sicher! Es ist nicht möglich, daß er tot ist, für alle Ewigkeit tot. In mir ist ein einziges, ewiges Staunen, daß nun nicht alles aufhört, daß die Welt nicht still steht, weil mein Vater nicht mehr ist. Dort steht ein Sessel vor dem Schreibtisch; ein angefangener Brief liegt da; hier steht die halbgeleerte Medizinflasche. — Es ist doch nicht möglich, daß all die toten Dinge noch da sind, wenn er nicht mehr ist. Durch ihn hatten sie doch erst Leben. * Sonderbar, aber das Zimmer sieht jetzt, nach dem Besuch, ganz anders aus. Laßt mich doch in Ruhe, ihr alle zusammen. Nun ja, nun ja, er meint es ja gut, der junge Dr. West¬ Phal, ich glaube es Ja. Aber was weiß denn der blutjunge Mensch von mir, der keine Ahnung hat, was Trauer ist. Wie kann er sich nur herausnehmen, mich trösten, mich „von meinem Kummer abziehen" zu wollen! Er hat wohl auch nicht die rechte Art für mich. Bin ich etwa grob geworden, als er damit begann, daß ich ja noch das Grab besitze, das ich nun Pflegen könne und das — ich kann solchen Unsinn jetzt nicht hören. Was hat der tote Leib da unten in der Erde davon, wenn ich frische blühende Blumen da oben hin streue. Ich neide den Blumen das blühende Leben. Der da unten welkt und sieht sie nicht. Und dann haben wir uns doch etwas geeinigt. Ich habe ihn angefleht, richtig angefleht, er soll mich in Ruhe lasten mit all dem Geschäftlichen und alles nach seinem Ermessen erledigen. Er hat es mir zugesagt, Vaters Fachbibliothek hat er endlich angenommen. Er hat mir warm gedankt und gesagt, für ihn sei sie von unendlichem Wert. Er sei nicht in der Lage, sie sich zu beschaffen. Gott sei Dank, so ist es in Vaters Sinn. Dr. WestPhal muß sehr, sehr viel auf mein gutes Väterchen gehalten haben, daß er die erfolglose Last auf sich nimmt, sich um dessen unliebenswürdige Tochter zu kümmern. Sie dankt es ihm ja noch nicht einmal. „Es ist unrecht, Fräulein Trude" — Trude? — Höre ich noch einmal den lieben, traulichen Namen? Einen Augenblick war es mir, als stehe der junge Mann als Abgesandter dessen, der ganz allein mich so genannt hat. Ich dachte nicht, daß ich je im Leben die liebe Abkürzung wieder hören würde. Freilich, WestPhal kam oft zum Vater, er hat ihn wohl öfter so mich rufen hören. Er war einer von den wenigen, die wußten, daß sie von dem erfahrenen Arzt noch etwas lernen konnten. Wie ich sie hasse, diese satten jungen Herrchen, die alle das Pulver erfunden haben und sich einem alten Kollegen hundertmal überlegen fühlen, bloß, weil sie jung sind. Nie hat Vater so etwas mit mir besprochen, aber ich weiß sie doch, all die Kränkungen der jungen, rücksichtslosen, eifersüchtigen Kollegenschaft, der ungetreuen Patienten. Ich selbst kenne WestPhal wenig. - Vater sah es lieber, wenn ich ihn allein ließ, wenn er Kollegenbesuch bekam. Ob er nun genug hat von seinem Liebeswerk? Mag er! Trotz allem! Allein will ich sein, allein mit meinem Vater. * Die Menschen geben mich aus, WestPhal und die Nachbarin, alle, alle. Das kann mir doch eigentlich sehr recht sein. Ich wollte es doch so. Wenn nur ein Tag nicht so furchtbar lang wäre! Drei liegen zwischen meinem letzten Schreiben und heute. Als es einmal klingelte, dachte ich: und wenn es der alte Jakob wäre! nur ein Mensch, der mein Schicksal kennt, den Vater gekannt hat — ich halte es nicht mehr aus. Warum schreibe ich nicht? Ach, es ist so schrecklich, nie eine Antwort zu bekommen auf alles, was man denkt und sagt. Ich habe versucht, zu arbeiten. Ich bin ja so sehr daran gewöhnt, über meine Kräfte hinaus. Väterchens Pflege war so anstrengend zuletzt. Dazu der Haushalt. Nun ist es, als sei gar nichts mehr zu tun. und was ich im Hause schasse, kommt mir so sinnlos und überflüsstg vor. Und das soll mein Leben sein? * Wenn ich ihn doch zurückrufen und mein Wort zurücknehmen könnte! Aber wo mag er jetzt sein? Er ging ja in die Praxis. Und wie sagtest du immer, Väterchen? „Ein gegebenes Wort nimmt man nicht zurück." Und doch, seit ich wieder mit dir allein bin, fühle ich, ich habe mich übertölpeln lassen, ich habe zu viel versprochen. Dein junger Kollege ist zäh und fest, Vater, das muß man ihm lasten. Er ging einfach nicht weg. Erst Wort und Handschlag, daß ich — wie sagte er doch? Eigentlich eine Keine Unverschämtheit von dem blutjungen Menschlein — daß ich „vernünftig sein wollte". Und er ist Vaters Freund, und er ist Arzt. (Fortsetzung folgt.)