Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 83 — sie mich wird näher kennenlernen." Die dritte Berliner Frau, die von ihr manchmal erwähnt wird, ist Henriette Herz, die 1819 nach ihrer Romreise sich in Frankfurt aufhielt. Ueber diese, von der sie schon früher einmal gesagt hatte: „mir war sie allzeit zu groß", heißt es 9. September 1819: „Die Herz aus Berlin ist im Augenblick anwesend bei uns; ich weiß nicht, wie Sie zu ihr stehen, und sage nur: sie steht noch auf der Höhe des Körpers und in der Tiefe der Schönheit; wenn ich sie sehr liebte, so würde es mich rühren, so tut sie mir nur leid." Aber auch weniger bekannte Damen jüdischen Ursprungs werden angeführt. So schreibt sie in dem schon angeführten Brief vom 23. März 1825: „Kennen Sie die Familie Pobeheim, Fränkelsche Mutter und Schwester? Sie sind gegenwärtig Hier, und von den Töchtern wird sich eine mit einem in Trier stehenden Ulanenrittmeister verheiraten. Die Mädchen sind wohlerzogen, die Mutter angenehm und klug, aus der Schule von ehedem; daß die kluge Frau sich keinen bestimmten Wohnort ausgesucht, tut mir leid für sie, und ich nehme ihr Erscheinen für einen gescheiten Witz; wieviel Dumme hat man nicht zu überstehen." Im Anschluß daran mag angemerkt werden, daß sie über einen ehemaligen Berliner Juden in einem späteren aus Berlin datierten Billett folgendes schreibt: „Baron Delmar hat uns diesen Morgen besucht, den ich nicht ausstehen kann, weil er sich hat in Vornehm übersetzen lassen und das Original spielt. Für mich ist er schlechter Druck." Diesen witzigen, sarkastischen Bemerkungen mag zum Schluß eine längere Briefstelle angefügt werden, die uns über historische Vorgänge, die Judenunruhen in Frankfurt a. M., unterrichtet. Nach diesem Judenkrawall schreibt sie am 9. September 1819 *): „In dem Orte (nicht Stadt) wird die erste Bürgerpflicht treu geübt, und was einige ängstliche Gemüter ausbrüten und alle klugen vorher gewußt haben wollen, macht mich niemals ängstlich; auch habe ich keine Schrecken vorrätig, der Moment macht doch alles anders, warum also den Bösen noch Furcht zeigen, wenn sie in ihrem Handeln so niedergeschlagen sind. . . Ueberall hat Hep (Anspielung auf die Hep-hep-Rufe, mit denen die Bewohner verschiedener Orte gegen die Juden losgingen) länger angehalten als hier, und ich glaube, die gegenwärtige Ruhe wird von Dauer sein. Denken Sie nur immer, daß Tradition die kleinsten Begebenheiten zu Riesen gestaltet und die Nähe der Nachteile und Vorteile der Nähe bietet. Unserer Familie ist gottlob nicht die kleinste Kränkung widerfahren, nicht einmal Herr Risches; wir sind und bleiben hier, bis wir fort müssen, und erwarten dies Müssen mit der größten Ruhe und Geduld. Wir leben in einer armen Zeit. Kotzebue (der bekanntlich am 23. März 1819 ermordet wurde) war der. eigentliche Komet und der Komet Kotzebue. Ist es denn nicht einerlei, ob Untergehen oder Aufgehen zum Signal dient?" Mit dieser Stelle mögen die Auszüge geschlossen sein. Julie Saaling-Heyse ist sicherlich eine, der originellsten Frauengestalten des alten Berlin; es ist merkwürdig genug, daß der Sohn Paul Heyse, der zwar den Witz und die Anmut der Briese seiner Mutter in seiner Selbstbiographie hervorhebt, nicht mit kräftigeren Worten auf ihre wunderbare Eigenart hinweist. Auch sonst wird sie in der Literatur nicht genügend hervorgehoben, teils weil sie stets zu bescheiden zurücktrat, teils weil sie durch die Schönheit ihrer Schwester Marianne verdunkelt wurde. Die einzige ausführliche Charakteristik der sehr merkwürdigen Frau findet sich in Börnes Briefen vom Jahre 1828, die ich vor einigen Jahren herausgegeben habe. Aus diesen Briefen ist auch zu konstatieren, daß beide Schwestern, mit *) Zur Erklärung des Anfangs unserer Briesstelle ist darauf hinzuweisen, daß sie von tiefer Abneigung gegen Frankfurt erfüllt ist und infolgedessen ihrem Wohnsitze nicht einmal die Bezeichnung Stadt geben will. denen Börne 1828 so intim verkehrte, während ihres langen Aufenthaltes in Frankfurt ihn nicht kennen lernten, so daß Julie inihren Frankfurter Niederschriften niemals von ihm spricht. Dieses Schweigen, auffallend genug wegen des ungeheuren Aufsehens, das Börne gerade in Frankfurt machte, ist um so merkwürdiger, als gerade die beiden Frauen Rahel und Henriette Herz während ihres Frankfurter Aufenthaltes viel mit Börne zusammenkamen. L. G. Tante Trude. Tante Trude Es*. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Golds chm i d t. (Nachdruck verboten.) Wostock, den 17. 6. 1915. „Sie brauchen nich Schiwwe zu sitzen, Fräuleinchen, S i e (er betonte das „Sie" so warm) haben Ihre Schuldigkeit schon vorher an ihm getan." Merkwürdig, von all den Tränen, all den guten Ratschlägen ist mir nur das noch in Erinnerung geblieben. Und von dem guten alten Jakob kam mir auch das Erlösungswort: „Wir wollen se alleine lassen, se braucht Ruhe". Wie doch manchmal ein Wort, das aus dem Herzen kommt, Zaubermacht hat über alles, was Form und Redensart und Aeußerlichkeit ist! All die angesehenen, weltgewandten Leute gehorchten ihm, gehorchten dem alten Jakob, den ich immer als Vaters bescheidensten Patienten im Korridor habe geduldig auf und ab gehen sehen, und wenn die Reihe noch so spät an ihn kam. Nun war ich sie los, all die lästigen Menschen. Allein mit Vater, wie wir es gewöhnt sind. Ich hatte doch so viel erlebt. Ich faßte die Klinke, die in sein Schlafzimmer führt —, großer Gott, von seiner eigenen Beerdigung hatte ich ihm erzählen wollen. Wer da war--, ich wundere mich so, daß ich das alles gesehen habe. Wohl, weil ich das Gefühl nicht los wurde, ich müsse aufpassen, damit ich nachher zu Hause davon erzählen könne. Er erfuhr ja schon so lange alles nur durch mich, höchstens einmal durch einen Kollegen, Dr. Westphal oder irgendeinen. „Väterchen, die Rosenstil war auch da." Und wenn ich ihm das erzählen würde, würde ein Lächeln über sein armes, liebes Duldergesicht huschen. „Du weißt doch, die Rosenstil, über die du so oft gelacht hast, die der Mutter nachgerusen hat, als sie über den Markt ging: „Frau Geheimrat, kaufen Se mer doch e Huhn ab", und als Mütterchen ungerührt weiterging, „na, Se wer'n mer doch 's Handgeld geben, Frau Geheimrat, ich komm' je schon zwanzig Jahr zu Ihren Mann in die Sprechstunde — Gott soll ’it schützen, was e Doktor! — Eine Hand wascht die andre." Und Mütterchen kaufte das Huhn zum doppelten Preis. Mittag bei Tisch erzählte sie das Erlebnis —, sie war so stolz, wenn sie etwas „für die Praxis" getan hatte. Ich sehe Väterchen noch Tränen lachen und die Mutter ganz ärgerlich werden. Sie war immer böse, wenn er ihre Geschäftstüchtigkeit nicht höher bewertete. Ja — die Rosenstil kam seit zwanzig Jahren fast jeden Markttag in Vaters Sprechstunde, aber er hatte sie immer umsonst behandelt, und was seine Güte noch zugelegt hatte, das hat die sparsamere Mutter nie erfahren. So oft ich das erwähnte, hat er wieder gelacht. Ich war ja überhaupt die einzige, die ihm noch immer ein Lächeln abzwingen konnte, selbst in den kränksten Stunden. „So wie du versteht es keiner mit ihm", hat die Mutter früher immer gesagt.