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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-16 · Heft 7 (16.2.1917) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 7 (16.2.1917)
Date
1917-02-16
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 der Kriegserklärung voranging, weilte er auf dem Wege nach Kissingen hier in Berlin, zog es aber vor, sofort wieder nach der Heimat zurückzukehren. Nur jenes eine Mal habe ich ihn persönlich gesprochen, und als den hervorragenden Gelehrten und ausgezeichneten Menschen kennen gelernt, den ich nach feinen Schriften und unserem langjährigen Briefwechsel in ihm vermutet hatte. Rainer war ein würdiger Vertreter des oft jüdischen Idealismus, der unsere höchste Beachtung und Bewunderung verdiente. Von Hause aus war er Kaufmann, aber auf der Höhe des Lebens, als er Mittel genug zu besitzen glaubte, um ein, wenn auch nicht behagliches, so doch einigermaßen gesichertes Leben führen zu können, zog er sich von seinen Geschäften zurück und widmete sich ganz der Wissenschaft. Ein echter Sohn Litauens war er im Talmud und der rabbinischen Literatur ausgezeichnet belesen und dazu erzogen, mehr auf gediegene Quellenstudien als auf scharfsinnige Dialektik Gewicht zu legen. Er wurde daher ein emsiger Quellenforscher und hat sich auf diesem Gebiete die Anerkennung der westeuropäischen Gelehrten im höchsten Maße erworben. Zum ersten Male trat er 1894 mit der „Einleitung zum Seder Olam Rabba" hervor, der dann die Ausgaben des Textes nach einer Anzahl von Handschriften folgten. Schon diese erste Arbeit erregte berechtigtes Aufsehen. Man bewunderte neben der Gelehrsamkeit des neuen Autors seine gute Schulung und vor allem auch die rührende Bescheidenheit seines Auftretens. Mau mußte nicht alle seine Aufstellungen billigen, aber anerkennen, daß hier ein Gelehrter von gediegenstem Wissen und sorgfältigster Durchdringung des Gegenstandes das Wort führte. Nach einem Zwischenraum von einigen Jahren trat er mit einem neuen Werke hervor, einer Variantensammlung zum palästinischen Talmud. Jeder Fachmann weiß, welche Schwierigkeiten der uns überlieferte Text des Palästinischen Talmuds auf Schritt und Tritt bietet, wie gering die uns zur Verfügung stehenden kritischen Materialien sind. Rainer benutzte nicht nur die ihm zugänglichen Handschriften und Drucke, er schellte auch nicht die unendliche Mühe, sich durch die gesamte rabbinische Literatur durchzuarbeiten llnd alle ihm erreichbaren Zitate aus dem palästinischen Talmud zum Zwecke eines kritischen Apparats 311 sammeln und zu verarbeiten. Sein Werk „Ahawath Zion We-Jeruscholaim" bietet „Varianten und Ergänzungen des Textes des palästinischen Talmuds nach alten Quellen und handschriftlichen Fragmenten", die er selbst mit kritischen Noten und Erläuterungen versah. Zwölf Bände sind von dem Werke erschienen. Der Verfasser hat seine Arbeit immer vollkommener und vorzüglicher ausgestaltet und Mängel, die anfangs gerügt wurden, fortschreitend zu verbessern sich bestrebt; er war gelehrt genug, um freudig ständig zrizlüernen. Sein Werk ist ein unentbehrliches Hilfsmittel für ein wissenschaftliches Studium des palästinischen Talmuds geworden. Unmittelbar vor seinem Tode hat Rainer den letzten Band im Druck fertiggestellt und ihn, als ob er sein Ende ahnte, mit der Nachschrift versehen, daß er nunmehr die ersten beiden Ordnungen des Talmuds bis aus den Traktat Erubin bearbeitet hätte. Rainers Tod hinterläßt eine schwer auszusüllende Lücke in den nicht allzu dichten Reihen der Vertreter echter jüdischer Gelehrsamkeit. Hier ist mehr denn je die alte Totenklage angebracht: „Wenn ein Gelehrter stirbt, wer löst ihn ab, wer bringt Ersatz für ihn?" Lrieke aus Frankfurt a. fl. X 8X5/23. ine jüdische Frau, die freilich später zum Christentum überging. Julie Saaling (ursprünglich Salomon), die am Ende der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts den Sprachforscher Karl Wilhelm Ludwig Hehse heiratete und Mutter des Dichters Paul Hehse wurde, lebte von 1815 bis 1825 in Frankfurt a. M. mit ihrer Schwester Marianne, der berühmten Schönheit, bei ihrer gleichfalls schönen Schwester Clara Hertz. Julie selbst war nicht schön; resigniert schrieb sie einmal von .sich selbst: „Alle sind böse mit mir, daß ich nicht hübscher bin; wenn es hoch kommt, sagen sie: nebbich!" Aus ihren reizvollen Briefen, die sich über Frankfurt, die Zeitereignisse und hervorragende Persönlichkeiten verbreiten, ungedruckten Briefen an die berühmte Rahel, die sich in der reichen Varnhagenschen Handschriftensammlung der Berliner Königl. Bibliothek befinden, habe ich in einem Aufsatz der „Frankfurter Nachrichten" Kunde gegeben. Indem ich auf diese Veröffentlichung meine Leser verweise, will ich, ohne alle die dort erwähnten Stellen zu wiederholen, hier nur einiges mitteilen, was sich auf jüdische Persönlichkeiten bezieht. Ueber die Stellung, welche die Familie Hertz in Frankfurt a. M. einnahm, belehrt uns ein gleichfalls ungedrucktes Schreiben Varnhagens an seine Schwester Rosa Maria (gleichfalls in der Varnhagen-Sammlung der Königl. Bibliothek zu Berlin. Baden, 19. Juli 1825). Das Schreiben lautet: „In Frankfurt besuchten wir nebst anderen Bekannten auch die Familie Hertz. Die Mutter ist noch immer schön; die beiden noch unverheirateten Töchter, besonders die ältere, Marianne, haben sich aufs herrlichste entwickelt an Schönheit, Bildung und Betragen; das Haus ist eines der vornehmsten der Stadt geworden, und man sieht überall vor Augen, daß der Reichtum in allem fortwährend aufs äußerste im Wachsen begriffen ist." Bei diesem Besuche waren gerade die beiden Schwestern Julie und Marianne Saaling aus einer Reise begriffen. Eine Tochter jener schon genannten Clara Hertz, Adelheid, verheiratete sich in den ersten Jahren von Juliens Frankfurter Aufenthalt mit Karl v. Rothschild, einem Mitglieds des bekannten Bankierhauses, der später in Neapel gelebt hat. Gern plaudert Julie über den Reichtum und den Glanz des Rothschildschen Hauses, fühlt sich sehr wohl in den schönen Gärten, charakterisiert ihren Neffen in folgender Weise: „ein. niedlicher, gutmütiger, freundlicher Mensch, der durch sein hübsches Betragen einen jeden für sich einnahm, sich also auch unsere Familie für sich gewann, ehe wir ihn gewannen", ist aber nicht gewillt, „mit der neuen Sipp sehr intim zu werden". Obgleich sie selbst Jüdin war (denn sie ging erst später zum Christentum über), und trotz dieser Verbindung mit einer jüdischen Familie, verkehrt sie meist in christlichen Kreisen. Denn wenn auch die Abgeschlossenheit der durch den Glauben getrennten Zirkel eine ziemlich strenge war, so konstatiert sie doch am Ende ihres Frankfurter Aufenthalts (23. März 1825): „Die Welt Hier wird humaner und die strengsten chrisllichen Häuser erschlossen sich für die Tempelbewohner; an besuchenden Gestalten fehlt es nun nicht mehr, wer sucht, findet auch wohl; wer aber gesunden sein möchte, wird nicht gesucht." Frankfurter Juden werden in ihren Briefen nicht erwähnt, dagegen manche Frauen jüdischen Ursprungs, die allezeit unser großes Interesse in Anspruch nehmen. Zunächst ist daran zu erinnern, daß Rahel selbst, die Adressatin unserer Briese, mit vielen Lobsprüchvn bedacht wird, daß ihre Briese als Meisterwerke, geradezu als Literatur betrachtet werden. Gelegentlich kommen Notizen über Dorothea Schlegel vor, die mit ihrem Gatten Friedrich, der Juliens Gunst nicht findet, damals in Frankfurt weilte. Im Gegensatz zu der Abneigung gegen Friedrich steht die Zuneigung zu Dorothea. Einmal heißt es: „Die Schlegel mag ich sehr wohl leiden; sie hat die Mendelssohnsche Liebenswürdigkeit, ohne der Brüder Schwächen." Freilich fügt fie hinzu: „ich glaube nicht, daß

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