Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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81 nrie Baerwald — bereits eine reiche Lebenserfahrung gewonnen, der auf dem Gebiete, in dem er zu wirken hatte, feiner Vorbildung und Tätigkeit nach wohlbewandert war und mit unermüdlicher Pflichttreue vorbildlich seines Amtes waltete, der schließlich allen Anfeindungen immer Ruhe und strenge Sachlichkeit entgegensetzte. Welche Kämpfe hat er allein mit der oft wenig wohlwollenden staatlichen Aufsichtsbehörde zu führen gehabt; welche Mühe erforderte es, bis er die Aufhebung der erniedrigenden Beschränkung durchsetzte, daß christtiche Schüler an der Anstalt keine Berechtigung erwerben sollten, daß die Schule nicht zu einer höheren Bürgerschule herabgedrückt wurde! Noch aufregender und aufreibender waren die Bemühungen des neuen Leiters zur Beseitigung der Mrtzstände innerhalb des Lehrkörpers der Anstalt, der sich zum großen Teil aus alten, im Dienst ergrauten Autodidakten zufammensetzte, die zumeist von nicht geringem Selbstbewußtsein erfüllt waren und jeder Steuerung des aus dem verhaßten Preußen stammenden jüngeren Vorgesetzten hartnäckigen Widerstand entgegensetzten. Welche Schwierigkeiten waren unter diesen Umständen zu überwinden, bis es gelang, die so sehr notwendige Umformung des gänzlich veralteten Lehrplanes der Anstalt und die Herbeiführung einer einheitlichen Methode innerhalb der einzelnen Unterrichtsfächer durchzusetzen! Welche Fülle von Verhandlungen mit dem Schulrat und den Gemeindebehörden erforderten ferner die Bestrebungen, die Gehalts-, Penstons- und Reliktenverhältnisse der Lehrer, die völlig unzulänglich und ungeregelt waren, auf die für die anderen höheren Schulen geltenden Sätze zu bringen: hielten doch selbst die der Schule wohlgesinnten Vertreter diese Forderung unausführbar angesichts des Umstandes, daß die israelitische Gemeinde lange Zeit kein Steuerrecht besaß und nur auf unsichere Einnahmen angewiesen war, daß ferner der Zuschuß der Gemeinde zu den Kosten der Anstalt zeitweilig mehr als die Hälfte der Gemeindeeingänge in Anspruch nahm; länger als ein Jahrzehnt dauerten die hierüber geführten Verhandlungen, bis 1881 wenigstens eine erste feste Grundlage für eine Regelung geschaffen werden konnte! sticht mindere Anstrengungen waren erforderlich, um für die stetig wachsende Zahl der Zöglinge geeignete Unterrichtsräume zu erwirken, den Lehrplan der Schule durch Einführung zeitgemäßer Unterrichtsgegenstände, wie den Handfertigkeits- und Stenographieunterricht, zu erweitern, dem Turnunterricht einen seiner Bedeutung entsprechenden größeren Umfang zu schaffen! — Den schwersten Kanjpf, der seine Kräfte monatelang in höchster Anspannung hielt, hatte Baerwald noch in den letzten Jahren seiner amtlichen Tätigkeit zu führen, als Ende 1895 durch Beschlüsse der Gemeindeverwaltung der Fortbestand der Schule gefährdet wurde. In lebhaften Auseinandersetzungen wie in einer geradezu klassischen Denkschrift hat er damals die Bedeutung des Philanthropins für die Frankfurter israelitische Gemeinde auch in der Gegenwart dargelegt und mahnend aus die verhängnisvollen Wirkungen hingewiesen, die die Aufhebung der Anstalt nicht bloß für die Frankfurter Gemeinde, sondern für die deutsche Glaubensgemeinschaft zur Folge haben müßte; er hatte die große Genugtuung, daß seine Worte den beabsichtigten Eindruck auf die maßgebenden Persönlichkeiten machten und daß schließlich ein Weg gesunden wurde, der die weitere Existenz der Schule sicherte. Diese fortdauernde und aufreibende Tätigkeit im Dienste der Anstalt würde das Maß der Leistungen so manches anderen weit überschritten haben — der arbeitsfreudige und unermüdlich schassende Mann vermochte noch neben der gewissenhaften Führung seiner amtlichen Geschäfte ein nicht weniger umfassendes humanitäres Wirken in den Verwaltungen von Anstalten zur Erziehung von Waisenkindern und zur Kräftigung armer oder gebrechlicher Kinder, in Stiftungen zur Unterstützung bedürftiger, strebsamer Studierender, die zum großen Teil seiner Anregung chr Entstehen verdanken, zu üben — eine Tätigkeit, die im Lause der Jahre einer großen Schar seiner Schützlinge mannigfache Förderung gebracht hat. Sein segensvolles Schaffen schien seinem Geist stete Frische, seinem Körper immer neue Kräfte zu verleihen. Bis in das 72. Jahr seines Lebens vermochte er allen Anforderungen gerecht zu werden, und erst dann legte er die Bürde seines Hauptamtes aus jüngere Schultern; die treue Fürsorge für seine Schützlinge hat er noch bis kurz vor seinem Heimgang in geradezu väterlicher Weise geübt. Nur hier und da gönnte er sich in seinem rastlosen Schaffen eine Erholung; bis zum Tode seiner Mutter, die ein selten hohes Alter erreichte,, hat Witt treuer Uebung kindlicher Pietät gar oft den Sederabend in der von seinem Vater überkommenen Weise in der Heimat abgehalten; auch die Ferien verlebte er meist bei der Mutter und nach ihrem Tode in stiller Einsamkeit der Natur, aber auch hier unablässig mit Gedanken, die das Gedeihen der Anstalt oder die bessere Gestaltung der wohltätigen Stiftungen betrasen, beschäftigt — am liebsten zog er sich in den wenigen Ruhestunden in sein trautes Heim zurück, das nach dem frühen Tode der ersten Lebensgefährtin die zweite Gattin ihm in steter Fürsorge um sein Wohl möglichst behaglich zu gestalten wußte, in dem die stattliche Zahl von Söhnen und Töchtern an seinem Geiste und seinem Vorbilde ihr späteres Wirken vorbereitete. Er hatte noch die Freude, bei der Jahrhundertfeier der Anstalt der gefeierte Mittelpunkt des Festes sein zu können und von Behörden wie der großen Schar ehemaliger Zöglinge, die zur Teilnahme an der Jubelfeier herbeigeeilt waren, zahlreiche Beweiie herzlicher Anerkennung und inniger Dankbarkeit entgegenzunehmen: Diese Kundgebung war der letzte Sonnenblick seines Lebens — bald darauf machten sich die ersten Anzeichen des Leidens bemerkbar, von dem er nach schmerzvollen Monaten ' vor nun zehn Jahren durch den Tod erlöst wurde. Einen nicht gewöhnlichen Lebensgang hat Hermann Baerwald durchmessen, einen Aufstieg zu einer Höhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist, von der aus es für kleinliche Regungen und niedere Triebe des Menschenherzens keine Stätte gibt. In dieser Höhe hat er bis an sein Lebensende gewirkt, erfüllt von den beiden Idealen, der Liebe z u m deutschenVaterlande, dertreuen Anhänglichkeit zu dem Glauben seiner Väter. Ihr einheitlicher Grundzug, den noch jüngst der ihm geistesverwandte Marburger Philosoph vor aller Welt nachdrücklich betont hat, trat in ihm in sichtbarliche Erscheinung — er war als Deutscher Jude und als Jude Deutscher! — Das Gelöbnis, ihm hierin nachzustreben und nachzuleben, bleibt die würdigste Ehrung, die wir ihm an diesem Gedenktage weihen können. | Ißrrr Nstner. | Von I. Elboge ». us Wilna erhalte ich die Trauernachricht von dem Heimgange des rühmlichst bekannten Gelehrten Beer Rainer. Seit langer Zeit klagte er über seine Gesundheit; vor einigen Wochen noch fragte er mich an, ob er zum Zwecke einer Operation ein Berliner Krankenhaus aufsuchen könnte, aber die Kräfte des mehr als Siebzigjährigen haben, zumal unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen, nicht standgehalten, er ist rasch seinen Leiden erlegen. Nur einmal hat er Deutschland besucht; in jener unglückseligen Woche der Erregung, die