Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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86 geboren sei; unmöglich könne dies im Sinne der .§§ 4 und 12 der Verfassungsurkunde sein, er Litte erneut um Uebevweisung an eine höhere Lehranstalt zur Ableistung des pädagogischen Probejahres und um bestimmte Auskunft, ob seiner späteren Anstellung der Umstand, daß er sich zur jüdischen Religion bekenne, nicht hinderlich sein werde. Auf dieses Gesuch erfolgte der Bescheid — Herr v. Mühler war inzwischen Kultusminister geworden —, daß die Entscheidung des Provinzial - Schulkollegiums der Provinz Brandenburg der bestehenden gesetzlichen Ordnung gemäß sei und deshalb nicht ausgehoben werden könne; die weitere Frage Baerwabds blieb unbeantwortet. Diese schroff ablehnende Antwort schloß jede Aussicht Baerwalds aus eine Lehrtätigkeit an einer preußischen Anstalt endgültig aus, aber nicht einen Augenblick konnte auch die erneute Abweisung seine Treue zum Bäterglauben und seine Liebe zum Vaterlande beeinträchtigen; diese Liebe blieb sür ihn, wie er in der Einleitung zur Geschichte des Philanthroprns bemerkt hat, das Heiligtum, das in edlen Naturen auch durch Zurücksetzung und Rechtsverkümmerung niemals entweiht werden tonne! Seine Absicht, sich an der Berliner Universität unter den Augen seines Lehrers Ranke als Privatdozent sür mittelalterliche Geschichte zu habilitieren, mußte er aus äußeren Gründen glerchsalls bald ausgeben. So wendete er, wie einst Moses Mendelssohn nach den Erfahrungen mit Lavater, „seinen Blick zu seinen Brüdern" — er hat später die Fügung, die ihn zum Bildner der Heranwachsenden Zugend seiner Glaubensgenossen machte, als hohes Glück empfunden, für das er dem Lenker der menschlichen Geschicke nicht dankbar genug sein tönne! Zunächst übernahm er ernige Unterrichtsstunden an der unter Leitung seines Freundes David Rosin stehenden Relrgtonsschute der neruner jüdischen Gemeinde, nachdem er bei der strengen Gewissenhaftigkeit, die chn auszeichnete, zuvor in eifriger Arbeit seine in der Kindheit erworbenen Kenntnisse in dem Mischen Schrlfttunr erweitert hatte; in gleicher Weise hat er ein Jahr später den Geschichts- und Geographleunlerricht an der eben gegründeten Jüdischen Lehrervltdungsanstalt erst nach eingehender Kenntnrs der Einrichtungen und des Unterrichts am Berliner Seminar für Stadtschulen, wozu ihm das Provinzial-Schulkoilegium „für einige Zeit ausnahmsweise" die Erlaubnis erteilte, übernommen. Wie segensvoll sür veide Anstalten bald seine Wirtsamteit wurde, erhellt am besten aus dem Antrag aus seine feste Anstellnng, den die Vorgesetzte Behörde, der Schul- und Talmud-Thora-Borstand, im Januar 1864 an den Gemeiiidevorstand richtete: „Wir niüssen es", so heißt er in der Begründung des Antrages, „als unsere Pflicht den Gemeindeanstalten gegenüber nachdrücklichst hervvrheben, eine Lehrkraft von so erprobter Gediegenheit, von solcher Bertifstreue und Hingebung im Bereiit mit einer so umfassenden und reichen ivisjenschaftlichen Bildung um jeden Preis ihnen zu erhalten; an beiden Anstalten ist die Wirkjainkeit des Dr. Baerwald eine so anregende und fruchtbringende, daß mit seinem Austritt eine schwerempfundene Lücke eintreten und dem Gedeihen derselben ein wesentlicher Nachteil erivachsen würde". Die wissenschaftliche und lehramtliche Tätigkeit Baerwalds hatte nämlich in der Zwischenzeit die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf ihn gelenkt; so erging schon kurze Zeit nach seinem Eintritt als Lehrer an der Berliner israelitischen Religionsschule im Dezember 1860 an ihn von dem Direktor Dr. Stern im Aufträge des Schulrats des Philanthropins der Ruf, die Stelle des Heimgegangenen Lehrers Dr. Jost zu übernehmen; nach anfänglicher Zustimmung glaubte er aber diese Stelle, die ihn auf das Fach des Religionsunterrichts beschränkte, ablehnen zu müssen. Sein Leben in Berlin gestaltete sich zudem bald recht behaglich; in dem traulichen Heim, das er sich 1864 gegründet hatte, fanden sich viele geistig hervorragende Männer, wie der als Redner, Dichter und Gelehrte iwch heute unvergessene Prediger Dr. Michael Sachs, seine Kollegen vom Seminar, besonders dessen geistvoller Leiter Rektor A. Hvrwitz, der Lehrer und spätere Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses Dr. JutrosinSki, dessen Kampf um Anstellung gerade damals die politischen Kreise lebhaft bewegte und zu wiederholten Verhandlungen im Abgeordnetenhaus Veranlassung gab, der schon damals als Politiker viel genannte Abgeordnete Eduard Lasker, die Rankeschüler E. Strehlke, Th. Toeche, E. Winckelmann u. a., zu wissenschaftlichem Verkehr an bestimmten Tagen zusammen, und Baerwald glaubte, besonders nachdem er auch 1864 die feste Anstellung und die Aussicht auf spätere Uebernahme der Seminarleitung geivonnen hatte, für die Dauer in Berlin den festen Boden eines gedeihlichen Wirkens gefunden zu haben. So lehnte er noch 1867, kurz vor seiner Berufung nach Frankfurt, den ehrenvollen Antrag, die Leitung der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt zu Münster zu übernehmen, ab — erst seine auf Anregung Lasters erfolgte Wahl zum Direktor des Philanthropins vermochte ihn zur Aufgabe der liebgewonnenen Berliner Tätigkeit zu bewegen. In der Jubiläumsschrift des Philanthropins hat er selbst in lebendiger Darstellung die Vorgänge während und nach seiner Wahl geschildert; bezeichnend sür seinen Charakter bleibt die Antwort, die er bei dem colloquium pro rectoratu dem Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg auf die Frage gab, wie er die Vorurteile, denen er in Frankfurt als Preuße begegnen werde, entkräften, wie er seine Autorität den Lehrern gegenüber wahren, das Vertrauen der Schüler gewinnen wolle: „Primum incipere a se ipso. Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe meine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Empfangens. Mich erfüllt jede wahre Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkollegium als solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich mich verbinden, allen aber möchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. Ich bin entschlossen, mit aller Kraft und mit Einsetzung meiner ganzen Persönlichkeit der Schule zu dienen. So hoffe ich nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden." In seiner peinlichen Gewissenhaftigkeit benutzte er jeden freien Augenblick bis zu seiner Uebersiedlung nach Frankfurt, um — ähnlich wie vor seinem Eintritt in die Berliner Stellungen — sich mit dem Schulbetrieb und den Lehrausgaben der höheren Schulen vertraut zu machen. Wohlvorbereitet für die bedeutungsvollen Aufgaben, die seiner in Frankfurt harrten, trat er am 3. August 1868 sein Amt als Leiter des Philanthropins an; mit bewußter Genugtuung hat er bei Abfassung der erwähnten Jubiläumsschrift im Rückblick auf sein segensvolles Wirken äußern dürfen: „Was ich damals in Berlin dem Vertreter der Staatsregierung gesagt, das habe ich unter Gottes Beistand als Direktor der Realschule der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. von meinem vierzigsten bis einundsiebzigsten Lebensjahre in rastloser Arbeit nach dem Maße meiner Einsicht und Kraft erfüllt." Die Verdienste Baerwalds um das Philanthropin sind bei der Gedenkfeier, die die Schule vor nun zehn Jahren bei seinem Hinscheiden veranstaltet hat, eingehend geschildert und im Jahresbericht auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht worden; heute möge nur eine kurze Erinnerung an die Fülle der Arbeit und an alle die Schwierigkeiten genügen, die er in seinem Wirken zu überwinden hatte. Wie es der Oberpräfident vorausgesehen hatte, war schon der Eintritt in die neue Stellung mit schweren Kämpfen erfüllt; mit nur kurzen Unterbrechungen haben sie bis zu seinem Ausscheiden angedauert; ihre Durchführung war nur einem Manne möglich, der —-