Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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79 Berliner Familienbankier dahingegangen ist, aber die Zahl derselben ist recht knapp geworden und wird sich kaum wieder ersetzen lassen, da heut die Abfertigung des Publikums säst rein geschäftlich vor dem Gitter der Prachthallen unsere Bankpaläste und von gleichgültigen, gänzlich uninteressierten Buchhaltern erfolgt, wie es der Großstadtverkehr nun einmal mit sich bringt. Helsft stand vielen Kunden, namentlich Frauen, persönlich mit Rat zur Seite, und er hatte alte, geschulte Beamte, so einen würdigen Herrn, der erst kürzlich nach 52 jähriger Dienstzeit bei Helsft als Prokurist und zuverlässigste Vertrauensperson ausgeschieden ist. Eigenartig war der Geschäftszweig, der sich Landesproduktengeschäft nennt und mit Spiritus, Getreide, Wolle, Kunstdünger usw. befaßt. Hierdurch wurde Helsft Vertrauensperson für einen großen Teil unseres heimischen, erbgesessenen Landadels." Der Verstorbene war bis fast in seine letzten Lebenstage von einer wunderbaren Frische: noch bis in die letzten Wochen hinein hat er seine Sachkunde in den Dienst der Beratungen von Kriegsfragen im Börsenvorstande gestellt. In jüdischen Angelegenheiten trat der Verstorbene nicht besonders hervor, jedoch ließ er es an Rat und Hilfe im allgemeinen und besonders in Wohltätigkeitssachen nicht fehlen und bewahrte seine Anhänglichkeit und Treue der Glaubensgemeinschaft, der er durch Geburt angehörte. Er war ein Mann, der die Liebe der Seinen und weiter Kreise genoß, sie verdiente und vergalt und deffen Andenken treu bewahrt zu werden verdient. L. G. Geh. Rommerzienrat Edmund heisst. Direktor Dr. Hermann Lserwald. Zum IO. Todestage. (Schluß.) Von Direktor Dr. S. Adler (Frankfurt a. M.). VXon der peinlichen Gewissenhaftigkeit, mit der er die Er- V' Ziehung der in ihrem Charakter so sehr verschiedenen Knaben leitete, legen seine eingehenden Aufzeichnungen über das Wesen und die Anlagen jedes seiner Zöglinge, über die beste Methode ihrer erziehlichen Beeinflussung, über die Erfordernisse eines Erziehers, über die pädagogischen Mißgriffe, die er bei seiner Tätigkeit an sich wahrgenommen, rühmlich Zeugnis ab; so manche späte Stunde, manch schlaflose Nacht hat er mit Erwägungen pädagogischer Art verbracht. Neben seiner erzieherischen Tätigkeit schritten die wissenschaftlichen Arbeiten bei der erstaunlichen Arbeitskraft, die er besaß, rüstig weiter; damals entstand außer einer Reihe kleinerer Aufsätze in den Grundzügen sein wissenschaftliches Hauptwerk, das Baumgartner Formelbuch, das er erst 1866 im Druck erscheinen lassen konnte (für das bedeutende Werk wurde ihm auf Antrag des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft zuerkannt). Inzwischen hatte der Prinz von Preußen, der spätere erste deutsche Kaiser, die Regentschaft in Preußen übernommen und die sogenannte liberale Aera eingeleitet; nun litt es den echten Preußen, der er gerade in Wien geworden war — eine vergebliche Bewerbung um eine Stelle an der Wiener Handelsakademie hatte ihn das klägliche Ränkespiel und die Günstlingswirtschaft der österreichischen Verwaltung erkennen lassen —, nicht mehr in der Fremde; jetzt glaubte er seine Lehrtätigkeit in der Heimat fruchtbar gestalten zu können. Außerdem hielt er es, wie er in seinen Aufzeichnungen berichtet, für seine Pflicht als Jude, d. h. als Glied einer mit Unrecht immer noch unterdrückten und verkannten Genossenschaft, gerade in Preußen eine nach außen gerichtete Tätigkeit zu gewinnen, vermittels deren er durch feine Person allen Vorurteilen wirksam begegnen und beweisen könne, daß auch den Juden Sinn für echte Wissenschaft, Wahrheit und Recht innewohne. Deshalb knüpfte er mit seinem früheren Direktor des Elisabeth-Gymnasiums, der sein väterlicher Freund geblieben war, Dr. Karl Fickert, Ende 1858 Verhandlungen wegen Anstellung oder wenigstens Ablegung des Probejahres an der Anstalt, in der er seine Vorbildung genossen hatte, an. Freudig ging Fickert auf den Vorschlag seines lieben Freundes, wie er ihn nannte, ein, wenngleich er ihn vor „etwas zu sanguinischen" Hoffnungen warnte; der Kultusminister werde schwerlich die Anstellung eines Juden an einer christlichen Schule zulassen, dagegen könne Baerwald zweifellos das Probejahr am Elisabeth-Gymnasium ablegen, und er fände reichlich Gelegenheit, falls später die Anstellung nicht glücke, während dieser Zeit sich für die akademische Laufbahn vorzubereiten; vorläufig teile er ihm bereits die Zeit des Schulanfanges und die Lehrgegenstände, die er Ostern 1859 zu übernehmen haben werde, mit. Aber der treffliche Mann mußte selbst in dieser Einschränkung noch eine Enttäuschung erfahren: der Minister lehnte auch die Zulassung Baerwalds zum Probejahr ab und wies die wiederholten Eingaben Fickerts und seine Hinweise auf die hervorragenden Eigenschaften des Gesuchstellers gerade für den Lehrberuf und auf den Mangel an geeigneten Lehrern „ans Grund der bestehenden Bestimmungen" (die es gar nicht gab!) ab; ebenso erfolglos blieb drei Jahre später eine Meldung Baerwalds bei dem Provinzial-Schulkollegium der Provinz Brandenburg, nachdem der Prinzregent den Thron bestiegen hatte; die Behörde erklärte, daß die ihr unterstehenden höheren Lehranstalten christlich-evangelischen Charakter tragen und deshalb an ihnen jüdische Schulamtskandidaten nicht unterrichten dürfen! — In einer würdevollen Verwahrung hat Baerwald im Februar 1862 die Entscheidung des damaligen Kultusministers v. Bethmann Hollweg angerusen und betont, wie der Nerv seiner eigentlichen Lebenstätigkeit ihm durchschnitten, die Möglichkeit, sich eine gesicherte Existenz zu bereiten, ihm vorenthalten werde — lediglich weil es ihm sein Gewissen verbiete, den Glauben zu verlassen, in dem er