Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Vorsitzende dem Jüdischen Frauenbund erhalten bleibe, wird Ausgabe der heutigen Tagung sein. Der Jüdische Frauenbund ist heute nad) 12 Jahren des Bestehens noch nichts Vollendetes, nichts Abgeschlossenes, sondern eine im Werden begriffene Organisation, ein Teil jüdischer Kulturentwicklung, die lebendige Ströme in das jüdische Gemeinschaftsleben leiten will. Er ist auf rechtem Wege. seine Fortentwicklung -aber kann nur einsetzen, rvenn die jüdische Frauenwelt mit ihm lebt. Die Solidarität der jüdischen Frauen muß zur festen Brücke werden, wenn neue Wege sollen gesucht lverden, die die jüdischen Frauen herausheben sollen aus der Sphäre des Alltags und sie als jüdische Frauen einreihen in die Scharen der Suchen d e n, der mit ihre Rechte ringenden Frauen. Wir leben heute in einer -eisernen Zeit, in einer seelischen und wirtschaftlichen Not der Frauen; über auch in einer aufsteigenden Zeit, was die Wertung von Frauenkraft betrifft. Ob auch für die jüdische Frau? Wenn sie zur Ausübung ihres natürlichsten und schönsten Berufes gelangt, wird die jüdische Frau von Manu und Kindern geschätzt und verehrt; sie findet die Stellung am häuslichen Herd, in der ihr Menschentum sich einhüllen kann in eine Wolke starken Glücksempsindens, denn tief wurzelt in uns der Sinn für die Familie; aber die Stellung der jüdischen Frau nach außen, in der Gemeinde, in der jüdischen Gemeinschaft bedarf noch sehr der Stärkung! Hier kann und soll der Jüdische Frauenbund seine Kraft einsetzen, um der jüdischen Frau 31t dein Ansehen zu verhelfen, das sie für ihre Entwicklung braucht und von dem auch das Fortbestehen und die Fortentwicklung der Gesamtjudenheit abhängt; denn die Lösung der großen Probleme bedürfen des gemeinsamen Durchdenkens, einer gemeinsamen Inangriffnahme von seiten des Mannes und der Frau. Man lasse endlich die geistigen Ghettomauern fallen, die die jüdischen Männer noch immer aufrichten zwischen uns und ihnen, ängstlich bemüht, ihre eigene Würde würdiger zu gestalten dadurch, daß die Frau nicht mitzusprechen habe in der Gemeinde und im Rat. Der Jüdische Frauenbund würde sich unsterbliche Verdienste erwerben, wenn es ihm gelingen würde, diese krassen Gegensätze zu überbrücken; er würde der Entwicklung des Judentums Pionierdienste damit leisten und Vorurteile zerbrechen, die schon jetzt großen Schaden angerichtet haben. Man macht die jüdische Frau mit verantwortlich für die Schäden, die sich ins Judentum eingeschlichen, man erlaubt ihr aber nicht, ihre geistigen Fähigkeiten, ihre sittliche Kraft einzusetzen, daß sie mit an der Reorganisation des Judentums arbeite. Nicht zu herrschen verlangen wir, noch treibt uns eine andere Begierde, nur heiße, schmerzlich heiße Liebe zu unserem angestammten Judentum, für das wir uns einfetzen wie der Mann, für das wir leiden wie er, für das wir kämpfen wollen mit allem, was wir sind und können, -mit unserer Bildung, mit unserem Einfluß: das sind die uns zwingenden Mächte, die uns unseren Anteil fordern lassen um das Bestehen und die Entwicklung des jüdischen Gemeinschaftswesens. Der Jüdische Frauenbund hat versucht, Einfluß auf die jüdische weibliche Jugend zu gewinnen, einen Einfluß, den er unbedingt haben m u ß. Denn wer svll denn einmal alles das int Leben Umsetzen, was er heute nur anstreben und anbahnen kann! Wer anders als das konuuende Geschlecht ist die Vollendung unseres Seins! Und wer dieser jüdischen weiblichen Jugend von heute ins Angesicht geschaut, in die tiefernsten, feuchtschimmernden Augen geblickt, den ergreift ein Ahnen, daß da ein Reif in der Frühjahrsnacht gefallen ist, der die Früchte aber nicht dem Verderben anheimgegeben hat, sondern unter Schauern und Tränen sind die Knospen gesprungen, die schwer sich neigen in Demut und Ernst. E i n Wille hat sie erfaßt, zu dienen und zu helfen, den wir nicht ungenützt lassen dürfen. Jetzt ist es Zeit, meine sehr verehrten Damen, wo es nicht schon geschehen ist, diese jungen Jüdinnen in Jugendorganisationen zusammenzuschließen, für die der Jüdische Frauenbund gesonderte Aufgaben hat. Wir legen allen unseren Einzelarbeiten das ideelle Programm der Frauenbewegung zugrunde, das letzte Ziel bleibt aber immer ein konfessionelles, ein jüdisches. Mit Bedauern hat der Jüdische Frauenbund heute davon absehen müssen, das Problem von der „Erhaltung und Mehrung der Volkskraft", wie er es erst plante, auf seine heutige Tagesordnung zu setzen. In der Zeit der großen Gemeinsamkeit ist die gemeinsame Beratung so tief in das Dölkerleben einschneidender Probleme durchaus am Platz, Und der Jüdische Frauenbund behält sich auch die eingehende Erörterung dieses Themas 'für eine später einzuberufende Spezialkonferenz noch vor. Natürlich soll die Frage, die im allgemeinen Interesse steht und die den Frauenstandpunkt in Weimar 1916 schon zum Ausdruck brachte, von uns aus in jüdische Weltanschauung gebracht, betrachtet werden. So sehen Sie, meine sehr Verehrten, daß noch große, breite Arbeitswege vor uns liegen. Wir wissen, daß wir -schweren Zeiten entgegengehen, dnß, wenn die, Friedersglocken den heiß ersehnten Frieden verkünden werden, strr uns Juden dann vielleicht eine Zeit kommen wird, die Mann und Frau im Kampfe um gemeinsame Lebensbedingungen auf beiderseitig vereinte Kraft -anweisen wird. Rüsten wir uns mitten im Kriege, daß wir im Frieden gewappnet sind. Der Entschluß zur Bereitschaft mache uns stählern! Und wenn auch unsere Seele bis zum Rand erfüllt ist von tiefster Friedenssehnsucht, so wollen wir., doch unseren Gegnern, die uns als Juden bekämpfen, würdig und fest uns entgegenstellen. Jeder einzelne als ein Ganzes und das Ganze der Jüdische Frauenbund als ein Verbündeter der ganzen Judenheit. Mißhandeln und quälen wollen wir uns dann nicht mehr lassen, wenn erst die große Besreiungsstunde unserem geliebten Vaterlande geschlagen, hat. Jetzt still tragen, was uns als Juden angetan wurde, ist höchster Vaterlandsdienst; darum wollen wir die Zähne aufeinanderbeißen, d u r ch h a l t e n, aufs angespannteste unsere Pflichten werter tun, jede Entrüstungsäußerung unterdrücken, uns eingliedern nach wie vor in das große Heer vor und hinter der Front zum Nutzen und Segen des Vaterlandes. Und nun wünsche ich unse.rer Tagung ein volles Gelingen, wünsche, daß wir im menschlichen Verstehen einander nahe kommen, uns die Hände reichen zur gegenseitigen Hilfe, zur Hilfe als Frauen, zur Hilfe als jüdische Frauen. | jEftmunft helfft. j m 8. Januar 1917 ist der Geheime Kommerzienrat Edmund Helfft, Seniorches der alten, 1793 gegründeten Bankfirma N. Helsst & Co., im Alter von 81 Jahren gestorben. Helfft war das einzige noch lebende Mitglied der am 5. Dezember 1869 zum erstenmal gewählten Sachverständigenkommission der Fondsbörse, ans der später der Börsenvorstand hervorging. Er war ferner im Besitze zahlreicher Ehrenämter: stellvertretender Prästdent der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft, stellvertretendes Mitglied des Zentralausschufses der Reichsbank, Vorsitzender des Ausschusses des kaufmännischen Hilfsvereins. Er gehörte der Zulassungsstelle zur Berliner Börse seit 1902 an und war Mitglied des Aussichtsrats vieler angesehener industrieller Gesellschaften. Er war ein außerordentlich beliebter Mensch, gern gesehen in der Gesellschaft, auch in Hofkreisen beliebt, besorgte die Bankgeschäfte des Mecklenburg-Strelitzschen Hofes und führte infolgedessen ebenso wie seine Mitinhaber den Titel eines Hofbankiers von Mecklenburg-Strelitz. Er war ein markanter Typus jeder Berliner Gesellschaft: sein seingeschnittener Kopf erregte Aufsehen, sein liebenswürdiges Wesen und seine gesamte Persönlichkeit wirkten bestrickend. Von seinem schlagfertigen Wesen berichtet einer der zahlreichen Nekrologe folgenden Zug: „Nicht unerwähnt bleibe sein großzügiger Humor. Es sei nur an einen Vorgang erinnert, der sich anläßlich des 50. Stiftungsfestes des Berliner Handwerkervereins ereignete. Der Festredner, Bürgermeister Reicke, wies auf die finanzielle, wenig günstige Lage des Vereins hin und schloß mit dem Rufe „helft". Die nächstfolgenden Redner griffen diesen Appell aus und so erscholl ein „Helft" nach dem anderen. Da erhob sich der alte Geheimrat Helfft und sagte kurz und bündig: „Man ruft mich, also tausend Mark", sagte es und setzte sich schmunzelnd nieder." Ein besonders charakteristischer Zug an ihm war der, daß er einer der noch wenigen Bankiers war, die persönliche Fühlung mit ihren Kunden besaßen, z. B. der Familie des Fürsten Bülow und manchen alt eingesessenen Berliner Familien. Darüber heißt es in einem anderen Nekrologe: „Nicht -behaupten wollen wir, daß mit ihm der letzte