Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1917)
- Date
- 1917-02-16
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
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1. Obligatorische Heirat mit spätestens 18 Jahren. Der Junggeselle wurde nicht als vollwertiges Glied angesehen. 2. Perhorreszierung und Ausrottung aller Prostitution sowie strenge Ahndung aller geschlechtlichen Perversitäten. 3. Strenges Verbot aller' Präservationsmittel, welche die Fruchtbarkeit hintanhalten. 4. Ausschluß aller irgendwie geschlechtlich Untauglichen aus der Gemeinde. 5. Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs bei strengster Strafe. 6. Vernünftiger Mutterschutz in der Ehe. Diese drakonische Politik hatte noch bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts unserer Zeitrechnung von Religions wegen Geltung bei den Juden, welche sich auch durch zahlreiche Nachkommenschaft auszeichneten, und zwar die Wohlhabendsten voran. Der Stammvater des Hauses Rothschild z. B. in Frankfurt a. M. hatte noch vierzehn Sprößlinge — und war nicht wenig stolz darauf; auch schadete es seinem Reichtum nicht; im Gegenteil wuchs das Ansehen seines Hauses durch Gründung zahlreicher Zweigniederlassungen seiner Nachkommen. Erst die jüngste „aufgeklärte" Zeitära brachte die „gebildeten" Juden durch französischen Einfluß auf die Idee, daß Kinderreichtum dem Wohlstand schade, und führte auch viele von ihnen zum Zweikindersystem hin. * Diese Uebersicht sei durch einen literarischen Hinweis geschlossen, den wir in der „Breslauer Zeitung" finden: Am, 5. Februar 1867 starb m Paris der Orientalist Salomon Munk, als Mitglied des Instituts von Frankreich, als Professor am College de France,, einer Abteilung der Pariser Universität, als Ritter der Ehrenlegion, als Mitglied des Zentral-Konsistoriums der französischen Juden und als Mitglied zahlreicher Akademien und gelehrter Gesellschaften, die es sich allesamt zur Ehre anrechneten, diesen ausgezeichneten Gelehrten zu den Ihrigen zählen zu dürfen. Obwohl ihm Frankreich eine zweite Heimat geworden war, hing er doch mit heißer Liebe an seiner schlesischen Heimat, wo seine Vaterstadt Glogau heilte noch sein Gedächtnis treu bewahrt. Nicht allen dürfte es bekannt sein, daß der junge Schlesier kurz vor seiner Uebersiedelung nach Paris eine Begegnung mit dem Dichterfürsten Goethe gehabt hat. In einem Briese von Frankfurt a. M. berichtet Munk am 21. September 1827 an Samuel Meyer in Glogau: „.... Was mir den Tag in Weimar — es war der 15. September 1827 — ewig denkwürdig machen wird, ist die Erinnerung an den großen Mann, den ganz Deutschland verehrt und dessen großes Verdienst auch von fremden Nationen allerkannt wird. Es war mir vergönnt, ihm meine Huldigung persönlich darzubringen. Eine geraume Zeit ging ich vor Goethes Hause auf und ab, um ihn vielleicht am Fenster zu sehen; da es aber nicht gelingen wollte, sg ließ ich mich nachmittags um 5 Uhr bei ihm melden, mit der Bitte, ihn einige Augenblicke sprechen zu dürfen. (Eine entsprechende Notiz hierüber findet sich in Goethes Tagebuch.) Ich hatte das seltene Glück, sogleich vorgelassen zu werden, und Goethe unterhielt sich eine Zeitlang mit mir über meine Studien, sprach mit vieler Freundlichkeit und Aufmunterung und entließ mich mit vielen Wünschen für den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen Daß Salomon Munk auch zu Heinrich Heine in Beziehungen stand, erfahren wir aus dessen „Vermischten Schriften", die folgende Charakteristik unseres berühmten Landsmannes enthalten: „... Ich habe angedeutet, daß sich der Gelehrte Salomon Munk mit einer Herausgabe der hinterlassenen Schriften des seligen Marcus beschäftigen werde. Leider ist dieses jetzt unmöglich, da jener große Orientalist an einem Nebel leidet, das ihm nicht erlaubte, sich einer solchen Arbeit zu unterziehen; er ist nämlich seit zwei Jahren gänzlich erblindet. Ich vernahm erst kürzlich dieses betrübsame Ereignis und erinnere mich jetzt, daß der vortreffliche Mann trotz bedenklicher Symptome sein leidendes Gesicht nie schonen wollte. Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, ihn auf der Königlichen Bibliothek zu sehen, saß er vergraben in einem Wust von arabischen Manuskripten, und es war schmerzlich anzusehen, wie er seine tranken, blassen Augen mit der Entzifferung des phantastisch geschnörkelten Abrakadabra anstrengte. Er war Kustos in> besagter Bibliothek und -er ist jetzt nicht mehr imstande, dieses, kleine Amt zu verwalten. Hauptsächlich mit dem Ertrage seiner literarischen Arbeiten bestritt er den ^Unterhalt einer zahlreichen Familie. Blindheit ist wohk die härteste' /Heimsuchung, die einen deutschen Gelehrten treffen kann. Sie trifft diesmal die bravste Seele, die gesunden werden mag. Munk ist uneigennützig bis zum Hochmut und bei all seinem reichen Wissen von einer rührenden Bescheidenheit. Er trägt gewiß sein Schicksal mit stoischer Fassung und religiöser Ergebung in den Willen des Herrn." (Die oben angedeutete Notiz in Goethes Tagebuch lautet „Besuch von Munk, einem jungen Orientalisten von Berlin, der nach Bonn und Paris geht".) Eröffnungsrede sm 5. Delegiertentag des güollchen Ersuenvundes gehalten von S i d o n i e Werner (Hamburg). s ist zum erstenmal, daß wir uns in dieser schweren Zeit zum Zwecke gemeinsamer Beratung, zum Zwecke gemeinsamer Arbeit zusammenfinden. Mir ist der Auftrag geworden, Sie, meine sehr verehrten Damen, zu begrüßen und die fünfte Mitgliederversammlung des Jüdischen Frauenbundes zu eröffnen. Seitdem wir uns im März 1913 in Leipzig trennten, hat ein ungeheures Geschehen unser ganzes Leben von Grund aus verändert. Die Hochstimmung, die uns in den ersten Monaten des Kriegsausbruchs ergriffen hatte, machte einer gleichmäßigen Feierlichkeit Platz, mit der wir alle Dinge der Außenwelt an uns herankommen lassen. Eine Umwertung aller Dinge ist vor sich gegangen, und unerbittlich wird nichts anderes als ein zweckvolles Tun von uns gefordert. Es ist die Todesbereitschast unserer Brüder da draußen, die uns einen größeren Maßstab an alles anzulegen zwingt. Je stärker wir die Bedeutung dieses Weltkrieges erfassen, desto gewaltiger wird sein Einfluß auf uns. Teilnahme, Besorgnis, Trauer um geliebte Angehörige drohten manches Mal, unsere Spannkraft zu lähmen; aber die Pflicht der fordernden Stunde riß uns über Abgründe des Schmerzes hinweg, stieß die graue Sorgenwand um und zeigte uns dahinter doch noch grünendes, blühendes Land. Zur grünenden, blühenden Oase, inmitten dieser Welt des Blutes und des Grausens, wurde allen denen die Arbeit, die im Höherstreben, im Ueberwinden von Gram und Ungemach den Zweck des Lebens suchen. Wer seine Arbeit gedankenlos verrichtet, nur als eine Pflichtsteuer betrachtet, der hat den Pulsschlag dieser Zeit nicht verstanden, der hat die Wurzel seines Könnens mit ihr nicht f e st genug verflochten, der hat die Probleme nicht ersaßt, die unserem Erleben heute die Bedeutung geben. Der Jüdische Frauenbund erstrebt durch den Zusammenschluß der jüdischen Frauenvereine eine Stärkung aller jener Bestrebungen, die die Erziehung des Volkes bezwecken. Bundesarbeit läßt sich nicht als etwas Abgeschlossenes darstellen, unter das der Rechenmeister sein Fazit setzen kann. Aber Bundesarbeit gleicht Quellen und Bächen, die im Zickzack, durch Windungen, über Hemmungen leise, kaum sichtbar dahinrieseln, belebend und fördernd, den Boden fruchtbar machend für die zarten Pflanzen sozialer Arbeit. Wenn wir jüdischen Frauen unserem Vaterlande in schwerer Zeit die Treue gehalten haben, auf jedem Posten, aus dem wir standen, in der Groß- und Kleinarbeit als sozial reife Menschen standen, die über ihre eigene Kraft hinausgewachsen sind, so ist das ein Ergebnis der Erziehungsarbeit des Jüdischen Frauenbundes. Der Jüdische Frauenbund hat nicht nur bewirkt, daß unsere Leistungen als Zusammenfassung der jüdischen Frauenvereine gewachsen sind, er hat uns in unseren Gesinnungen gefestigt, er hat unser Urteil gereift, unseren Einfluß nach außen erhöht. Wir stehen überall, da wo wir führend oder mitarbeitend am öffentlichen Leben teilnehmen, als bewußte, aufrechte Jüdinnen da. Der Jüdische Frauenbund, der die Vertretung der jüdisch-sozial arbeitenden Frauenwelt ist, hat an seiner Spitze als Führerin eine geniale Persönlichkeit, Bertha Pappenheim, die in geistiger und sittlicher Beziehung das versinnbildlicht, was als höchste Forderung ideal gesinnter Menschen, als Vorbild vor der Seele steht, dem Urteil höchste Grenze zieht und zur Nacheiferung anspornt. Eine Vorsitzende gibt einem Verein und erst recht einem Bund die Prägung. Bertha Pappenheim, der Name allein ist ein Programm und vereinigt in sich höchstes, sittliches, unbeugsames Streben, aufrechtes, zielbewußtes Judentum, edelstes Frauentum. Daß diese