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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-16 · Heft 7 (16.2.1917) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 7 (16.2.1917)
Date
1917-02-16
Page
Seite 76 (sequence 4)
Language
German
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—* 76 Für die Jahre, denen wir entgegengehen, wird das noch mehr gelten als je vorher. Denn kaum irgendeine frühere Zeit hatte, wenn man von den Stadtstaaten des Altertums absieht, eine so starke Leistung der selbstbewußten Bürger für den Staat erfahren. Das Leben aller hat heute seine Spannung; vor jedem steht die Forderung, für das große Ganze einzutreten, sich als Glied der Gesamtheit zu fühlen. Das muß auf das Empfinden und Denken aller den bestimmten Einfluß ausüben. Denn das Tun des Menschen, zumal ein solches, das den ganzen Menschen ununterbrochen verlangt, wirkt auf sein Seelenleben zurück, gibt diesem den Charakter und die Bahn. Unsere Lebensanschauung ist weit häufiger die Folge unseres Handelns, als sie dessen Grund ist; weil wir so und nicht anders handeln können oder wollen, darum denken wir schließlich so. Daher wird denn auch die allgemeine Auffassung vom Staate und der Zukunftsgedanke, der darin liegt, ganz wesentlich durch die Leistungen bestimmt, die alle vollbringen. Sie schaffen auch in dem schlichten Manne, der auf seinem Platze steht, eine Staatsphilosophie, in der er sich mit vielen, mit fast allen eins weiß, ein Bewußtsein des Habens und Könnens mit dem sicheren Halt, wie ihn jede Ueberzeugung gewährt. Eines ist hierfür eigentümlich, und es drängt sich jedem, der beobachten kann, immer wieder auf: in den kämpfenden Männern hier draußen, nicht zum mindesten gerade in den einfachen, lebt das starke Gefühl, nicht nur zum Staate zu gehören, sondern in gewisiem Sinne der Staat zu sein. Es ist eine Staatsüberzeugung, die sie alle erfüllt, und es will scheinen, daß sie tiefer und weiter dringe als das bloße Nationalgefühl. Vielleicht ist hierin auch ein wesentlicher Unterschied enthalten, der die Gedanken und Forderungen Deutschlands denen seiner Feinde gegenüberstehen läßt. Dort wird das Nationalgefühl vorangestellt oder auch vorangetrieben, so daß es seine Ansprüche erheben darf; hier spricht die Gesinnung, die dem Staate gilt, dem seine Existenz und seine Freiheit verbürgt sein sollen. Man könnte sagen, daß hier der Frieden angeboten wurde im Namen der Staaten und dort zurückgewiesen worden ist im Namen der Nationen. Das bloße Nationalgefühl hat meist etwas Unruhiges; es liegt in seiner Art, daß es sich leicht überhitzt und damit zur nationalistischen, chauvinistischen Empfindung wird, die sich überhebt und in die Ferne, oft ins Schrankenlose schweift. Die Staatsgesinnung hat demgegenüber etwas Ernsteres und Geschlosseneres, etwas Bodenständiges. Während das an schwellende Nationalgefühl seine Bedrohung für die Nachbarn bedeuten kann, könnte das allzu starke Staatsbewußtsein nur die eigenen Bürger beengen. Tie Staatsgesinnung schließt ein sicheres Heimatsgefühl in sich, das dem Eroberungswunsche sernbleibt, das nur das Dasein, die Ehre und Sicherheit des Vaterlandes, den Arbeitsplatz und die Schaffensfreiheit für alle geschützt wissen will. Diese Empfindung vermag jedem anderen Staate die gleichen Rechte und die gleichen Aufgaben, jedem seinen Bestand und seinen Raum zuzugestehen. Es läßt sich nicht verkennen, daß in dem deutschen Volk in Waffen, welches dem Feinde unmittelbar gegenübersteht, diese Staatsgesinnung die hervortretende ist. Durch sie ist auch der einfache Mann zu seiner Bedeutung gehoben worden, vor sich selbst, wie vor der Gesamtheit; er ist des Staates stärker bewußt geworden. Die lange, mühevolle Tat, die diese Jahre forderten, konnte dies bewirken; denn das, was man vollbringt und gewährt, verbindet ja inniger als das, was man empfängt. In dem, was einer leistet, wohnt seine entschiedenste Ueberzeugung; was einer gibt, besitzt er wahrhaft. Die Leistung hat die Staatsüberzeugung geschaffen. Und in dieser Arbeit, dieser Geduld, dieser Mühe, die um der Pflicht willen, aus der Vaterlandsliebe hervor, bestanden wird, liegt zugleich etwas, was sortwirken und weiterführen will. Jedes Werk weist über sich hinaus. Wenn von einem Danke gesprochen werden darf für alles das, dessen die opfervolle Zeit sich rühmen darf, so ist es der Dank, der in der Bahn für das Weiterschreiten liegt. Der Lohn der Arbeit ist die Weiterarbeit, das Recht, weiterwirken zu dürfen, damit die ruhigen Tage erfüllen können, was die ernsten bewährt hatten. In dieser Gesinnung tritt der Weg hervor, der die Richtung der Zukunft bezeichnet. Es hat einen eigenen Reiz, ungekannt oder ungesehen bisweilen den Gesprächen zuhören zu können, in denen diese Fragen an die Zukunft Ausdruck finden. Wenn man an diesen langen Winterabenden, die die Straße in Finsternis hüllen, an den Fenstern der Quartiere vorübergeht oder in eines der niedrigen Holzhäuser eintritt, dann dringt manches Wort, bald gewandt, bald ungelenk, das nicht weiß, daß es draußen vernommen wird, ans Ohr und es spricht von den Sorgen und Hoffnungen der Menschen. Der Ton, der aus allen herausklingt, ist heute ein anderer als zwei- Jahre zuvor. Damals waren es die Schwingungen einer erregten Gegenwart, die in ihm nachzitterten; heute ist es der Gedanke an die Zukunft, der seine Wellen zieht. Das Wort von ihr ist ein Wort, das davon spricht, wie die Menschen sein wollen. * Der folgenden, der „Neuen Zürcher Zeitung" entnommenen Notiz gebe ich hier einen Platz, obgleich ich sie nicht für richtig halte, aus dem einzigen Grunde, weil ich wünsche, daß über diese Angelegenheit eine amtliche Erklärung und Berichtigung erfolgt. Die auffällige Mitteilung, die ganz gewiß nicht der Wahrheit entspricht, lautet nämlich folgendermaßen: D-ie Juden in Litauen. A. Ch. Die amerikanisch-jüdische Presse, die fast ausnahmslos mit den Zentralmächten sympathisiert, führt in letzter Zeit Klage gegen das von den Okkupationsbehörden im Osten eingeführte Regiment. Die Revue „American Hebrew", die der bekannte Schriftsteller Hermann Bernstein leitet, enthält in ihrer Nummer vom 15. Dezember 1916 einen „German Liberators' in Lithuania" überschriebenen Aufsatz, der auf Aussagen von aus Litauen in letzter Zeit ausgewanderten Personen, in der Hauptsache aber auf Korrespondenzen des „Dah" fußt. Danach sollen die Juden aus Litauen nach Deutschland verschickt und zum Bauen von Schützengräben gegen die Russen verwendet worden fein. Der Zwang werde nur gegen die Juden angewendet, weil man es für richtiger finde, die nichtjüdifche Bevölkerung auf ihrem Acker zu belassen. Die Juden hätten auf die deutschen Angebote nicht eingehen wollen, weil sie gewußt hätten, daß sie in deutschen Munitionsfabriken verwendet würden. Erst durch Massenverhaftungen und -internierungen seien die Anstrengungen der Okkupationsbehörden von Erfolg gekrönt gewesen, und sie hätten eine große Anzahl Arbeiter nach Deutschland abschieben können. * Wenden wir uns von diesen Betrachtungen, die der Gegenwart gewidmet sind, zu Ausblicken in die Zukunft und zu Rückblicken in die Vergangenheit, so mag zunächst ein dem „Neuen Wiener Journal" entnommener Artikel folgen, der vielen unserer Leser interessant und willkommen sein wird. Er lautet: Drakonische Bevölkerungspolitik. Völkerhygiene im jüdischen Altertum. Angesichts der vielfachen Erörterung des Problems einer vernünftigen Bevölkerungspolitik und der Bekämpfung des Geburtenrückganges gewinnt eine kleine Skizze Dr. Rainers (Wiesbaden) in der ,-Hyg. Rundschau" besonderes Interesse und auch eine gewisse Aktualität, trotzdem der genannte Hygieniker sich darin mit Zuständen und Einrichtungen befaßt, die schon — einige Jahrtausende zurückliegen. Dr. Rainer schildert nämlich, wie es im jüdischen Altertum mit den Maßnahmen zur Hebung der Volkskraft bestellt war. In einer früher erschienenen Abhandlung bat er bereits nachgewiesen, daß die alten Juden genaue Bevölkerungsstatistik trieben — und zwar zu einer Zeit, da noch niemand daran dachte. Der höchste Segenswunsch in der Bibel (Genesis mehrmals) lautete: „Seid fruchtbar, vermehret euch". Pharao (Exodus, 1. Kap.), welcher die Juden systematisch in Aegypten vernichten wollte, ergriff Maßregeln, um die jüdische Fruchtbarkeit, welche ihm besonders ein Dorn im Auge war — „sie könnten so zahlreich werden, daß sie uns über den Kops wüchsen!" —, im Keime zu ersticken: die Neugeborenen männlichen Geschlechts müssen in den Nil geworfen werden. Die Erzväter zeichneten sich ganz besonders durch zahlreiche Familien aus. Der Kinderreichtum galt damals als Segen, als Wohlstandsquelle. Aber auch in späteren Zeiten war die Volksvermehrung eine gewichtige Sorge der weisen Staatsregierung respektive der Gemeinden bei den Juden. Auf Grund seines Studiums der aktjüdischen Literatur gelangt Dr. Ratner zu dem Ergebnis, daß damals zur Hebung der Volkskraft folgende Faktoren in Rechnung gezogen wurden:

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