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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-16 · Heft 7 (16.2.1917) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 7 (16.2.1917)
Date
1917-02-16
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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74 Hier ist also die Deszendenzlehre am Platz. Stammen aber wirklich die Völker wie Zweige von einem Urstamm ab, dann konnte dieser die bedeutungsvollen Ereignisse der Vorzeit, wie Paradies, Sündenfall, Sintflut usw., durch Tradition auf die Abkömmlinge vererbt haben. Und so wäre die Uebereinstimmung hinsichtlich der Urgeschichte erklärt. Damit sind aber auch die dogmatischen Konkordanzpunkte, d. h. die Berührungspunkte hinsichtlich mancher religiösen Vorstellungen zwischen den ältesten Kulturvölkern und der Bibel, erklärt. Denn hat sich wirklich Gott am Anfang der Dinge den Menschen geossenbart, ist er wirklich als ihr erster Erzieher zu betrachten und beruhen jene urgeschichtlichen Traditionen, wie sie die Genesis berichtet, aus Wahrheit, dann steht zu erwarten, daß nicht bloß das erst später vom Menschheitsbaum abgezweigte Volk der Hebräer, sondern auch die übrigen Völker irgendein Bewußtsein von jener Uroffenbarung in ihren Ueberlieferungen bewahrt haben werden. Denn ihre Ahnen waren ja gemeinschaftlich daran beteiligt. Freilich mag die Erinnerung an jene graue Vorzeit bei dem einen Volk ungetrübter als bei dem anderen sich erhalten haben, aber gewifle Nachklänge müssen sich finden. Und in der Tat belehrt uns die vergleichende Religionsgeschichte, daß die ältesten Kulturvölker, wie ihre alten heiligen Schriften ausweisen, den Ursprung des Menschen unmittelbar von Gott ableiten und eine ursprüngliche göttliche Offenbarung annehmen. Hierin nun, in der anfänglichen religiössittlichen Erziehung durch Gott oder in der Uroffenbarung, kann allein der Grund für jene Erscheinung liegen. Die ursprünglichen göttlich geosfenbarten Religionswahrheiten sind dann durch Ueberlieferung von den Erzvätern auf ihre Nachkommen übergegangen, erlitten aber natürlich im Laus der Jahrtausende mannigfache Wandlungen und Trübungen. Dir Woche. Berlin, den 13. Februar 1917. er Eindruck, den man aus den Pressestimmen innerhalb und außerhalb Amerikas in der letzten Woche gewonnen hat, ist der, daß sich Präsident Wilson mit seinen Erklärungen gründlich blamiert hat. Mußte es schon als eine Uebereilung oder Ueberhebung erscheinen andere deutsche Blätter haben zur Charakteristik seines Vorgehens viel stärkere Ausdrücke gebraucht - , daß er ohne ersichtlichen Grund die diplomatischen Beziehungen mit Deutschland abbrach, während er ängstlich bemüht war und noch ist, diejenigen mit Oesterreich-Ungarn aufrechlzuerhalten, so belehrte ihn das Verhalten der Neutralen, daß sie keineswegs gewillt sind, seiner Aufforderung zu folgen, daß sie vielmehr, statt seinem Verfahren sich anzuschließen, in dem verschärften U-Boot- K^iege keinen Anlaß finden, mit Deutschland zu brechen. Vielleicht noch mehr als diese Absage der Neutralen, auf deren Zustimmung der Präsident sicher zu rechnen schien, hat ihm das Verhalten der amerikanischen Bevölkerung zu erkennen gegeben, daß von einer feindseligen Stimmung ihrerseits gegen Deutschland nicht die Rede sein kann und daß von einer Geneigtheit, mit Deutschland kriegerische Verwickelungen zu beginnen, nicht gesprochen werden darf. Darum verlautet nun trotz einzelner Alarmnachrichten, zu denen gehören: die Forderung eines Kriegskredits, der Verstaatlichung der Munitionsfabriken, der Bewaffnung der Handelsschiffe, nichts von einer Vorbereitung wirklich kriegerischer Unternehmungen, ja, die aus englischen Quellen übernommene Nachricht von der Beschlagnahme der in Amerika lagernden deutschen Schiffe scheint sich erfreulicherweise nicht zu bestätigen. Und doch ist das Vorgehen des Präsidenten der Vereinigten Staaten Amerikas, das einige Tage lang in der ganzen politischen Welt große Beunruhigung hervorries, aber wirklichen Schaden nur den amerikanischen Börsen zufügte, während sich die europäischen, namentlich die deutschen, im ganzen ruhig verhielten, eknster Erwägung wert. Die ganze Art seines Verhaltens während des Krieges, die Unterstützung unserer Feinde mit Lebensmitteln, Munition und Kriegsgerät, das unmännliche Zurückweichen vor allen von England aus wider die amerikanische Post verübten Gewaltmaßregeln muß doppelt auffällig erscheinen, wenn man es mit der übergroßen Empfindlichkeit gegen jede Schädigung seitens Deutschlands' vergleicht. Man hatte sich seit Jahren und Jahrzehnten daran gewöhnt, in Amerika einen aufrichtigen Freund Deutschlands zu erblicken, und mußte sich allmählich überzeugen, daß dieser für freundlich gehaltene Staat einer der schlimmsten Feinde Deutschlands ist. Eine solche Erkenntnis muß man festhalten; man wird lernen müssen, auch in der Zukunft danach seine Entschließungen zu fasien. Ebenso wie die von Amerika drohende Gefahr in Wirklichkeit nicht so schlimm ist, wie sie anfänglich erschien, gestalten sich auch andere Verhältnisse hoffnungsreicher, als man im ersten Augenblick meinte. Muß Deutschland auch seit längerer Zeit darben, ein Zustand, den man mit Mut und Beharrlichkeit erträgt, so erkennt man immer deutlicher, daß auch unsere Feinde nicht auf Rosen gebettet sind. Die von England aus verbreitete Nachricht, es könnte -der U-Bvot-Gefahr ruhig entgegensetzen, da es für Jahre mit allem wohlversorgt sei, hat sich als Märchen erwiesen, und England steht in noch höherem Grade als Deutschland vor dem Gespenst der Aushungerung. In Frankreich sind die Verhältnisse noch bedeutend schlechter, so daß von der Schließung sämtlicher Theater, ja von der zeitweiligen Sperrung der Warenhäuser gesprochen wurde; Italien vollends sieht sich außerstande, infolge von Kohlenmangel den regelmäßigen Betrieb seiner Fabriken sortzuführen. Die Zustände in diesen drei feindlichen Ländern müssen sich aber noch bedrohlicher gestalten, wenn der verschärfte U-Boot- Krieg in seinem weiteren Verlaufe die Wirkung zeigt, die der Anfang anzukündigen scheint, denn die Verheerung der feindlichen Flotte ist bereits in den wenigen Tagen, seitdem die neuen Unternehmungen begonnen haben, eine außerordentlich große, und die Anzahl der Schiffe vieler neutralen Staaten, die England und die mit ihm verbündeten Mächte mit sogenannter Bannware versorgten, wird immer kleiner. Verstärken sich beide Wirkungen, wird die Beschränkung des englischen Schiffsraums immer größer, die Zufuhr dagegen immer kleiner, so werden die Zustände bei unfern Feinden dermaßen bedrohlich, daß ihnen der Friede als einziges Rettungsmittel übrig bleibt. ' Einstweilen freilich malen sie in ihren lügenhaften Berichten ihre Lage höchst günstig aus: sie prahlen mit Erfolgen, die nur in ihrer Erfindung existieren, und ermutigen sich mit Hoffnungen auf eine Frühlingsoffensive, die ihnen alles das gewähren soll, was sie seit 2)4 Jahren als einen gar leicht zu erringenden Kampfpreis erträumten. Sie werden sich, so hoffen wir, überzeugen, daß alle ihre Prahlereien den Tatsachen widersprechen. Einstweilen wenigstens hat sich nichts gezeigt, was ihre Aussichten verbessern, die unfern dagegen verschlechtern könnte. In dieser Beziehung halten wir es für unsere Pflicht, eine Zuschrift der „Auskunftsstelle der vereinigten Verbände" in diesem Zusammenhang mitzuteilen, die uns zu diesem Zwecke zugesandt worden ist. Sie lautet: „Es werden zurzeit in Deutschland Gerüchte verbreitet, wonach in Elsaß-Lothringen bereits zahlreiche deutsche Orte von unseren Truppen geräumt sind, womöglich gar die Preisgabe des ganzen Elsaß in naher Zukunft beabsichtigt sei. Wie wir von amtlicher Stelle erfahren, ist an diesen Gerüchten kein

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