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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-09 · Heft 6 (9.2.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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8!. Jahrgang Nr. 6 ( Berlin, 9. Februar 1917 Vtilage zur „Allgemeinen Leitung dr- Judentum-". korrrlponvrnsm unv jflachrichten. LkUtschlsnü. A. R. Berlin, 6. Februar. In der gemeinsamen Sitzung der Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin und des Vereins jüdischer Lehrer und Lehrerinnen der Provinz Brandenburg hielt der Dozent an der Lehranstalt fürdie Wissenschaft des Judentums Dr. Jsmar E l bogen einen Vortrag über: „Einige neuere hebräische Werke über jüdische Geschichte". Er führte folgendes aus: „Alle neuere jüdische Geschichtsschreibung knüpft an das Werk von Grätz an, das trotz der mannigfachen Lücken und Mängel für absehbare Zeit voraussichtlich das grundlegende Werk bleiben wird. Für das Hebräisch lesende Publikum wurde die Geschichte von Grätz ins Hebräische übertragen. Nach mehrfachen Fehlschlägen ist es endlich S. P. Rabinowitz in Warschau gelungen, den ganzen Grätz bis auf den elften Band in hebräischer lieber tragung in acht Bänden herauszugeben; den letzten Band wollte er selbständig bearbeiten. Der hebräische Grätz ist vielfach besser als der deutsche, da nicht nur der Uebersetzer mancherlei berichtigt, sondern auch H a r k a v h in Pej tersburg auf Grund seiner Forschungen wertvolle Ergänzungen und; Berichtigungen geliefert hat. Nur für den fünften Band,, der aller-; dings außerordentlich verbesserungsbedürftig war, sind diese Zusätze; bisher auch für die deutsche Ausgabe verwertet. — Wer mit ein- , gehender Kenntnis der hebräischen Sprache, was bis vor zwei Jahr-? zehnten etwa noch mit talmndi scher Gelehrsamkeit gleichbedeutend; war, an den Grätz herantrat, mußte die zahlreichen Lücken bemerken, die in der Darstellung der jüdischen Tradi'tion, besonders der Entj stehungsweise des talmirdischen Schrifttums, vorhanden find. Daher j waren es vorzugsweise diese Partien, welche zu einer neuen hebräischen Bearbeitung die Anregung gaben. Der hervorragendste Ergänzer von Grätz nach dieser Richtung hin ist I. H. Weiß in Wien (1814 bis 1905), dessen fünsbündiges Werk „Tor, dor wedorschaw. Zur Geschichte der jüdischen Tradition" 1871 bis 1891 erschien. Weiß war nicht nur ein hervorragender Talmudkenner, der noch im alten Bethamidrasch groß geworden war, sondern auch ein Mann von kritisch historischem Sinn und allgemeiner wissenschaftlicher Bildung, eine Vereinigung, von Eigenschaften, die sehr selten zu finden, aber gerade für dieses Fach unentbehrlich ist. Er beherrscht nicht nur sein j Material, sondern er versteht es auch, es meisterhaft lebendig dar-! zustellen; man wird in die Geisteswerkstatt der Alten eingeführt, j sieht sie bei der Denkarbeit: man kann ihre Ausbildung verfolgen, ■ ihre Quellenstudien mitmachen, sie zur Reife gelangen sehen, sie - in ihren Leidenschaften, in ihren Tendenzen, ihren Kümpfen und j Widerständen beobachten. Die Tradition wird von den ersten Anfängen der biblischen Zeit bis zum Abschlüsse des Schulchan Aruch verfolgt; der Nachdruck wird aus die Darstellung der leitenden Persönlichkeiten gelegt, deren Leistungen in kritischer Besprechung gewürdigt werden. Das Werk ist nicht überall gleichmäßig; es ist vielfach von andern abhängig, aber dennoch immer selbständig, da der Verfasser durchaus nur seine eigene, wohldurchdachte Meinung vorträgt. Es zeichnet sich durch lebendige Darstellung und vorzüglichen Stil aus. Es ist frei und unabhängig; der Verfasser übt unnachsichtig Kritik, „da ihm nichts am Herzen liege als gründliche, ehrliche Quellenforschung." Die Mängel des Werkes sind einmal eine gewisse Flüchtigkeit und Unzuverlässigkeit in der Angabe der Quellen, sodann eine Neigung zur Hyperkritik und zum Schematisieren. Daher würde sich auch eine wörtliche Uebertragung ins Deutsche, wie mehrfach vorgeschlagen wurde, nicht empfehlen, wohl aber eine kurz zusammenfassende Bearbeitung der wichtigsten, wertvollsten Partien. — Beachtung verdient auch das sehr ausführliche Buch von Ja Witz: „Toledot Jisrael" (Geschichte und Literatur, bisher sieben Bände, die bis zum Abschluß des Talmud reichen), das keine besondere Begabung verrät, aber mit außerordentlicher Gewissenhastigkeit in gediegener Gründlichkeit gearbeitet ist. Der Verfasser ist sehr konservativ und sucht nach Möglichkeit die Quellen zu Wort kommen zu lassen. Die letzten Bände zeigen bedauerlicherweise eine Irreleitung «durch das Werk von Halevy. - Jsaac Halevys „Dorot Harifchonim", von dem bisher drei nicht zusammenhängende Bände erschienen, ist dasjenige Geschichtswerk, welches im letzten Jahrzehnt am meisten Aufsehen erregt hat. Halevy besitzt bewundernswerte Belesenheit im Talmud und außerordentlichen Scharfsinn. Sein Werk trat mit neuen Hypothesen auf, oder vielmehr beanspruchte, die angeblichen bisherigen Hypothesen durch gesicherte Resultate echter wissenschaftlicher Forschung verdrängen zu können. Die Anmaßung des Verfassers, seine Schroffheit gegenüber allen jüdischen Gelehrten erweckten den Anschein, als ob er wirklich Beachtenswertes geleistet hätte; eine nähere Prüfung seines Buches jedoch lehrt, daß alle seine „neuen Ergebnisse" eine bestimmte Tendenz verfolgen, entweder das Bestreben, einen Satz des Talmuds zu erhärten oder den ununterbrochenen Gang der Tradition nachzuweisen. Zn diesem Zwecke wird die Geschichte gewaltsam konstruiert und in einer wirren, durch Abschweifungen fortwährend unterbrochenen Darstellung, in der Zusammenhang tinb Methode völlig fehlen, vorgeführt. Das einzige Verdienst des Werkes ist, abgesehen von Richtigstellung einiger Jrrtümer der Vorgänaer, die Aufhellung der Uebergangszeiten, die bisher nur geringe Beachtung gefunden hatten; aber das wenige Gute in dem Werke entschuldigt nicht die groben Fehler. Roch schlimmer aber ist, daß auf Grund dieses völlig verfehlten Buches eine Schule angeblich neuer Historiker sich bildet, die weder den Gegenstand noch die Methode der Quellenforschung beherrschen, sondern die einzig und allein die Jrrtümer Halevys wiederholen. Darin liegt eine Gefahr für die Wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die Wahrheit zu ergründen und ihr mutig ins Gesicht zu. sehen." — Neben anderem kam auch ein Antrag des Herrn Geismar zur Besprechung: „Der Vorstand der Wissenschaftlichen Vereinigung möge Schritte unternehmen, um zu erreichen, daß der liturgische Gesang in den Religionsschuleu als Zemursach ausgenommen wird." Der Referent führte aus, daß der liturgische Gesang zurzeit eine untergeordnete Stellung einnehme. Er werde nur in einer halben Stunde wöchentlich für alle Klassen zusammen erteilt, sei kein I Zensur fach und sein Besuch stünde häufig im Belieben der Kinder. Durch die Kenntnis der Gesänge werde aber der hebräische Text belebt, die Vertrautheit mit dem Gebetbuche größer und der Stimmungsgehalt der Gebete besser erschlossen. Herr Geismar stellt daher folgende Forderungen auf: Der liturgische Gesangsunterricht solle in mehr als einer halben Stunde wöchentlich an zwei Klassen erteilt werden, er solle Zensurfach werden. In der Aussprache wird die Anregung des Kollegen günstig aufgenommen, doch wird darauf hingewiesen, daß etwaige Anträge nicht von der Vereinigung, sondern von der Dirigentenkonferenz ausgehen müssen, da die Anordnung der Stunden in den Händen der Dirigenten liege. Am Unterricht müßten sich mit Ausnahme der ersten und dor Anfangsklassen alle Kinder, auch die stimmlich unbegabten, beteiligen, da es sich vor allem um die Einführung in den Gottesdienst handle. Nicht einverstanden aber sind die Herren mit einer Erhöhung der Stundenzahl, die zur Ueberlastuna der Kinder führen würde. Es wird vorgeschlagen, in einem Vorträge über die Methodik des liturgischen Gesangsunterrichtes zu sprechen. Bet der Abstimmung wird der erste Teil des Antrages, aus Erhöhung der Unterrichtszeit auf eine Stunde, abgelchnt, der zweite Teil, auf Erteilung von Zensuren, angenommen. Berlin, 6. Februar. Am Donnerstag, den 1. d. M., fand die 35. Vertreterversammlung des Verbandes für jüdische Wohlfahrtspflege statt. Als Vorsitzender erösfnete Herr Eugen C a s p a r v die Verhandlungen mit einem Nachruf auf den verstorbenen Vorsitzenden der Armenkommission, Justizrat Meyer, und gab dann einen Ueberblick'über die Entwicklung der Zentralstelle, der zurzeit 99 Vereine angehören. Das erste Referat des Abends hielt Rechtsanwalt Dr. Georg Baum über „B e r u f sberatung und Wohltätigkeit". Der Krieg wird viele zu einer Aenderung des Berufes zwingen, für die die Beratungsstelle den geeigneten Platz ausfindig machen will. Zur Erreichung dieses Zieles ist eine Hauptstelle in Berlin gegründet worden, die in allen Provinzen Zweigstellen errichten wird, welche sich nicht mit Berufsberatung. sondern mit Lehrstellen- und Arbeitsvernnttelnn'g befassen

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