Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Soldaten entfernten sich, eine große Staubwolke hinter sich lassend. Jeromos erhob sich und eilte mit schnellen Schritten weiter. Der Mond verschwand am Himmel, die ganze Gegend wurde von dichter Dunkelheit umhüllt. Die Sterne blinkten, in ihrem ewigen Glanze strahlend, zu dem Knaben herab, und es war ihm, als ob aus der Höhe seine lieben Eltern aus ihn sahen, ihm Trost und Mut zusprechend und ihn ermunternd. Wenn auch in der Dunkelheit, wenn auch unter Anstrengungen, durch Sträucher und Gestrüpp, aber immer vorwärts, vorwärts, dem Lichte, der Wahrheit, dem Glücke zu!... Und irgendeine wunderbare, feierliche Stimmung bemächtigte sich seiner Seele. Er kam sich wie ein Held vor, der das bequeme, glänzende und sorgenlose Leben verläßt und in den Kamps zieht, um für die Hütten zu streiten... Seine Brust hob sich, seine Muskeln strafften sich, und fast stolz, mit erhobenem Haupte, eilte er immer weiter in der Stille der Nacht. . . . Durch das schnelle Laufen wurde er jedoch bald müde; er setzte sich am Fuße eines Baumes nieder, um auszuruhen, doch nicht lange blieb er sitzen, dann stürmte er weiter, damit er tags daraus zum Abend, bevor noch das größte jüdische Fest, der heilige Versöhnungstag, anbrach, in Lublin sein konnte. Und als er so ermüdet und erschöpft fürbaß schritt, siel ihm eine Legende ein, die der Pfarrer ihm einst erzählte, von dem ewigen Juden, der, abgespannt, ohne Rast und Ruh', hungernd und durstend, bei Frost und Hitze, in den stürmischen, dunklen Nächten einherwandere... IX. „Wo ist hier, bitte, der jüdische Tempel?" - Der rasch dahineilende Manu mit schwarzem Bart und ernsten Augen blickte erstaunt auf den bleichen, vornehm gekleideten Jüngling, dann sagte er sanft: „In der vierten Straße rechts." Jeromos dankte und ging weiter. Seine Füße konnten ihn kaum noch tragen, seine Knie schlotterten. Nach einigen Minuten erreichte er das große Gebäude; in den letzten Strahlen der niedergehenden Sonne glänzten die an der Front des Tempels befindlichen Buchstaben hell auf, die ganz so waren wie diejenigen des in seinem Rocke verborgenen Gebetbuches. Die Tür der Synagoge war halb geöffnet. Jeromos nahm das Gebetbuch hervor und trat ein. Es war noch niemand darin. Die weißen Wände waren mit brennenden Kerzen, die Bänke mit gestickten weißen Decken geschmückt. In der Mitte brannten hinter dem gleichfalls mit einer weißen Decke umhüllten breiten Altar und neben dem oben durch Löwenköpfe gehaltenen und mit einer Krone verzierten weißen Vorhang je acht weiße, große Kerzen, wie überhaupt der ganze Tempel ganz und gar in Weiß gehalten, durch Kerzenslammen hell erleuchtet und mit reiner, heiliger Andacht erfüllt war. Jeromos' Herz klopfte hörbar; er fühlte, daß seine zitternden Füße ihn nun doch zu dem mit so großer Sehnsucht erwarteten Ziele geführt, und seine Seele war voll des Dankes und unendlicher Liebe gegen diejenigen, die in diesem Tempel beteten. Fast ohnmächtig, schleppte er sich bis vor den weißen Vorhang und öffnete mit zitternden Händen sein Gebetbuch. Einige Augenblicke betrachtete er die unbekannten Buchstaben, sah sie mit Inbrunst und Schwärmerei, und der Schmerz brannte und wühlte in ihm, daß er daraus nicht beten konnte . . . Dann ergriff er plötzlich fieberhaft das Gebetbuch, und es mit beiden Armen hoch emporhebend, hielt er es schluchzend dem Himmel entgegen. „O Gott, du Allmächtiger, du weißt es, was hier geschrieben steht. Empfange diese Gebete von mir und . . ." Von der Erregung und der Ermattung gebrochen, fiel er ohnmächtig vor der heiligen Bundeslade zu Boden. X. Gegen Osten gewendet, vor den brennenden Kerzen, stand in schneeweißem Gewände der Hohepriester der Lubliner und neben ihm Jeromos. Aus dem blassen Antlitz des Knaben waren die Spuren des erlebten Sturmes noch deutlich sichtbar, aber aus seinen Augen strahlte schon harmonische Ruhe. Mit Staunen sah er auf den alten Meister, der so viel Liebe ihm gegenüber betätigte und den er schon in kaum einer halben Stunde so liebgewonnen hatte. Der Tempel hatte sich inzwischen gefüllt mit weißgekleideten Gläubigen, die von nah und fern herbeigeeilt waren, um mit dem Hohenpriester zusammen während des größten Festtages hindurch zu fasten. Der Glanz der vielen Kerzen bestrahlte ihre erröteten Gesichter und machte ihre glänzenden Augen noch strahlender. Die Silberkränze der von ihren Häuptern bis zur Erde herabwallenden weißen Mäntel umgaben ihre Stirnen wie leuchtende Kronen. Mit ernster, feierlicher Würde standen sie nebeneinander in dem hellen Licht, fast wie märchenhafte, orientalische Fürsten, die gekommen waren, um dem König der Könige zu huldigen. Jeromos blickte wie betäubt um sich. Ihm war, als sei er in das Reich der Wunder geraten, und als er auf die silberne Stickerei des großen, weißen Samtvorhanges der Bundeslade sah, schien es ihm, als ob die gewundenen und verschnörkelten Buchstaben gerade würden. Als draußen schon alles dunkel wurde, ging der greise Rabbi aus die heilige Bundeslade zu, küßte den Saum des Vorhanges; dann zog er ihn langsam auseinander und öffnete die kleine Tür aus Zedernholz. In der Synagoge betete man leise: „Unser Vater, unser König, öffne die Himmelstür vor unserem Gebet!" Der Rabbi beugte sich tief vor der Bundeslade, dann breitete er seine Arme aus und umarmte die in weiße Tücher gehüllte und mit der silbernen Krone geschmückte heilige Thora. Jeromos betrachtete ergriffen den greisen Meister. Nach einigen Minuten wandte sich der Hohepriester um und hielt triumphierend, mit strahlendem Antlitz, die Thora den Gläubigen entgegen, und mit unendlicher Freude, tränenden Auges und in tiefster Seele erschüttert, stimmte er mit tiefer, bebender Stimme den Festgesang an: „Glanz erstrahlt auf den Gerechten und Freude auf denjenigen, der reines Herzens ist!" Die Andächtigen sangen mit heißer Inbrunst diese Worte des Psalms nach. Der Rabbi trat leise vom Altar herab, trug die Thora unter der frommen Gemeinde herum, und vor wen er hintrat, der neigte sich und küßte die weiße Hülle des Heiligtums. Inzwischen erklang wieder das Gebet aus dem Psalm: „Glanz erstrahlt auf den Gerechten und Freude auf denjenigen, der reines Herzens ist!" Als der Greis auch vor Jeromos hintrat, reichte er ihm das teure Kleinod, den Inbegriff des Gesetzes, die Kraft und den Stolz, das Augenlicht und die Klarheit der Juden hin, wofür sie den Märtyrertod starben und wofür sie verfolgt wurden und werden. Und Jeromos küßte die weiße, silberne Thora . . . XI. Zwischen den Städten Lublin und Radom können die Alten Israels noch heute viel erzählen von der wunderbaren Geschichte des Keinen Jeromos. Der Lubliner „Zadik" war stolzer aus diesen seinen Adoptivsohn als aus jene Kinder, die schon mit ihrer Muttermilch die Süßigkeiten der Thora in sich gesogen. Und als die