Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 70 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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70 des Charakters wie die wissenschaftlichen Kenntnisse, das lebendige Interesse für die Wissenschaft und den ausdauernden Fleiß seines Schülers hervor. Entscheidend für die Begrenzung der historischen Studien Baerwalds wurde eine von der philosophischen Fakultät der Breslauer Universität gestellte Preisaufgabe über die Verhältnisse und Kriege zwischen Rudolf von Habsburg und Ottokar von Nähmen, die das Preisrichterkollegium selbst als sntis diffieilis (reichlich schwer) bezeichnet?, die aber der erst im zweiten Studienjahr stehende Student „infolge gründlicher, sorgfältig abwägender Ouellenprüfung", wie es in dem Urteil der Preisrichter heißt, glänzend löste. Nach so verheißungsvollem Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn bezog Baerwald im Herbst 1852 die Universität Berlin, um seine Studien unter der Leitung eines Leopold Ranke sortzusetzen; vier Jahre hat er das hohe Glück des wissenschaftlichen Umgangs mit diesem Meister der historischen Wissenschaft gehabt, und mit Fug und Recht konnte er auf das Urteil dieses seines Lehrers stolz fein, der bei der oben erwähnten Gelegenheit erklärte, seinem Schüler das „allerbeste" Zeugnis geben zu können; er sei ihm besonders durch zwei Eigenschaften wert geworden, einen von trefflichen Talenten unterstützten, unermüdlich immer weiter strebenden Fleiß und eine ungewöhnliche Festigkeit des Charakters. Selten sei ihm ein junger Mann bekannt geworden, der ihm so gut befähigt geschienen hätte, an höheren Lehranstalten mit Erfolg zu wirken, als Hermann Baerwald: „denn er ist im Besitz sehr ausgebreiteter gediegener Kenntnisse — die Bescheidenheit und Zuverlässigkeit seines Wesens kann seinen Zöglingen zum Muster dienen." Den „vorzüglichen, ausgezeichneten" Fleiß des Studenten bekunden auch die Zeugnisse der übrigen Lehrer, deren Vorlesungen Baerwald in Berlin hörte, Gelehrte wie Boeckh, Curtius, Ritter, Wattenbach, und es war bei diesem unermüdlichen Streben nicht verwunderlich, daß fein Studium einen geradezu glänzenden Abschluß fand. Sowohl die Prüfung zum Doktor der Philosophie, die Baerwald Ende 1854 in Berlin ablegte, wie die wissenschaftliche Staatsprüfung, der er sich August 1856 in Breslau unterzog, wiesen das erste Prädikat auf; die wissenschaftliche Prüfungskommission bezeugte noch besonders „die hervorragende Befähigung, die Baerwald gerade für den Lehrberuf besitze und die ihn gewiß zu einem vorzüglichen Lehrer ausbilden werde". Aber als sich nun der junge Lehrer, gestützt auf diese amtlichen Zeugnisse, zur Ableistung des vorschriftmäßigen Probejahres meldete, erklärte der Minister der „Regulativzeit" Raumer, diesem Antrag nach Lage der Gesetzgebung nicht stattgeben zu können! Einen Mann vom Charakter Baerwalds konnte diese engherzige Entscheidung, so schwer sie ihn auch traf, nicht einen Augenblick von dem vorgezeichneten Wege abbringen: im Gegensatz zu manchen seiner jüdischen Mitstrebenden, die aus Sorge für ihre Zukunft dem auf sie geübten Druck wichen und ihren Väterglauben verließen, und von deren Fahnenflucht Baerwald noch Jahrzehnte später mit bitteren Worten tiefer Erregung, wie man sie selten aus seinem Munde hörte, sprach, faßte er den Bescheid des Ministers „im Sinne Rankes wie alle menschlichen Dinge in dem geschichtlichen Zusammenhänge" auf und sah in ihm nur einen Rest der mittelalterlichen Anschauung, die früher so viele Martyrien herbeigeführt hatte; er pries sich bei alledem noch um vieles glücklicher als jene Vorfahren, deren unvergleichliches Erbe, das unerschütterliche Gottvertrauen, er in gleichem Maße in seinem Innern bewahrte. Er plante, nunmehr sich sür die akademische Laufbahn vorzubereiten und zu diesem Zwecke die Studien über Rudolf von Habsburg in dem Kaiserlichen Haus- und Staatsarchiv und in der Hofbibliothek zu Wien fortzusetzen; bei den dortigen Gelehrten, vor allem dem Vizepräsidenten der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Dr. v. Karajan, und den Geschichtsforschern M. Büdinger, Ottokar Lorenz, Th. Sickel und Karl Friedrich Stumpf, hatteer sich bereits durch eine in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie erschienene Schrift über die Entstehungsgeschichte deS Kurfürstlichen Kollegiums bestens eingeführt. So siedelte er denn Ende 1856 nach Wien über und gewann auch hier bald die aufrichtige Wertschätzung dieser bedeutenden Fachgenossen, vor allem Karajans, der die Ernsthaftigkeit und Zuverlässigkeit wie die tüchtigen Fachkenntniffe seines jungen Freundes in warmen Worten bei der Bewerbung um die Wiener Stelle bezeugte! Enge Freundschaft verband ihn hier auch bald neben den erwähnten Genossen mit den jungen Juristen Glaser und Unger, den späteren österreichischen Ministern, sowie mit den Dichtern Ludwig August Frankl und Leopold Kvmpert. Bald bot sich ihm auch hier Gelegenheit zu praktischer Ausübung der Lehrtätigkeit. Der preußische Konsul in Wien, Moritz Ritter v. Goldschmidt, bot ihm die Stellung eines Erziehers seiner drei Söhne an; da sie ihm aller Voraussicht nach genügend Zeit zur Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Studien ließ, nahm er das Anerbieten, das ihn der äußeren Sorge enthob, an und hat in feinen späteren Jahren sich gern und dankbar der beiden Jahre, die er in dem feinsinnigen Hause zugebracht hat, erinnert. (Schluß folgt.) Ler verloren» Sohn. Bon Joseph Patai. Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte llebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolph Kohut. (Schluß.) (Nachdruck verboten.) VIII. Es war eine schöne, mondhelle Septembernacht. Durch das farbige Laub der Bäume fielen, phantastische Schatten zeichnend, die silbernen Strahlen des Mondes. Jeromos ging allein durch den dichten Wald. Das Geheimnisvolle der Nacht senkte sich auf seine Seele; der ihn umgebende Duft betäubte ihn; er dachte an nichts, sondern ging, ging und ging. Die von den Bäumen herabsallenden Blätter streiften sein Gesicht, der von Norden kommende kalte Wind ließ seinen Körper erschauern, aber er fühlte nichts, sondern schritt nur immer weiter und weiter. Plötzlich tauchte vor ihm etwas Weißes auf; er erschrak und bemerkte dann, daß er auf die Landstraße gekommen war. Einige Zeit ging er auf derselben weiter, doch mit einem Male hörte er das Geräusch lauter Schritte und das Geklirr von Waffen. Er zuckte zusammen. Rasch floh er in den dichten Wald zurück und legte sich unter die Sträucher auf das weiche Moos. Von hier aus gewahrte er, daß auf der Landstraße Soldaten sich näherten, doch konnte er in dem Halbdunkel nicht erkennen, ob es Russen oder Deutsche waren. Ein trauriger Gedanke blitzte in ihm auf. „Diese Soldaten haben vielleicht den Auftrag, meinen Pflegevater bei Radom zu verhaften; doch zum Glück dürfte er jetzt schon irgendwo bei Jedlinsk sein," beruhigte er sich selbst.... „Doch wie wird es fein, wenn er zu Hause geblieben wäre, um mich zu suchen?" fragte er sich gleich darauf. „Gewiß wird Branicky daraus gedrungen haben, daß man sich beeile und ihm die Versicherung gegeben haben, daß es am besten sei, wenn ich zu Hause bliebe, da man mir nichts zuleide tun werde, zumal ich doch nicht sein eigener Sohn sei."