Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 69 (sequence 9)
- Language
- German
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«9 Lebensjahr in die Sexta des Konitzer Gymnasiums eintrat, hatte er sich zwar ein beträchtliches jüdisches Wissen angeeignet, vor allem dank der besonderen Unterweisung seines Vaters, eines im jüdischen Schrifttum wohlbewanderten Mannes, seine allgemeinen Kenntnisse aber waren verzweifelt gering, er konnte nur dürftig Deutsch lesen und schreiben. Wie rasch aber hat er diese Mängel der Vorbildung, die sich noch durch häufige Krankheiten und mehrfachen Wechsel der Bildungsanstalten infolge der ungünstigen Verhältnisse des Elternhauses vergrößerten, überwunden! Er stand bereits im achtzehnten Lebensjahr, als er Ostern 1846 in die Obertertia des Elisabeth-Gymnasiums zur Breslau ausgenommen wurde, und war gerade damals kaum von schwerer Krankheit genesen; aber war er auch in seinen Kenntnissen hinter den gleichaltrigen Genossen zurückgeblieben, seine geistige Reife hob ihn weit über sie hinweg. Insbesondere erfüllte ihn schon früh ein tiefer, sittlicher Ernst, der ihn zu immer nachhaltigerer Entwicklung seiner geistigen. Kräfte anspornte. Nach dem Wunsche seiner Eltern sollte er sich für das Studium der Theologie vorbereiten: seine eigene Neigung war aber dem Beruf des Gymnasiallehrerszugewandt, weil, wie er glaubte, dieser Beruf die beste Gelegenheit zur steten Weiterbildung des Wissens und zum Verkehr mit einem Kreise gleichgesinnter Männer bot — doch fügte er sich willig in kindlichem Gehorsam, der aus wahrhafter Verehrung für den ideal gerichteten Vater und die in unermüdlichem Eifer ihren Kindern lebende Mutter entsprang. Die Schilderung, die er in der erwähnten Auszeichnung von seinen Eltern entwirft, ist zugleich ein Ruhmeszeugnis dankbar pietätvoller Gesinnung, die einen wesentlichen Charakterzug Baevwalds bildet. Sein reger Eifer ließ ihn nicht nur die vorges chriebeuenAufgaben derSchule erledigen, deren Stufen er in so rascher Folge durcheilte, daß er bereits nach drei Jahren die Reifeprüfung ablegen konnte; in der freien Zeit, die ihm übrigblieb, bildete er sich zur Vorbereitung für das geplante Studium an den Vorträgen Abraham Geigers über jüdische Geschichte und Literatur und vertiefte sich in die Geisteswerke der deutschen Klassiker, namentlich Schillers, dessen glühender Verehrer er wurde — gelangten doch die Freiheitsgedanken des deutschen Dichters damals, in den Bewegungen des Jahres 1848, zu ureigenem Ausdruck: „Wie hätten sie", so ruft er aus, „mich nicht aufs tiefste ergreifen sollen! Ich hörte an allen Ecken die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit aussprechen; was mein Lieblingsdichter so oft als die größte Glückseligkeit der Menschheit pries, das sollte sich jetzt verwirklichen; ich, der ich es so oft schon schmerzlich empfunden hatte, daß ich wegen des Zufalls, daß ich von jüdischen Eltern geboren bin, in sehr vielen Dingen von der Gesamtheit ausgeschlossen sein und des Vaterlandes entbehren sollte — ich sah mir auf einmal von der ganzen Menschheit die Direktor Dr. . Baerwald gest. y. Februar zyo7. Hand gereicht, ich sah mich als einen Sohn des Vaterlandes anerkannt! Ich tue nicht zu viel, wenn ich meine damaligen Gefühle mit denen eines schuldlos Verbannten vergleiche, dem plötzlich wider Erwarten das Vaterland, das er innig liebte, und die Seinen wiedergegeben werden. Mit der ganzen Glut meines Herzens schloß ich mich dem Vaterlande an, dessen Diensten ich mich jetzt ganz widmen durfte. Als der erste Rausch vorüber war und mit der Zeit eine ruhige Ueberlegung der Dinge eintrat, sah ich die Notwendigkeit ein, mir durch die Geschichte den bisherigen Gang der Dinge zu vergegenwärtigen, und je mehr ich mich mit derselben beschäftigte, desto mehr sah ich, wie sehr sie zur allgemeinen Bildung notwendig ist, und ich gewann ihr bald ein solches Interesse ab, daß ich mich entschloß, sie künftig zu meinem besonderen Studium zu machen." Diesen Entschluß führte er nach eingeholter Zustimmung der Eltern auch aus; neben der inneren Neigung bot das Geschichtsstudium ihm zugleich die beste Gelegenheit zur Erfüllung seines Kindheitstraumes, seine Kenntnisse später zum Wohle der Jugend zu verwerten; der Beruf des Gymnasiallehrers schwebte ihm jetzt geradezu als sittliche Pflicht vor, der er sich nicht entziehen dürfe. „In den Zeiten nämlich," so äußert er sich an: Schluß der für einen einundzwanzigjährigen Jüngling erstaunlich reifen Darstellung, „in denen wie in den unsrigen der Materialismus an allen Enden hervorbricht und jeden höheren Aufschwung des Menschen zn lähmen, jede sittliche Grundlage der Gesellschaft zu vernichten droht, ist es die Pflicht eines jeden, der von dem Glauben an die höhere Würde des Menschen durchdrungen ist, sich dem Unterricht der Jugend zu widmen und den Blick, erhellt durch das Studium der Geschichte der Vergangenheit und so vertraut mit den wahren Erfordernissen der Zeit, auf eine bessere Zukunft vorznbereiten. Möge es mir in dem Streben nach einem solchen Ziele nie an Kraft und Ausdauer, vor allem aber nie an dem rechten und gesunden Sinn fehlen!" Mit vollem Eifer widmete er sich von Beginn der Universitätszeit an seinen Studien. Das studentische Leben hatte für ihn wenig Reiz; schon nach kurzer Frist finden wir ihn mit Aufgaben beschäftigt, die sein Lehrer Gust. Ad. Stenzel ihm auftrug; bald wird er ordentliches Mitglied des unter Leitung Stenzels stehenden Historischen Seminars; daneben tritt er auch in wissenschaftliche Beziehungen zu den übrigen Lehrern der Geschichte an der Breslauer Universität. Welche Wertschätzung er sich durch seinen Eifer und seine Leistungen errang, erhellt am deutlichsten aus dem Urteil, das einer seiner Breslauer Lehrer, der Geschichtsschreiber der ältesten polnischen Zeit, Richard Roepell, später bei einer Bewerbung Baerwalds um eine Stelle an der Wiener Handelsakademie abgab: Mit besonderer Betonung hob er hierbei, die sittliche Tüchtigkeit