Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
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68 in zwei Teile, in o r g a n i s a t o r i s ch e uufc erzieherische Maßnahmen. In organisatorischer Beziehung müssen -alle Leitenden und prinzipiellen Fragen nach zentralistischem Gesichtspunkte,, alle Verwaltungs- und Propagandafragen nach dem Prinzip der Dezentralisierung behandelt werden. Der Schwerpunkt der Propaganda muß in die Ortsgruppen gelegt werden, deren Arbeit heute vielfach zu wünschen übrig Läßt. Die Landesverbände sind die geeigneten Zwischeninstanzen für die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen Leitung und Einzelgruppe. Die Anstrebung und Vorbereitung einer Cesamtorganisatioil der deutschen Iudenheit und die Erweckung des politischen Sinnes der deutschen Juden sind bedeutsame Ausgaben für die nächste Zeit. Die w i ch t i g st e n A u f g a b> e n aber liegen in den E r z i e h u n g s s r n g e n. Hier nuifj Wandel geschaffen werden. Es gilt die Weltanschauung des ZentraLvereins zu vertiefen, seine Ideale auch nach außen hin zu vertreten und zur Geltung zu bringen, damit die führende allgemeine Presse, iu der heute nur das Nationaljudentum zu Worte kommt, unsere Ideale kennen und werten lernt. Die E r - z i e h u n g s a r b e i t muß in der Jugend einsetzen. Wir müssen danach streben, daß alle jüdischen Jugend-Vereine in Deutschland auf deutschjüdischem Standpunkt stehen. Auch den akademischen Organisationen, in denen unsere künftigen Führer heranwachsen, muß ein größeres Interesse zugewandt werden; als geeignetste Mittel, alle aus deutschjüdischem Boden stehende Studierende zu umfassen, sind akademische Ortsgruppen anzusehen. Der Pessimismus, der heute in manchenjüdischen Kreisen den Optimisrnus von 1914 abgelöst hat, ist sehr gefährlich, weil er auf der eiuen Seite der Auflösung und auf der anderen denjenigen Mächten Vorschub leistet, welche fordern, daß wir den Traum von der Erlangung unserer Rechte auf deutschen Boden aufgeben. "Auf den Schultern der Leitung des Centralver-eins ruht darum eine ungeheure Verantwortung: er soll über den Parteien stehen, aber jeder jüdischen Arbeit die Grundlage geben. (Beifall.) Als Korreferent ergänzt Herr ^Geh. Iustizrat Fuchs diese Ausführungen. Der Eentralverein wird auch weiterhin seiner Ausgabe, die Juden zu sammeln und in der Treue zu ihrer Glaubensgememschast und zum Vaterlande zu bestärken, treu bleiben. Im Kriege mußte die positive Kampstätigkeit des Eentralvereins zurücktreten, weil die Zensur die Angriffe hemmte. Als zweite Erscheinung zeigte der Krieg, daß der Antisemitismus itt den unteren und mittleren Volksschichten zuninnnt, während die Regierung vorurteilsfreier geworden ist. Nach dem Kriege ist neben der Kampstätigkeit vor alleln die wissenschaftliche Begründung unserer Weltanschauung zu vertiefen. Wir müssen. der Idee entgegentreteu, daß das Iudentuur eine Nation ist; wir sind eine Gemeinschaft, deren Werte nicht tui Nationalen, sondern tu den Worten der Propheten ruhen! Die Nationalität bringt mau in das Judentum mit durch den Boden, auf dem man geboren ist. (Lauter Beifall.) In der Nachmittagssttzung erstattete der stelloertretende Syrtditus, Rechtsanwalt Dr. Böhm, den Geschäftsbericht.- Die Bereinstätigkeit war durch den Krieg stark beeinflußt, doch tonnte eine Arbeitsminderung nur tut Anfang des Krieges konstatiert lverden. Die Zahl der Mitglieder hat sich int ganzen vermindert, in denjenigen Ortsgruppen, in denen gearbeitet wurde, dagegen vermehrt. Tie Finanzlage gibt zu Bedeuten keinen Anlaß. Die Tätigkeit erstreckt sich zurzeit hauptsächlich auch auf die Beobachtung der gegtterischeu Presse, die sich nur wenig Zwang auferlegt, und auf die Bekämpfung der Auswüchse in Varietes und Kinos. Tie Zeitschrift soll nach dem Kriege vierzehntägig, statt monatlich erscheinen; sie soll ausgestaltot und möglichst über den Mitgliederkreis hinaus verbreitet werden. Das Verhältnis zu den Zionisten, die ihre Pflicht gegen das Vaterland voll und ganz erfüllt haben, ist einfriedlicheres geworden, so daß die Hoffnung besteht, daß der Kamps im Judentum in Zukunft ohne Schärfe mit rein geistigen Waffen geführt werden wird. In der Diskussion teilte Herr Manes (Düsseldorf) Erfahrungen der dortigen Ortsgruppe in der Bekänrpfung des Antisemitismus in den Kinos mit. Iustizrat H o r w i tz erklärt, daß die Frage der Filmzensur die Vereinsleitung lebhaft beschäftigt, daß alle diesbezüglichen Anträge von dem Berliner Polizeipräsidium mit der Motivierung abgelehnt werden, daß die betreffenden Schauspieler und Direktoren, ebenso wie die Theaterbesucher hauptsächlich Juden sind. (Lebhafte Pfuirufe.) Hier kann also mtr Selbsthilfe, Selbsterziehung helfen. (Sehr richtig!) Das letzte Referat über die Hauptstelle für Berufsberatung hält Rechtsanwalt Dr. Baum. Die Hauptstelle ist dem Centralverein angegliedert worden, doch ist weder die Zugehörigkeit zum Eentralverein Doch die Anerkennung seines Programms zur Mitarbeit in derselben erforderlich. Die BerusSberatungsstelle wird sowohl dem einzelnen als dem ganzen Judentum zugute kommen. Im Interesse der Lebensfähigkeit des Judentums ist die Herbeiführung einer gerechteren Verteilung der Juden auf Stadt und Land unbedingt erforderlich. Die Bekämpfung der Abnahme des jüdischen Mittelstandes und die dadurch bedingte Zunahme der Ehelosigkeit liegt nicht nur im jüdischen, sondern auch im allgemeinen vaterländischen Interesse. Viele der heimkehrenden Krieger werden ihre Stellungen besetzt finden, andere werden durch die Aenderung des Wirtschaftsmarktes zu einem Berufswechsel gezwungen sein. Hier soll die Beratungsstelle helfend eingreifen, ohne die interkonfessionellen Einrichtungen für die Kriegsteilnehmer auszuschalten. Sie soll vor allem eine Berufstrmschichtung herbeiführen helfen, welche die Juden stärker der Landwirtschaft und dem Gartenbau zuführen soll. Die Haupttätigkeit der Beratungsstelle wird schon bei der schulentlassenen Jugend einsetzen. Hier Litt es, vom Eintritt in überfüllte Berufe, besonders von verschiedenen akademischen Berufen, abzuraten. Neben der Berufsberatung soll die Vermittlung von Lehrstellen erfolgen. Der Zuführung zur Landwirtschaft soll ein Hauptaugenmerk zugewendek werden. — Das beifällig aufgenommene Referat wird in der Diskussion durch die Anregungen verschiedener Redner ergänzt. Bei dem nun vorgenommenen Wahlakt werden die ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder sämtlich wieder gewählt, ebenso die bisherigen Revisoren, die Herren Rosenbaum und Cassel. In seinem Schlußwort verbindet Justizrat H o r w i tz mit dem Danke, den er den Beamten des Vereins, besonders dessen verdienstvollem Syndikus Dr. Holländer, der sich zurzeit im Felde befindet, ausspricht, die beifällig aufgenommene Mitteilung, daß ein Mitglied des Vorstandes, welches ungenannt zu bleiben wünscht, ein Kapital von 3000 Mark zum Wohte der Beamten gestiftet hat. Er stellt fest, daß diese Tagung die einmütige Gesinnung, die heute im deutschen Judentume herrscht, bewiesen hat. Mit dem Gelöbnis der Treue zum Judenturn verbinden wir das Gelöbnis, bis zum letzten Atemzuge unsere P s l i ch t zu tun in dem Riesenkampfe, der unserem Vaterlande aufgezwungen wurde, in dein wir itns bewähren wollen als treue deutsche Staatsbürger jüdischen Glauben s. (Lang anhaltender Beifall.) Mit einem von den Delegierten ausgebrachten Hoch auf Iustizrat H v r w i tz wurde die Tagung geschlossen. E. M. Direktor Sr. Hermann Lserwaw. Zum 1t). Todestage. Von Direktor Dr. S. Adler (Frankfurt a. M.). in Jahrzehnt ist seit dem Heimgang Hermann Baerwalds dahingegangen, aber in voller Lebendigkeit steht seine Persönlichkeit all denen vor Augen, die das hohe Glück hatten, dem engeren Kreise des seltenen Mannes anzugehören; eine Schilderung seines Wesens und Wirkens zu diesem Erinnerungstage dürste auch weiteren Kreisen manche Anregung gerade in der Gegenwart gewähren. Schon das Aeußere Baerwalds mußte bei jedem, der niit ihm zusammentraf, den Eindruck erwecken, einem bedeutenden Manne gegenüberzustehen; die Würde in Gestalt und Haltung, die er sich bis zuletzt wahrte, der scharf geprägte Kopf, der bei allem Ernst voll Wohlwollen strahlende Blick, die gewählte und gemessene Redeweise, die sich nur selten zu gesteigerter Lebendigkeit erhob, dann aber bestimmt und mitunter scharf den Lippen entströmte, verschafften feiner Person sogleich überall Beachtung und seiner Meinung die gebührende Wertung. Das Geschick hatte ihm den Aufstieg nicht leicht gemacht; aus kleinen Verhältnissen hat er sich mühsam emporringen müssen, und die stete Rücksichtnahme auf die Existenzmöglichkeit hat sogar seinen Lebensweg wesentlich beinflußt! Als ältester Sohn einer zahlreichen Familie wuchs er in Rakel auf; in der Aufzeichnung, die er kurz vor seiner Reifeprüfung niederschrieb, hat er anschaulich die geistige Enge geschildert, die damals in dem kleinen posenschen Städtchen geherrscht hat. Als er aus der jüdischen Elementarschule im dreizehnten