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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-09 · Heft 6 (9.2.1917) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
Seite 66 (sequence 6)
Language
German
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66 hundertelang der Jude von allen Berufen ausgeschlossen war, in denen sich höhere Seelen sä higkei te n hätten entfalten können. „Die Bewahrung und Vermehrung des Geldes durch Ausbeutung fremder Bedürfnisse war nicht nur die einzige Sicherung in einem Meere von Feindschaft und Verfolgung, sondern auch der einzige Zweck und Inhalt seines äußeren Lebens. Für viele große Begabungen, die außerhalb des Ghettos sich ihrer innersten Anlage gemäß hätten entfalten können gab es hier nichts zu tun, als ihre starken und vielseitigen Kräfte aus die Ansammlung des schmutzigen Metalls zu. richten." Solche geschichtlichen Erinnerungen lassen uns gewiß viele Charakterfehler des modernen Judentums milder beurteilen und geben Förster recht, wenn er schreibt: „Wo immer wir abstoßende Juden antrefsen, da müssen wir an all die schweren Untaten denken, die von christlichen Völkern an den Juden begangen worden sind — das wird uns nachsichtig machen und uns antreiben, jüdischen Fehlern bei aller Offenheit doch nie mit Roheit und harter Mißachtung, sondern stets mit Gerechtigkeit und sozialer Feinheit zu begegnen." Wir dürfen aber auch als Christen und besonders als katholische Christen nicht vergessen, was wir in religiöser Hinsicht der jüdischen Ueberlieferung zu verdanken und mit dem gläubigen Judentume heute noch gemeinsam haben. Treffend bemerkt Förster, daß dem Judentume eine besondere Fähigkeit eigen ist, Ueberzeugungen und Ideale des Glaubens in der irdischen Welt mit all ihren Widerständen kraftvoll zur Geltung zu bringen, „Metaphysik und Geschichte, Denken und Vollbringen" zu vereinigen, eine Gottesherrschaft auf Erden zu begründen. „In seinen großen Zeiten war der jüdische Genius der evhabendste Träger prophetischer Einsicht in die unsichtbaren Fundamente des Lebens, und zugleich war er kiel bewegt von dem Verlangen, diese Fundamente im wirklichen Leben zur Geltung zu bringen und die Gotteswahrheit aus der Welt des Reingeistigen in das Diesseits hi nein zu tragen." In dieser innigen Durchdringung von Jenseitigem und Diesseitigen:, wie sie dem Semitismns eigen sei, liege gewiß „die Gefahr, das Uebersinnliche allzusehr in das Geschichtlich-Menschliche herabzuzerren"; es liege darin aber zugleich eine Sicherung gegen das unvermittelte ^cebeneinandergehen vor: „weltfremdem Idealismus" und „ganz gottloser Vergötterung realer Machtinteressen", wie es sich in den arischen Kulturen, auch in unserer, nur zu oft finde. Hier liege denn auch der bedeutsä niste Berührungspunkt von Judentum itnb echtem Christentum: „Das gottmenschliche Ideal ist die Fortsetzung des hebräischen der Gottesherrschast: es geht barcntf aus, das Göttliche, Uebersinnliche, ins wirkliche Leben hineinzutragen, die ,88pientiu' (Wahrheit) mit der /virtus' (Kraft) zu verbinden." Wir wollen hier nicht näher auf dieses Verhältnis von katholischem und jüdischem Glaubensbewnßtsein eingehen. Es wäre natürlich auch auf sehr wesenhaste Unterschiede hinzuweifen, da wir durch Jesus Christus über das alttestamentliche Judentum doch hinausgekommen sind. Es sollte aber hier nur kurz angedeutet werden, daß und warum gerade wir katholische Christen mit dem gläubigen Judentum heute noch eine innere Verwandtschaft besitzen. Wir haben darum besonderen Grund, uns vor jedem Absprechen über das Judentlun an sich zu hüten und dein gläubigen Judentum mit aller Achtung zu begegnen. Dabei brauchen und dürfen wir natürlich gegen die Gefahr nicht -lind sein, die das moderne entwurzelte und ungläubige Judentum für unser nationales und religiöses Leben bedeutet. Tatsächlich finden religiöser Unglaube, wirtschaftliche Selbstsucht und politischer Radikalismus in diesem Judentum eine ihrer stärksten Stützen. Daß wir uns gegen diesen jüdischen Einfluß auf das geistige und gesellschaftliche Leben unseres Volkes wehren, ist unser gutes Bürgerrecht, ist unsere heilige Christenpflicht. Es erhebt sich nur die Frage, — und das ist die eigentliche „Judenfrage'' tm Sinne Försters: „Wie kann man sich des zersetzenden und materialistischen Judentums erwehren, ohne das edle Judentum zurückzustoßen und zu verletzen? Wie kann man das abseits von allen Uebertieferungen stehende entwurzelte und ehrsurchtslose Judentum in unsere Ueberlieferung und Gemeinschaft wirklich aufnehmen, ohne zugleich mit seinen eigenartigen und stark wirkenden Schädlichkeiten in Beziehung zu treten?" Zur Lösung dieser Frage bemerkt Förster: „Mit dem schlechten und entarteten Judentum werden wir nur dann fertig werden, wenn wir uns mit dem edlen und innerlich befreiten Judentum verbünden. Damit die edleren Juden aber gegen alle jene Erbschaften des Ghettos wirklich mobil gemacht werden, müssen wir alles tun, diese edlem Elemente nicht durch verallgemeinerten Antisemitismus in Kameradie mit den schlechten Elementen hineinzutreiben." Dieser Forderung können wir nur beistimmen. Von diesem Gesichtspunkt aus möchten auch wir uns für völlige rechtliche und praktische Gleichstellung der Juden mit den anderen Staatsbürgern aussprechen. In der Tat hat ja die Ausschließung der Juden von bestimmten Berufen den Einfluß des Judentums auf unser Volksleben nicht gehindert, wohl aber dazu beigetragen, daß dieser Einfluß sich vorwiegend in unerfreulicher Richtung bewegte. Man gebe dem Juden Gelegenheit, in verantwortlicher Weise zum Wohle des ganzen Volkes mitzuwirken, dessen Glied er ist und sein will; dann werden auch die edleren Eigenschaften seiner Art mehr zur Geltung kommen. Daraus aber, daß dies tatsächlich geschieht, daß die Amts- Verwaltung den Juden besser, und nicht der Jude die Amtsverwaltung schlechter mache, darauf haben wir Christen selbst den größten Einfluß — durch unser Beispiel. Machen wir nur Ernst mit unserem Christentum, auch im wirtschaftlichen und öffentlichen Leven. Dann sind wir gegen alle Gefahren gefeit, die unserem Volkskörper aus einer Ausnahme des jüdischen Elementes drohen könnten; dann kann umgekehrt au unserer Art das Judentum wieder gesunden. Nur gegen wenige Ausführungen des vorstehenden Artikels haben wir uns zu erklären. Was „Selbstkultus des entwurzelten Juden" heißen soll, verstehe ich nicht recht. Soweit ich es begreife, muß ich nur sagen, daß auch unsere christliche Jugend es an Selbstkultus wahrlich nicht fehlen läßt. Was ferner den „alles durchdringenden Erwerbsgeist" der Juden angeht, so möge man doch nicht vergessen, auf den idealen Geist hinzusehen, der bei so unendlich vielen jüdischen Mänern und Frauen hervortritt, die in der Arbeit für Wohltätigkeits- und Wohlsahrtsvereine, keineswegs bloß in konfessionell-jüdischen, sondern in allgemeinen, eine ihr ganzes Leben ausfüllende Tätigkeit suchen und finden, nicht etwa in solchen Vereinen, die unter hoher Protektion stehen und infolgedessen den Tätigen eine gewisse Beachtung sichern oder eine Auszeichnung möglich machen, sondern in solchen, in denen in der Stille eine für das Allgemeine bestimmte Wirksamkeit gefordert und geübt wird. Nicht gefallen will mir ferner der Passus über das „gläubige Judentum". Versteht der Verfasser darunter diejenigen Juden, die von der Wahrheit ihrer Religion überzeugt sind, so können wir diese Bemerkung gelten lassen, ich fürchte aber, der Verfasser des Artikels und Herr Förster liebäugeln hier allein mit der Orthodoxie. Wir unsererseits müssen bekennen, daß es ein zersetzendes und zermalmendes Judentum im Gegensatz zu einem edlen Judentum nicht gibt. Vielmehr gibt es nur e i n Judentum, d. h. die Zugehörigkeit zu dem Glauben der Väter. Es mag einzelne geben, die gewisse unangenehme ja abstoßende Eigenschaften an sich haben, das Judentum als ideale Weltreligion hat mit Zersetzung und Zermalmung nichts zu tun. Gebt nur, wie der Verfasser am Schluß seines Artikels ausspricht, den Juden als solchen völlige rechtliche und Praktische Gleichstellung; haltet auch das Christentum wert und übt es mit heiliger Bekenntnistreue aus, dann wird die Folge die gegenseitige Achtung für den Glauben anderer und die heilsame gemeinschaftliche Arbeit für das Wohl des Vaterlandes sein. Die Zeit ist so ernst und so schwer, die Forderung nach Einigkeit eine so drängende, daß jede Spaltung vermieden werden muß. Es ist nicht nur unklug, sondern im höchsten Grade ungerecht, gerade jetzt, wo ein Zufammenschließen notwendig ist, auf Spaltungen hinzuweisen. Wir dürfen nicht die Fehler Andersgläubiger zu erspähen suchen, sondern müssen einzig und allein bestrebt sein, das einigende Band zu finden und zu befestigen, das uns befähigt, in dom schweren Kampfe, der uns obliegt, in friedlicher und erhebender Gemeinsamkeit dem Feinde entgegenzutreten. Diese Mahnung gilt für die Juden ebensowohl

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