Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229292--72875-3285324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
65 sozial-wirtschaftlichen Tatsache, daß die jüdische Bevölkerung durch die Besetzung der handelsrnäßig arbeitenden Stellen sich wirtschaftlich und finanziell so stärkt, daß die Absendung der Sprößlinge auf die höheren Schulen Lediglich eine Geldfrage ist, keineswegs eine solche der Begabung. Kann und soll man die jüdische Bevölkerung nicht hindern, die Kinder aus gute Schulen Zu schicken, so wird aber eine vernünftig denkende Regierung sie sehr wohl daran hindern, daß aus dieser geldlichen Leistungsfähigkeit die Vorherrschaft der jüdischen Schicht in den wichtigsten Staatsgebieten entsteht. Denn der Staat ist kein Mechanismus, sondern ein Organismus, und es wäre ein geradezu blöder Rückfall ins „Gehen- und Geschehenlassen", ins Manchestertum, wenn man bedenkliche soziale Erscheinungen einfach zuließe, weil diese aus an sich verfassungsmäßig berechtigten Grundsätzen hervorgehen . . . Tatsache ist — jeder vernünftige Jude muß das zugeben —, daß ein Volk die Vorherrschaft einer nach Rasse und Religion sich abgesondert haltenden, immer nur aus sich selbst sich ergänzenden Schicht niemals erträgt. Wollte man aus hohlem Doktrinarismus heraus eine solche Entwicklung doch zulassen, so wäre die Revolution unvermeidlich. Deshalb darf der Staat im Interesse des Volkes, seiner Entwicklung und nicht zum wenigsten im Interesse der Juden selbst, das wahllose Zuströmen jüdischer Aspiranten in die geistig und gesellschaftlich führenden Stellen unter keinen Umständen dulden. Verhalten sich die Tatsachen wirklich so, wie das Blatt sie angibt, so sind jedenfalls seine Folgerungen verfehlt, denn man muß gegen dessen Ausführungen die Gegenfrage erheben: was sollen die begabten jüdischen Jünglinge ansangen? Sie haben die größte Mühe, an höheren Lehranstalten, Gymnasien, Universitäten anzukommen. Der Offiziersberuf im aktiven Heere ist ihnen verschlossen; die eigentliche Beamtenkarriere können sie kaum einschlagen, da sie, selbst wenn sie angenommen werden, wenig Aussicht haben, vorwärts zu kommen; große industrielle Unternehmungen wie einzelne Farbfabriken und gewisse Elektrizitätsgesellschaften schließen die Juden grundsätzlich aus; dus einzige Studium, die einzige höhere Beschäftigung, die ihnen offenstehen, bleibt das Juristische und der Justizdienst, im wesentlichen die Advokatur (wenn man vom.medizinischen Studium absieht, von dem das genannte Blatt nicht spricht). Gebt Raum dem Talente, gewährt den Juden die Möglichkeit zum Ergreifen der Lehrer-, Beamten- und Osfizierskarriere, schließt sie nicht aus von großen industriellen Betrieben, dann wird ihr Ueberströmen zur Justiz vollkommen vernichtet werden. Selbst aber, wenn Juden wirklich den größten Teil der Advokaten bilden, wenn sie auch, wie dies in Bayern der Fall ist, höhere Richterstellen, selbst angesehene Aemter in der Staatsanwaltschaft bekleiden, wo ist da, so fragen wir unsererseits, das Uebel? Hat man bei Harburger und anderen trefflichen Männern, die auf den höheren Posten der bayerischen Justiz standen und stehen, jemals einen Fehl bemerkt? Sind sie nicht vielmehr Zierden ihres Standes und außerdem treffliche Vertreter ihrer Wissenschaft gewesen und sind es noch? Man lasse doch das schöne Wort „Freie Bahn den Tüchtigen" nicht ein bloßes Wort bleiben, man nehme Juden aus, wo sie sich melden und wo sie durch ihre Begabung sich einen Platz erobern können. Und das öffentliche Wohl wird dadurch nicht nur keinen Schaden leiden, sondern wird in jeder Weise gefördert werden. * Endlich geben wir hier größere Stücke eines Aufsatzes von K. Neuendörfser zur Judenfrage aus der „Allgemeinen Rundschau" wieder. Nur einzelne Stellen des Artikels, die speziell über die Katholiken handeln, sind hier ausgelassen. Der Artikel, der auf bemerkenswerte Auslassungen von Friedrich Wilhelm Förster eingeht, hat folgenden Wortlaut: Im Reichstag fiel letzthin das Wort, daß eine antisemitische Welle durch das Volk gehe. Eine Erörterung über die Konfession der bei den Kriegsgesellschaften angestellten Personen bot Anlaß zu dieser Feststellung. Es ist wahr, daß Mißstimmung und Abwehrneigung gegen das Judentum um sich greisen — auch in solchen Kreisen, die sonst von Antisemitismus nicht viel wissen wollten. Die Ursachen dieser Erscheinung sind mannigfache. Die Hochspannung des Nationalgefühls infolge des Krieges wirkt auf eine Verstärkung des Rasseempfindens zurück, und die Juden sind nun einmal eine andere Rasse als wir. Die Anforderungen des Krieges an unser Wirtschaftsleben bieten Gelegenheit zu hohen Gewinnen, und man hat den Eindruck, als ob die Juden einen unverhältnismäßig großen Teil der Kriegsgewinne sich zu sichern verstünden. Die gewaltigen Opfer, welche der Krieg dem ganzen Volke auserlegt, machen empfindlich gegen jede Selbstsucht, die solchen Opfern sich entziehen möchte, und man will bemerken, daß die Juden mehr als andere Volksgenossen „sichere" Posten sich zu verschaffen wissen. Wir berichten hier nur über tatsächlich vorhandene Stimmungen und Meinungen, ohne damit über deren Berechtigung ein Urteil fällen zu wollen. Aber wie dieses Urteil auch ausfallen mag: es ist kein Zweifel, daß die Stellung der Juden in unserem Volkskörper zu einer Frage geworden ist, die uns heute mehr bewegt als früher. Dafür zeugen schon die zahlreichen Aussätze und Broschüren, die von entgegengesetzten Seiten her diese Frage gegenwärtig erörtern. Unter diesen Veröffentlichungen verdienen die „Betrachtungen zur Judenfrage" besondere Beachtung, welche der bekannte Münchener Universitätsprofessor Friedrich Wilhelm Förster jüngst in der „Freideutschen Jugend'^) hat erscheinen lassen. Förster spricht sich freimütig darüber aus, was er als abstoßend an so manchem Vertreter des modernen Judentums empfindet und wenigstens als Mitursache der antisemitischen Bewegung bezeichnen möchte. Er schreibt: „Der hervorragendste von diesen Fehlern ist der oft ganz maßlose und das ganze Judentum in Anspruch nehmende Selbstkultus des entwurzelten Juden, eine besondere Intensität und Umsicht der Selbstreklame, ein Betrieb des Sicheindrängens und Sichwichtigmachens, eine offene und versteckte Kunst der Inszeni.erung eigener Verdienste, Gaben und Beziehungen." Daneben erscheint ihm für das heutige Judentum bezeichnend „der alles durchdringende Erwerbsgeist, die Intensität' der egoistischen Berechnung, der bei so vielen Juden alle menschlichen Beziehungen dnrchdringt, es ihnen gar nicht möglich macht, sich selbstlos an den Mitmenschen zu verlieren, wie der gutmütige Deutsche, der expansive Slawe, der impulsive Romane". Daß diese sittlich minderwertigen und sozial zersetzenden Triebe im modernen Judentum so sehr überwuchern konnten, führt Förster in erster L.inie darauf zurück, daß dieses moderne Judentum zumeist den sittlichen Zügel des Gottesglaubens abgeworfen hat, den das Judentum bei seiner ganzen Naturanlage am allerwenigsten entbehren könne. „Gerade weil der Jude so große Kraft des Willens, der Phantasie, des Verstandes hat, so wirkt es bei ihm doppelt grotesk und abstoßend, wenn all die Kräfte, die sich sonst auf Gott richten, nun auf das eigene Ich gesammelt werden." Doch betont Förster, daß der Jude nicht allein an seinem gegenwärtigen Tiefstand schuld ist, daß vielmehr „gerade die christlichen Völker schwere Mitschuld tragen". Bei der Geringschätzung, Mißhandlung und Ausplünderung, welche das Judentum in früheren Jahrhunderten so oft zu erdulden hatte, „ist es gewiß kein Wunder, daß es nun im neunzehnten Jahrhundert wie ein Rausch über die Juden kam, als sie aus dem Ghetto und all seinen Erinnerungen heraustraten und mittels all der Gaben, die sie dort in der Schule des Talmud und des Gelderwerbes erworben hatten, nun in der Mathematik des Bankwesens' und des Handels, im modernen Schriftgelehrtentum die ersten Plätze errangen und zu gesellschaftlicher Macht und bürgerlicher Gleichberechtigung emporstiegen. Kein Wunder, wenn infolge einer merkwürdigen Mischung von berauschendem Machtgesühl und dem brennenden Verlangen, in die Kulturgesellschaft ausgenommen zu werden, sich jenes unsichere Selbstgefühl, jener Wechsel von Hochmut und Kriecherei entwickelte, der leider heute noch für einen großen Teil des emanzipierten Judentums charakteristisch ist." Die unedle Erwerbsgier so vieler Juden aber hat neben einer gewissen Rassenanlage sicher auch darin ihren Grund, daß jahry 1916: Nr. 10/11, S. 278—289. Diese ganze Doppelnummer ist der Judenfrage gewidmet.