Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
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64 daß keineswegs bie Behörden usw. Gelegenheit nehmen sollten, Juden aus ihren bisher inrregehabten Stellungen zu entfernen, da für solche Maßnahmen nur sachliche Gründe in Frage kommen dürfen. 2. Es ist wiederholt von den höchsten Behörden die Erklärung abgegeben worden, daß bei Anordnung der Statistik irgendwelche Voreingenormnenheit gegen die Juden das Kriegsministerium nicht geleitet hat, daß es im Gegenteil Beweise gegen die bei ihm eingelaufenen Anklagen gegen Juden gewinnen wollte. 3. Der Kriegsminister v. Stein hat mit Bestimmtheit erklärt, daß alle begründeten Beschwerden über Sonderbehandlung von Juden aufs eingehendste geprüft werden und daß gegebenenfalls Abhilfe geschaffen wird. 4. Fälle, in denen eine solche Sonderbehandlung auch nach dem Ergänzunaserlaß des jetzigen Kriegsministers stattgeftmden hat, von denen übrigens nur wenige bewiesen sind, haben dem Herrn Kriegsminister bereits Anlaß zu solcher Abhilfe gegeben. 5. Der Herr Kriegsminister hat an den stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandes, Geheimen Justizrat Cassel, welcher nach einer vom Verbände an den Herrn Kriegsminister gerichteten Eingabe von diesem zu einer Rücksprache empfangen worden war, ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Jedenfalls habe ich festgestellt, daß das Verhalten der jüdischen Soldaten und Mitbürger während des Krieges keine Veranlassung zu der Anordnung meiner Herren Vorgänger gegeben hat und damit nicht in Beziehung gebracht werden kann." * Leider liegt auch in dieser Woche wieder manche Nachricht vor, durch die das starke Anwachsen des A n t i s e m i t i s m u s in Deutschland bestätigt wird. Wir beginnen mit zwei Nachrichten, die, so trübselig sie auch sind, vorwiegend komisch wirken. Die eine ist der „Welt am Montag" entnommen und hat folgenden Wortlaut: Immer die Juden! Der antisemitische „Hammer" hat die Entdeckung gemacht, daß im englischen Kabinett mehrere Juden oder wenigstens Gatten von Jüdinnen sitzen. Seine Beweisführung ist allerdings originell. Ta heißt es z. B.: ,,Morrison hat sich ananscheinend (!) aus dem deutschen Moritzsohn entwickelt." Die Frau von Lord Curzon, eine Urgermanm namens Leiter, wird dadurch zur Jüdin umgestempelt, daß der Vorname Lewis ihres amerikanischen Vaters einfach in „Levh" mngewaudelt wird. In derselben Nummer des „Hammer" heißt es: Vom allgewaltigen Northcliffe, dem Manne, der durch seine 50 Zeitungen nicht nur die öffentliche Meinung in England, sondern die englische Regierung selbst regiert, haben wir des öfteren berichtet. Vgl. „Hammer" Nr. 312.) Jetzt scheint man endlich auch in seiner Adoptivheimat (seine Vorfahren sollen aus Frankfurt a. M. stammen und Stern geheißen haben) ihn richtig würdigen zu lernen. Wer ein bißchen in englischer Politik Bescheid weiß, der weiß, daß Lord Northcliffe ein echter Engländer ist und Harmsworth hieß, ehe er ins Oberhaus berufen wurde. Aber wie gewisse Leute überall weiße Mäuse, so sehen die Antisemiten überall Juden. Die andere entlehnen wir der „Nürnberger Zeitung". In ihr heißt es: Adolf Bartels und — der Weltsriede. Wie eine Berliner Korrespondenz mrteilt, hat Adolf Bartels ein neues Buch „Lessing und die Juden" vollendet. Es soll, wie der Deutschvölkische Verlag ankündigt, das Leben und Schaffen Lessings darlegen und vor allem die „Nathan-Legende" zerstören. Außerdem wird mitaeteilt, daß das Werk „voraussichtlich noch vor dem Friedensschluß" erscheint. Diese Nachricht wirkt, wie der „Berliner Börsencourier" schreibt, äußerst beruhigend. Zwar wäre es nicht gerade unsympathisch, wenn der Friede dem Erscheinen eines neuen Bartels zuvorkäme, aber wenn die Anhänger dieses Kulturhelden Glück haben, wird er sie noch rechtzeitig, bevor die Welt mit erfreulicherem Inhalt beschäftigt ist, mit seiner gründlich zerstörten Nathan-Legende ergötzen. Allem Anschein nach wollen auch unsere Feinde auf diesen Erscheinungstermin Rücksicht nehmen. Von größerem Gewicht sind die folgenden Nachrichten. Die „Wahrheit" läßt sich so aus: LandratundKommissronär. Es ist eine allgemein zutage tretende Tatsache, daß von fast allen Landräten als Kommissionäre für die Bereitstellung von Vieh, Getreide, Kartoffeln usw. jüdische Persönlichkeiten ausgewählt worden sind. Wohin man auch blickt, überall dasselbe Bild. Der „freie" Handel wurde ausgeschaltet, in dem diese Kreise schon vor dem Kriege dominierten, um an dessen Stelle Monopolrechte an jüdische Kommissionäre zu übertragen. 'Vermögen über Vermögen werden auf diese Weise einzelnen zugeschanzt. Wo mehrere Vermittler sich nähren konnten, haben es die Landräte, die in allen Fällen das Besetzungs- oder Vorschlagsrecht hatten, für gut befunden, einzelnen Persönlichkeiten, vorzugsweise Juden, den Verdienst zu sichern. Begründet wird solches Verhalten natürlich mit dem Hinweis, daß diese jüdischen Vermittler die beste Sachkenntnis für diese Handelszweige hätten, da sie darin schon vor dem Kriege eben tätig gewesen seien. Daß auch andere Personen gmau so gut als Kommissionäre für die Viehhandelsverbände, die Getreide- und die Kartoffelsicherstellung tätig sein können, unterliegt keinem Zweifel. Spricht man in konservativen Kreisen über diese oder jene Erscheinung auf wirtschaftlichem Gebiete, so begegnet man einmütig dem Unwillen über die Kriegsgewinne, die meistens durch jüdische Personen eingeheimst worden sind und noch werden; diese Auffassung wird übrigens auch liberalerseits geteilt. Die Landräte des Ostens gehören samt und sonders nicht nur der konservativen Partei an, sondern sind die leitenden Männer ihrer Kreise für diese Partei; gerade sie aber unterstützen die Interessen jüdischer Kommissionäre und verstärken damit die im Volke verbreitete Auffassung über die Kriegsverdienste jüdischer Personen. Die Strafkammer in Stargard i. Pom. verurteilte am 21. v. M. den jüdischen Kaufmann Gronemann aus Dramburg zu einem Jahr Gefängnis, 3000 Mark Geldstrafe und zwei Jahren Ehrverlust. G. war bei den Kartosfellieferungen, die im Frühjahr 1915 den Kreisen gegenüber dem Reiche oblagen, für den Kreis Dramburg als Kommissionär tätig gewesen. G. hat sich in dieser seiner Eigenschaft unerlaubte Gewinne zu machen verstanden (zirka 90 000 Mark) und hat das Reich in schamloser Weise geschädigt. Wenn Gronemann' seine Strafe verbüßt hat, verbleibt ihm von den 90 000 Mark nach Abzug der Strafe und der Prozeßkosten noch immerhin eine ganz erkleckliche Summe. Es wird Sache des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sein, der Angelegenheit näher nachzugehen. Wir haben einstweilen nur das Folgende zu bemerken.. Uns liegt es vollkommen fern, einen jüdischen Verbrecher aus dem Grunde, weil er Jude ist, zu entschuldigen; wir ehrlichen Leute kennen keine Gemeinsamkeit mit unehrlichen. Liegt in diesem Falle, wie anzunehmen ist, da das Gericht gesprochen hat, die Schuld eines Juden vor, so muß die Strafe den Schuldigen treffen. Aber es wird untersucht werden müssen, ob das Treiben des Genannten wirklich ein derartiges war, wie das antisemitische Blatt es darstellt. * Eine nähere Beleuchtung verdient em Artikel des österreichischen Antisemitenblattes „Die Reichspost" in Wien, der folgendermaßen lautet: Wie es ist und wie es noch werden kann. Bavrische Blätter brachten unterm 6. v. M. folgende Mitteilung: „Am juristischen Staatskonkurs nab men infolge des Krieges im ganzen nur 128 Kandidaten teil. Eine größere Anzahl ist während des Konkurses zurückgetreten. Unter der Gesamtzahl der angemeldeten Kandidaten befanden sich 50 Jude n. Bon Bayerns Bevölkerung sind 70,6 Pro» zent Katholiken, 28.2 Protestanten. 0.8 Prozent (insgesamt 55 065) Israeliten." Also 0.8 Prozent der Bevölkeruna von Bavern. aber über 39 Prozent unter den Teilnehmern am Staatskonkürs! Besorgt meint hierzu die „Südd. Con. Korresvondenz" Nr. 4: Hier haben wir das Schulbeispiel für künftige Entwicklung auf allen geistig und gesellschaftlich sübrenden Gebieten: ihre vollständige Beschlagnahme durch die jüdische Bevölkerung. Genau so wie auf dem juristischen Gebiet, würde sickss bei Gericht, bei der Verwaltung, beim Militär zeiaen, wollte man sich lediglich auf die mechanische Auffassung vom Wesen der Gleichberechtigung berufen. Man braucht ja nicht besonders darauf hinzuweisen, daß das massenhafte. Erscheinen jüdischer Abiturienten und Anwärter bei den „Staatskonkursen" nichts mit besonderer Begabung oder besonderem Fleiß zu tun hat; es ist dies lediglich eine Wirkung der an sich auch sehr beachtenswerten