Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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fiO Doch uu» raffte er sich auf und wurde dessen inne, daß er ja noch nicht dreizehn Jahre alt war und deshalb^ nach den Mitteilungen des alten Juden, auch für feine Taten nicht verantwortlich fei. Erft dann wurde er ein Sohn des Gesetzes. Und aufs neue hörte er die Worte seines Vaters: „Mit Gottes Hilfe im Jahre 5520 in der letzten Nacht des Laubhüttenfestes anläßlich der Feier der heiligen Thora wurde mein drittes Kind im Dunkel des Kerkers geboren . . „Am Laubhüttenfest," wiederholte Jeromos leise. Und er nahm sich vor, daß er zu dieser Zeit auch nicht mehr im Palast wohnen würde, sondern unter den das Laubhüttenfest Feiernden. VII. „Tn kannst es Dir wohl selbst denken, daß die Zarin, die züchtige Katharina, die bisher nur wenige von uns umarmt hat die Ausnahmen abgerechnet —, jetzt, wo sie mit Hilfe unserer Mitgift mit dem preußischen und österreichischen Genossen eine Ehe eingegangen, nicht sehr übertrieben zärtlich mit uns sein wird. Auch weißt Du, daß man unseren armen Bruder Lubjensky ins bessere Leben beförderte, daß man Podvskh nach Sibirien verbannte, damit man sein revolutionäres Feuer dämpfe, und daß der Hasenfuß Radziwill es für das klügste erachtete, zu verschwinden, bevor die Spürhunde kommen. Auch ich möchte ihnen nicht begegnen, und deshalb habe ich beschlossen, noch heute abend das Weite zu suchen; nur möchte ich gern, daß wir zusammen uns in dem henkerfreien Paris unterhalten könnten. Schließlich kannst Du ja auch nicht wissen, wann Deine Stunde schlägt, und in solchem Falle ist es besser, den Großen zu folgen, die mit gutem Beispiel uns vorangehen, teils nach Frankreich, teils nach der heidnischen Türkei. Die Bauernschaft ist gleichfalls jetzt nicht so friedfertig lvie früher, und man kann nie wissen, wann sie mit ihren Aexten auch edlere Bäume fällen wird . . . Besonders heutzutage, wo es ihnen klar ist, daß die fremden Soldaten lieber auf Tiger Jagd machen als auf Ratten. Mit einem Wort, ich rate Dir, Dich noch heute abend aus diesem unglückseligen Lande aus dem Staube zu machen, denn ich möchte mit den lustigen Franzosen fröhlich sein und nicht ineinen besten Freund betrauern. Geschrieben habe ich das in meiner großen Trauer im Jahre des Herrn 1772 am 20. September. Nikolaus v. Branicky. Nachschrift: Ich habe schon Pferde nach Jedlinsk vorausgeschickt; um neun Uhr werde ich bei Dir sein, halte Dich bis dahin bereit, daß wir zusammen fliehen." Schon viermal hatte der Graf Ponhatovsky den gegen Abend mit einem Kurier eingetrofsenen Brief gelesen, und nach jedem Mal ging er erregt einige Minuten auf und ab und dachte nach. „Branicky mag wohl recht haben. In der ganzen Umgegend patrouillieren Soldaten, und jeden Augenblick kann der Verhaftungsbefehl erfolgen, ebenso wie gegen Radziwill und Podosky, die ebenso unschuldig sind wie ich, und schließlich habe ich ja auch nicht immer geschwiegen. Ueberdies finde ich, daß in den Augen der Dienerschaft seit einiger Zeit ein böses Feuer lodert . . . Branicky hat nicht unrecht." Er ließ den Kutscher zu sich Hereinrusen und befahl ihm: „In einer Stunde erwarte mich vor der Tür, wir wollen über die Grenze fahren!" In diesem Augenblick trat Jeroinos ins Zimmer. Der Graf sah ihn bekümmert an. „Weißt du, mein Sohn, was es heißt, aus unserem eigenen Hause fliehen zu müssen?" Der Knabe blickte verdutzt auf. Er glaubte, daß alles entdeckt sei und daß sein Pflegevater darauf hinziele; aber dessen Worte beruhigten ihn alsbald. „In einer Stunde wird hier der Wagen halten, der uns in ein fremdes Land bringen soll, denn hier ist niemand mehr . seines Lebens sicher. Nur das Allernotwendigste und Wertvollste wollen wir mitnehmen. Wenn ich einst nicht mehr sein werde, kannst du vielleicht zu dieser Besitzung hier zurückkehren. Dann bringe meine Asche her und setze sie in der Gruft der Kapelle bei, wo meine Ahnen ruhen." Jeromos konnte vor Rührung nicht sprechen. Einen Augenblick wurde alles in ihm schwankend, was er ausgebaut hatte/ und er fühlte, daß er glücklicher wäre, wenn er von seiner Abkunft nichts wüßte, da er dann auch jetzt mit dem gleichen Vertrauen und der gleichen Hingebung an seinem Pflegevater hängen könnte wie bisher und ihn in die Fremde, ins Unglück und in die Gefahr begleiten würde ... Doch nun war es ihm, als ob er dumpfe Tritte hinter seinem Rücken hörte, und eine klagende Trauerstimme schien ihm ins Ohr zu raunen: „Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!" Erschüttert blickte er sich um: er sah niemand. Nun fiel es ihm ein, daß jetzt die letzte Stunde der Rettung gekommen sei ... Traurig betrachtete er den Grafen, der, vor einem Haufen Schriften am Schreibtisch sitzend, in tiefe Gedanken versunken war. „Geh', mein Sohn," sagte er jetzt; „raffe einige Kleinigkeiten zusammen, was du am liebsten mit dir nehmen möchtest, und packe es in meine kleine Tasche. Viel können wir nicht mitnehmen. Inzwischen will ich meine Angelegenheiten ordnen. Ich muß noch einige Briese schreiben.," Der Knabe näherte sich seinem Pflegevater, ergriff seine Hände, küßte sie, und heiße Tränen rollten darauf . . . Dann ging er hinaus. An der Tür blieb er noch einmal stehen und blickte einige Augenblicke wehmütig auf den alten Grafen, den er nun wohl jetzt zum letzten Male sehen würde. Stumm winkte er ihm ein Lebewohl zu, dann drehte er sich um und entfernte sich lautlos und traurig. (Schluß folgt.) Literarische Mitteilungen. — Im Deutschen Reich, Feldbücherei des Zentratvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 2 Hefte. Kriegsgabe des Zentralvereins, Berlin SW 68, Lindenstraße 13. Die zwei vom Zentralverein herausgegebenen Hefte stellen folgende Aufsätze zusammen: Ludwig Haas, Der deutsche Jude in der Armee; Werner, Judentaufen; Eugen Fuchs, Die Zukunft der Juden; Horwitz, Fuchs, Holländer, Der Krieg; Werner, Innere Mission; L. Jacob, Der Herr der Heerscharen; Ludwig Frank, ein deutscher Jude; Immanuel Saul, An meine Kinder (Dichtung). lieber einzelne dieser Studien ist schon früher in diesen Blättern gesprochen worden. Die Namen der Vortragenden und Behandelten sind so allgemein bekannt, daß eine Besprechung im einzelnen kaum notwendig erscheint; ein allgemein lobender Hinweis mag genügen. L. G. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. N. O. Halbmonatsschrift des „Korrespondenzblattes der Nachrichtenstelle für den Orient". III. Jahrgang. Nummer 8. Ausgegeben am 22. Januar 1917. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland. Mit Beiträgen von Simon Bernfeld, I. Bergmann, Jsmar Elbogen, Ludwig Geiger, I. Lewkowitz, N. M. Nathan, Rosalie Perles, Ulla Wolfs-Frank. 20. Band. Berlin 1917, Verlag von M. Poppelauer. Jüdisch-deutsche Texte. Lesebuch zur Einführung in Denken, Leben und Sprache der osteuropäischen Juden von v. Dr. Hermann L. Strack, Professor der Theologie in Berlin, Geh. Konsistorialrat. Leipzig, I. C. Hinrichssche Buchhandlung. 1917. - Die östliche Judenfrage. Von Davis Trietsch. Sonderabdruck aus der Deutschen, Monatsschrift für Politik und. Volkstum „Der Panter". . „Der Jude", eine Monatsschrift. R. Löwit Verlag, Berlin—Wien. I. Jahrgang, Heft 9, Dezember 1916.