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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 Allmächtigen, der ihnen in ihrem Herzeleid beigestanden, für ihre Paten, für die Spender alles dessen, was sie umgibt. Weisere 30 Kinder werden bald zur Aufnahme folgen. Aber, wenn wir uns auch schon vorläufig 50 Waisenkinder, Hauptsächlich nur Vollwaisen, als Ziel unseres Waisenasyls gesetzt haben, Hunderte wartete noch auf Hilfe und Gönner, denen zwar Vater oder Mutter noch erhalten, die aber ebensosehr noch unserer tatkräftigen Hilfe, benötigen — diese Halbwaisen, deren Väter oder Mütter nicht helfen können, weil — nun weil sie selbst nichts besitzen. Ein jeder Kriegspate erhält eine Photographie „seines" Kindes, und ich denke mir: Es muß ein erhebendes Gefühl für den Kriegspaten beim Anblick der Photographie sein, wenn er sich sagen kann: „Das ist das Kind, dem ich Vater und Mutter zugleich bin, das ich gerettet vor dem Tode". Nur einem Wunsch möchte ich noch zum Schlüsse Ausdruck geben: Möchte unser Heim und seine Insassen nicht von Gönnern und Gönnerinnen vergessen werden, möchten sich zu den alten neue hinzugesellen und möchte bald der Weg, den wir gegangen sind, auch an anderen Orten Nachahmung finden, Kinder zu retten für das Menschentum und unser Judentum. „Und wer ein Kind rettet, rettet ein Geschlecht." Sr. Ilsthan Samter. Von Dr. Spanier. 23. Dezember des vergangenen Jahres ist Dr. Nathan 4V Samter nach kurzem Krankenlager verstorben. Die Kunde von seinem Tode haben auch seine näheren Bekannten erst mehrere Tage später erfahren, als er bereits nach seinem Wunsche in aller Stille beerdigt war. Das entsprach seiner Art. Daß feierliche Reden nach seinem Tode ihm gehalten würden, das mochte er nicht. Eine Gelehrten- und Lehrernatur, die kein größeres Behagen fand, als in einem stillen Winkel an der Förderung des Guten zu arbeiten, und die nach des Amtes Mühen das Glück im Kreise der Familie suchte. Daß seine älteste Tochter, die an einem auswärtigen Lazarette als Aerztin wirkt, an seinem Krankenlager ihn betreuen konnte, war ihm sicher eine große Freude im Schmerze. Nathan Samter war am 2. März 1845 in Lengen an der Elbe geboren. Nachdem er Ostern 1868 mit dem Zeugnis der Reise aus dem Joachimsthalschen Gymnasium entlassen war, studierte er in Breslau und Berlin Religionswissenschaften, klassische Philologie und Geschichte. 1873 promovierte er in Jena zum Doktor der Philosophie. 1878 bestand er in Berlin das Oberlehrerexamen und wirkte seit dieser Zeit zunächst als Hilfslehrer an der Luisenstädtischen Realschule, bis er am 1. Juli 1880 in das Lehrerkollegium der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde cintrat. Hier war er bis zu seiner Pensionierung tätig, die unter Verleihung des Kronenordens 4. Klasse am 1. April 1915 erfolgte. Er war ein Mann des Friedens, der gern still und unbemerkt seine Wege ging und das große Weltgetriebe mit einem eigenen feinen Humor betrachtete. Seine Welt war die Welt des Kindes und vielleicht noch mehr die Welt der Bücher. In. ein frohes Kindergesicht zu schauen, war ihm innige Freude. Die Kunst des Regierend war ihm nicht gegeben, und dieser Schranke seiner pädagogischen Begabung war er sich wohl bewußt. Aber er hatte ein sicheres Gefühl für das Methodische und wußte aus seinem reichen Wissen den Kindern Anregendes und Wertvolles klug zu übermitteln. Seine Referate über neue Lehrmittel waren nicht nur sachlich gründlich, sondern auch in der Form von einer heiteren Anmut, die seine Kollegen stets erfreute. In der Welt der Bücher war er zu Hause. An freien Tagen und Stunden konnte man ihn sicher in der Jüdischen Gemeindebibliothek oder in der Königlichen Bibliothek sinden. Von seinem Schmerzenslager wollte er aufstehe», um die Bücher der Bibliothek zurückzübringen. „Die Bibliochek kann nicht Rücksicht darauf nehmen, daß ich krank bin", meinte er kurz vor seinem Ende. Bis in seine letzten Lebenstage arbeitete er an einem Werke über den wechselseitigen Einfluß der jüdischen und christlichen Religionsübung, und da die Kräfte nachließen, war es seine große Sorge, daß er das Werk nicht zur Vollendung bringen könne. Mit welch inniger Liebe dieser Mann der Treue an seinem Judentum hing, zeigt sein bekanntes Buch „Judentaufen im 19. Jahrhundert" (Berlin, Poppelauer 1906), das er wirklich oum ira et studio geschrieben hat. Im Dienste des Judentums wurde der Friedliche, der jedem Streite aus dem Wege ging, zum Kämpfer. Und keine größere Freude gab es für ihn, als wenn ihm mitgetellt werden konnte, daß durch sein Buch ein. Schwankender vor dem Abfall bewahrt geblieben sei. Möge dankbares Erinnern des bescheidenen Mannes treue Arbeit ehren! Btt verlorene Sohn. Von Joseph Patau Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte Uebersetzung aus dem Magyarischen von Dr. Adolph Kohut. (4. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Dervmos hörte einige Zeit diesen Debatten zu, dann ging er an seinen Pflegevater heran, küßte ihm die Hand und begab sich in sein Schlafzimmer. Als er das Licht ausgelöscht, belebte sich in seiner Phantasie aufs neue jene Szene im Walde. Er sah den alten Juden vor sich, wie er die Schrift las, und er glaubte noch die Worte zu hören: „Im dreißigsten Lebensjahre, als die dreißig Trauertage seit dem Opfertode meiner teuren Frau verflossen waren, starb auch mein letzter Sohn wegen meiner Sünden.. Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!" Er erinnerte sich ganz genau an jedes Wort. Und plötzlich hatte er die Empfindung, als stünde seine Mutter vor ihm, mit bleichem Antlitz, in weißem Gewand und mit dem Strahlenkränze der Märtyrerin auf dem Haupte. Als wiederhole sie traurig mit gebrochener Stimme die Worte seines Vaters: „Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn genommen. Der Name des Herrn sei gelobt!" Er fuhr zusammen und hob die Decke über den Kopf. In seinem Gehirn kreisten die Gedanken mit Blitzesschnelle. Er klagte sich an, daß er eine Unterlassungssünde begangen habe, als er das Schloß nicht sofort verließ. Es schmerzte ihn, daß er solange zögerte, obschon die Stimme seiner Mutter ihm in den Ohren klang: „Ich bin deinetwegen gestorben, und doch willst du für mich nicht auferstehen?" Es fiel ihm ein, daß die Juden jetzt Neujahr feiern, an dem Gott über die Welt sein Urteil hält. Im nächsten Augenblick riß ihn seine Phantasie schon in den Himmel. Vor ihm öffnete sich das Firmament und er blickte in das unendliche Strahlenmeer. Der Herr saß auf seinem glänzenden Strahlenthron, und vor ihm zogen der Reihe nach die Gläubigen vorüber, damit sie ihm Rechenschaft von ihren Taten ablegten. Vor dem Thron stand sein seliger Vater als Märtyrer. Ersah von Schmerz und Kummer niedergedrückt auf die Vorüberziehenden, voll Trauer, weil sein Sohn, sein einziges Kind, nicht unter ihnen war ...

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