Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · p. Seite 58

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229291--72863-3285311
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

58 handelnden Personen einige Juden «und Jüdinnen Vorkommen und in dem Hintergrund ein mit der Geschichte des Judentums eng zusammenhängendes Ereignis steht. Die Juden und Jüdinnen, mehr redende als handelnde Personen, unterhalten sich von dem Erscheinen Jesu und seinen Wundern, empfangen ihn mit Jubel und sehen in ihm den erwarteten Messias. Die Jesusgeschichte steht zwar nicht im Mittelpunkt, sondern im Hintergründe dadurch, daß der Hirt, der im Vorspiel erscheint und auszieht, um ein einziges verlorenes Lämmlein zu suchen, und der in einer Art Nachspiel wieder erscheint, das gefundene "Lämmlein auf dem Arme tragend, gleichsam zur symbolischen Andeutung der Ausgabe Jesus als Hirt wird, dem auch kein einziges Lämmlein verlorengehen darf. Mit dieser Andeutung ist die Berechtigung erwiesen, an dieser Stelle von der Dichtung zu sprechen — denn weit mehr dieser als dem musikalischen Werke gilt unsere Betrachtung. Alsbald muß aber hinzugefügt werden, daß die Dichtung nur mittelbar mit diesen Ereignissen zusammenhängt, denn das eigentliche Motiv ist dieses: Myrtokle, ein korinthisches Mädchen von wunderbarer Schönheit, aber blind, ist von Arcesius, dem römischen Sondergesandten in Jerusalem, zur Frau erwählt worden und beide leben in glücklichster Ehe, die Frau im Wahne, wie Psyche in Amor, den herrlichsten Mann zu besitzen, während Arcenius in Wirklichkeit häßlich und mißgestaltet ist, und hinkt. Myrtokle ist von dem sehnsüchtigen Verlangen erfüllt, der Psyche gleich nur einmal den Geliebten zu schauen. Diese Sehnsucht wird wirklich erfüllt, nachdem sie zu dem in Jerusalem einziehenden Jesus geeilt und durch dessen Berührung sehend gemacht worden ist. Aber dieser gleichsam durch Zauber hervorgerufenen Gesundung folgt eine grausame Entzauberung — die Frau erblickt nämlich den römischen Hauptmann Galba, der sich in glühendem Sehnen schon lange nach ihr verzehrte, zugleich mit ihrem verunstalteten Gatten, hält, da sie den letzteren als Untier verstößt, den -Hauptmann für ihren Gemahl und verschwendet an ihn, der die ihm geltenden Liebkosungen vergeblich abwehrt, ihre Zärtlichkeit. Aber schnell genug wird sie ihres Irrtums inne, schaut, nachdem sie ihre Augen verflucht hat, in die Sonne, so daß die Sehkraft wieder schwindet, und vergißt so schnell ihren kurzen Rausch, daß sie, -durch die vertraute Stimme und die innige Zärtlichkeit ihres Gatten gelockt, den sie niemals in seiner -wirklichen Mißgestalt erblickt zu haben vorgibt, zu ihm zurückkehrt und „für ihn allein in der Träume Welt weiterleben will". Ich gebe zu, daß dieser Schluß psychologisch nicht recht begründet ist und daß man gleichermaßen physiologisch an der Heilung der Blindheit und ihrer Wiederkehr billig Zweifel hegen darf, aber die ganze Dichtung ist von solch poetischer Kraft, daß sie auch -den Ungläubigen zwingt und in ihren Bann zieht. Schöne Verse, wundervolle Prosasprache, eine bewegte, -ergreifende, dramatische Handlung. Ich habe absichtlich von der Dichtung in erster Linie gesprochen und kann von der Musik nur als Laie reden. Sie ist stellenweise ergreifend, trotz ihrer vielen Wagnerschen Reminiszenzen: „Rheingold" und „Siegfried". An das erstere erinnert auch der Bau des Ganzen, der ohne Ouvertüre und ohne jede Unterbrechung des Stückes den Hörer zwei Stunden lang in Anspruch nimmt. Sie ist vielfach pathetisch, oft stark lärmend, so daß die menschlichen Stimmen gegen das tobende Orchester einen schweren Stand haben, und vielfach melodiös, häufiger übermodern angehaucht. Aber die ganze Oper, unterstützt durch treffliche Darstellung und wunderbare Dekorationen, hat auf -mich einen starken Eindruck gemacht, und ich beeile mich, >da -sie wohl ihren Siegeszug über die deutschen Bühnen nehmen wird, diesem Eindruck auch an dieser Stelle Worte zu verleihen. ll. 6. Sas krugLwaistnasyl in kalisch. Ein Bericht von Rabbiner Dr. Neuhaus in Ostrowo. Psalm 10,14: „Josaum atoh hojiso auseir.“ „Den Verwaisten bist Du Helfer." s war in den furchtbaren Tagen des Frühjahres 1916, als der Flecktyphus in Polen seine Opfer forderte, da kamen weinend und klagend viele von Kalisch zu mir und rangen die Hände, was denn nun geschehen solle mit den unmündigen Kindern, den unglücklichen Knaben und Mädchen, denen diese schreckliche Kriegsseuche, der Flecktyphus, Vater oder Mutter, oder sogar beide geraubt. Das Komitee der Fürsorge in der Jüdischen Gemeinde zu Kalisch kam auf den Gedanken, diese Kinder dem Kinderheim zu übergeben. Hier konnten sie ihr Leid für den Tag vergessen, und die allzeit rührige Leiterin des Kinderheims, deren Wirken nicht genug gerühmt werden kann, Dr. Melanie Brokmann, sorgte mit den freundlichen Helferinnen, jungen Damen aus Kalisch, dafür, daß die Waisenkinder, denen der Krieg alles geraubt hat, sich unter den übrigen Kindern, die ein gütiger Gott vor gleichem Schicksal bewahrt hatte, wohlfühlen. Allein, wenn der Abend sich herabsenkte und die 400 Insassen des Kinderheims, welches nach den Grundsätzen eines Fröbelschen Kindergartens geleitet wird, zu den Eltern nach Haus gingen, frisch gewaschen und tagsüber voll und ganz beköstigt, entstand die bange Frage: Wohin sollen nun diese Vollwaisen gehen? Man sandte sie dann in einige Familien, die sie nachts bei sich beherbergten. Aber ein Zustand für die Dauer war es nicht, hatten doch diese selber nicht genügend Platz für die Ihrigen. Da entstand in dem Verfasser dieser Zeilen der Plan, ein Kriegswaisenasyl in Kalisch zu errichten. Aber leicht gedacht und schwer auszuführen! Waren doch mindestens 50 Kinder da, die kein Obdach hatten, Kinder von 3 Jahren und Kinder von 10 und 13 Jahren. Da gab es Retter in der Not. Alle, an die ich mich wandte, halfen; keiner verhielt sich den Waisenkindern gegenüber ablehnend. Aber ein großer Helfer entstand! Die Agudas Jisroel, die in diesem Kriege so viele Not schon gelindert, hatte durch Zufall von meinem Plane gehört, und sofort sagte mir der geschäftsführende Ausschuß des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel, insbesondere der stets rührige Herr Schwab in Halberstadt, seine Hilfe voll und ganz zu. Es wurde beschlossen, Kriegspaten zu gewinnen, welche es übernehmen sollten, für die armen Waisen bis zum 14. Lebensjahre zu sorgen. Eine bange Frage lastete aus uns: Werden sich solche 50 Kriegspaten für unsere Kinder in Deutschland finden? Und siehe da: Josaum atoh hojiso auseir erfüllte sich. Gott war uns Helfer, er ließ in den Herzen vieler deutschen Juden den Gedanken aufleben, an unserem Werk tätig mitzuarbeiten, indem sie uns die Mittel in die Hand gaben, die nackten Waisen zu bekleiden, die Hungrigen zu speisen, den Armen und Hilflosen ein Obdach zu geben. Und als ob der Ewige selber unser Werk sichtbarlich unterstützte, er rührte einer als wohltätig rühmlichst bekannten Dame das Herz, daß sie uns ein großes und schönes Haus überließ, in dem die Waisen untergebracht worden sind. Und als vor kurzem aus Berlin zwei Damen im Auftrag der Agudas Jisroel unser Haus besichtigten, da konnten sie, nachdem sie alles gesehen, befriedigt und entzückt trotz der Not, die sie auf den Straßen umgab und an die wir leider schon gewöhnt sind, uns nur auss herzlichste gratulieren zu dem Werke, das wir haben schaffen dürfen. Wir aber wollen — und das ist uns Pflicht der Dankbarkeit und Zweck dieser Zeilen — allen denen hier öffentlich danken, die mitgeholfen haben, dieses Werk zu vollbringen. 20 Waisenkinder schlafen nun schon in den schönen sauberen Betten des Waisenasyls, und gewiß beten sie am Abend, wenn sie sich zur Ruhe begeben, ein inniges Bittgebet zu dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.