Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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stehenden Kräften zubesetzen suchen. Einem Atmu: von 40 Jahren siel es schon, vor dem Kriege schwer, ^eine Wue Stellung zu finden, und das Problem der alternden Angestellten bildete den Gegenstand ernstester Erörterungen der großen Angestelltenverbünde wie weiter Kreise derer, denen die Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft am Herzen lag. Auch hier wird nach dem Kriege kaum eine Besserung eintreten, obwohl sich ja gezeigt hat, daß Tausende von Männern im Mter von über 40 Jahren noch rüstig und kräftig genug waren, um ihre Pflicht für das Vaterland in vollem Umfange erfüllen zu können. Im Gegenteil werden hier die Aussichten gerade für die älterer: Angestellten noch schlechter werden, weil große Massen von Kaufleuten, die bereits die Selbständigkeit erlangt hatten, nach dem Kriege infolge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse und des Zusammenbruches ihrer Existenz wieder in, den Angestelltenstand zurückdrängen. Die Zahl früherer Selbständigen, die sich genötigt sehen, wieder Handlungsgehilfen zu werden, war schon vor dem Kriege keineswegs klein. Die Statistiken der großen Handlungsgehilsenverbände weisen unter ihren Bewerbern schon vor dem Kriege etwa 6 bis 8 Prozent früherer Selbständiger auf. Hinzuweisen ist endlich auch noch auf das UeberhandMhmen der weiblichen Arbeitskräfte. In den letzten Jahrzehnten sind in fast allen größeren Betrieben sowohl für das Kontor wie auch für das Lager mehr weibliche als männliche Kräfte eingestellt worden. Die weiblichen Kräfte erhalten weniger Gehalt und eignen sich nach der An,sicht des größten Teils der Arbeitgeber für die Schreibmaschine, für den Verkauf im Lager usw. viel besser als die männlichen Kräfte. Im Kriege ist naturgemäß die Beschäftigung weiblicher Arbeitskräfte im Handel eine noch viel größere geworden. Wie es möglich sein wird, die vielen aus dem Felde zurückkehrenden Handlungsgehilfen zu beschäftigen und dabei die inzwischen eingestellten weiblichen Kräfte, die sich gut bewährt haben, zu behalten, ist eine sehr schwierige Frage, die schon jetzt das Interesse aller beteiligten Kreise in Anspruch nimmt. Zweifellos ist aber auch schon aus diesen Umständen heraus für die nächsten Jahre die Aussicht für die, die sich neu dem Kanftnannsberuf widmen wollen, keine günstige. Es liegt durchaus nicht in der Absicht dieser Ausführungen, etwa von der Wahl des Kaufmannsberuf-es schlechthin abzuraten. Wer zum Kaufmann geeignet ist und wen innere Neigung zu diesem Beruf treibt, wird auch unter den jetzigen Verhältnissen noch darauf rechnen können, dort sein Durchkommen zu finden. Mehr als je erfordert der Stand aber einen gesunden Körper, insbesondere gesunde Nerven, eisernen Fleiß und Beharrlichkeit, Intelligenz, eine gute Bildungsgrundlage und das stete Streben, seine Bildung zu vervollkommnen. Gute Handschrift, Fähigkeit zu sicheren: und schnellen: Rechnen sind unerläßlich, Sprachtalent und Beherrschung fremder Sprachen dringend erwünscht. Wer diese Vorbedingungen und Absichten nicht mit sich bringt, der bleibe dem Stande fern, wenn nicht später er und seine Angehörigen Enttäuschungen erleben sollen. Vor allem aber wenden wir uns an die, die bei der Berufswahl lediglich deshalb im Begriff stehen, sich den: Kaufmannsberus zuzuwenden, weil , ihnen ein anderer Beruf überhaupt nicht in Frage zu kommen scheint, und ihnen stellen wir ganz besonders unfern Rat und unsere Unterstützung zur Verfügung. Noch immer hat das Handwerk einen goldenen Boden. Besonders denken wir an seine lebens-krästig-en Formen: Schlosserei und Tischlerei und Neugestaltungen wie Mechanikerberus, Jnstallateurberus. Nach dem Kriege wird zweifellos ein Handwerkermangel bestehen. Die Möglichkeit selbständig zu werden, ist im Handwerk auch unter den jetzigen Verhältnissen immer noch größer als im Kaufmannsstand. Diese Selbständigkeit gibt zugleich auch die größere Aussicht für die einzelnen, die Heilighaltung des Sabbats so durchzusühren, wie es ßeine religiöse Ueberzeugung fordert, während für den kaufmännischen Angestellten in: Großbetrieb hier kaum irgendwelche Möglichkeiten bestehen. Gute Aussichten bietet ferner die Landwirtschaft, vor allen: in bei: Spezialzweigen der Gärtnerei, Obst-, Gemüsebau und' Blumenzucht. Auch hier sind die Aussichten aus Selbständigkeit durchaus nicht schlecht. Wir verweisen insbesondere aus die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover, die sich der Ausbildung auf diesen Gebieten besonders widmet und sich auch für das weitere Schicksal ihrer Zöglinge interessiert. r Ganz besonders wollen wir aber auf die Beamtenlaufbahn Hinweisen. Es handelt sich freilich nicht um die höhere, die ja infolge des starken Zustroms zu dm-akademischen Laufbahnen ohnehin 'iierfüllt ist, wohl aber um die mittlere und untere Laufbahn. Gerade sie bildet die erstrebenswerte Grundlage für eine bescheidene und geachtete Mittelstandsexistenz. Wenn auch die bei ihr zu erreichenden Höchstgehälter nicht derartige sind wie in: Kaufmannsstand, so ist doch das Durchschnittseinkommen jedenfalls nicht geringer, sondern eher sogar noch höher als das in den obigen Tabellen angegebene, vor allen: aber bleibt die Sicherheit der Stellung, die dauernde Versorgung im Alter und gegenüber den Wechselsällen des Lebens in Betracht zu ziehen. Daß die mittlere und untere Beamtenlausb-ahn von Juden bisher so wenig eingeschlagen worden ist, liegt zum großen Teil an: Mangel geeigneter Bewerber und durchaus nicht, wie vielfach angenommen wird, an: Widerstand der in Betracht kommenden Behörden. In den verschiedensten Zweigen der mittleren Beamtenlausbahn bei der Justiz, bei der Post, bei der Reichsbank, bei Kommunalbehörden befinden sich Juden in geachteten und befriedigenden Stellungen. Wir sind bereit, Bewerbern, die sich unter Beifügung! eines Lebenslaufes an uns wenden, in jeder Weise mit Rat und Hilfe Beistand zu leisten.. Wir können sogar Unbemittelten zur Einschlagung dieser Laufbahn dadurch Helsen, daß wir ihnen Stipendienfür die vorgeschriebene Zeit des Supernmnerariats besorgen, während der sie naci) . den bestehenden Vorschriften bei den Behörden ohne Gehalt oder nur mit geringem Gehalt arbeiten müssen. Im Interesse der jungen Leut? wie ihrer Eltern und Erzieher liegt es, daß von unserer Hilfe soviel als möglich Gebrauch gemacht wird. Wir weisen noch darauf hin, daß Eltern oder Vormünder rechtzeitig sich mit den unterrichtenden Lehrern beraten, ihnen ihre Pläne und Absichten mitteilen und sich über Leistlingen und Verhalten der Kinder in der Schule umfassende Auskunft verschaffen. Jeder Lehrer wird bereit sein, seine Schüler gerade daraufhin zu beobachten, w?l- . chem Beruf sie zugeführt werden sollen. * Im zweiten Merkblatt wird ausführlich auf den Gärtnerberch hingewiesen, zur Ausbildung darin die Anstalt in Ahlem empfohlen. Im dritten , wird Handwerk und Gewerbe behandelt. Nachdem di? Kurzsichtigkeit der Eltern getadelt worden, die Kinder Laufbursch'.'.! werden zu lassen, wird die Ausbildung zum Lehrling und Gesell?n im einzelnen dargelegt. Dann heißt es: „Der Handwerker ist ein wichtiges Glied unseres Erwerbslebens. Gerade in unserer Zeit, in der schicksalsschweren, alles Bestehend: umwälzenden Gegenwart, zeigt sich in außerordentlichem Maße, w:? dringend notwendig ein erprobter, zuverlässiger Handwerkerstand ist, und seine Bedeutung wird möglicherweise nach dem Kriege noch wachsen. Man darf natürlich nicht damit rechnen, daß in der Friedeuszeit namentlich in den Zweigen der Feinmechanik, der Schlosserei, der Lederbearbeitung und anderen mehr die Lohnverhältnisse bestellen bleiben werden, welche die Kriegskonjunktur allenthalben entstellen ließ. Dem strebsamen, ernsten jüdischen Handwerkes werden ftci; aber in: Deutschen Reiche noch immer Niederlassungsmöglichkeiten und Erwerbsgelegenheiten in ausgedehntem Maße bieten. Hier kann von einer Ueberfüllung nie und nimmer die Rede sein. Trotz der Neigung des Juden, seine geistigen Kräfte einseitig zu entfalten, muß der Bedeutung des Realen im Leben Rechnung getragen werden. Unsere Gemeinschaft darf sich der Erkenntnis nid)t verschließen, daß ein an Mitgliedern reicher-jüdischer Handwerker' stand mit an erster Stelle berufen ist, an ihrer Erhaltung und Förderung Anteil zu nehmen. Die Bedeutung des jüdischen Handwerkerstandes immer mehr anzuerkennen, den jüdischen Handwerker zu achten und aus jede mögliche Weise zu fördern, ist Pflicht der jüdischen Gesamtheit." h. tz. Lwers: „Nie totm Augen/ Musik von d'Albert»). enn ich in diesen Blättern von einer neuen Oper spreche, die vor einiger Zeit im Deutschen Opernhause in Berlin aufgeführt wurde, die aber nicht das Aufsehen erregte, das sie verdient, so geschieht das, weil unter den ») „Die toten Augen." Eine Bühnendichtung von Hanns Hein; Ewers. Musik von Eugen d'Albert. Ausschließliches Eigentum von Ed. Bot« u. G. Bock, Berlin W 8. Neue Fassung nach der Einrichtung des Deutschen Opernhauses, Berlin-Chorlot tmburg.