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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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lediglich eine reine Verlegenhertsentscheiduug. Der Beruf wird gewählt, weil zu keinem anderen Neigung besteht, weil man keinen anderen weiß oder an keinen anderen denkt. Diese Sünde der Gedankenlosigkeit muh vor allem bekämpft werden. Die Aussichten des Fortkommens im Kaufmannsstande haben sich gerade in den letzten Jahren und Jahrzehnten wesentlich geändert. Früher verteilte sich die Berufstätigkeit der jüdischen Kausleute auf große Gebiete in allen Teilen Deutschlands und keineswegs nur auf die Großstädte, sondern in weitem Umfang aus die Kleinstädte und das Platte Land, wo es alteingesessene blühende Gemeinden gab. Die Berufstätigkeit war aber vor allem eine solche, die in absehbarer Zeit nach kurzer Lehrlings- und Gehilfentätigkeit Aussicht auf eine Selbständigkeit bot, die schon in jungen Jahren begründet werden konnte und in der Regel auch bald die Gründung einer Familie gestattete. Hierin ist schon durch den wirtschaftlichen Aufschwung unmittelbar nach dem Kriege von 1870 eine Aenderung eingetreten. Er brachte zunächst den Zug der aufstrebenden Elemente nach der Großstadt, insbesondere nach der Reichshauptstadt Berlin. Er brachte aber insbesondere auch die Konzentration der Betriebe, die Großbanken, Versicherungsgesellschaften, Warenhäuser und Kartelle. Hierdurch ist im Handelsgewerbedie Möglichkeit einer gesicherten, selbständigen und auskömmlichen Existenz in jüngeren Jahren schon von der Regel zur Ausnahme geworden. Aber auch die Stellung der Angestellten im Betriebe selbst ist eine andere, der ganze Beruf des Kaufmanns hat ein anderes Gepräge bekommen. Das ruhige Gehaben früherer Tage ist einem rastlosen Ringen um den Besitz gewichen. Das Kapital entkleidet sich immer mehr seines persönlichen Charakters. Die Großbetriebe sind mit ihrer Machtfülle förmlich zu Staaten im Staate geworden, und auch da, wo die Fabrik, die Großhandlung, das Kaufhaus noch Persönlicher Besitz ist, wurde es anders. Wenn die Ausdehnung des Unternehmens nach und nach ins Riesenhafte steigt, wenn eine Person den komplizierten Mechanismus überhaupt nicht mehr zu übersehen vermag und leitende Helfer, Direktoren, Prokuristen, Abteilungsvorsteher usw. erforderlich werden, bleibt in der Menge der Beschäftigten der einzelne zumeist dem Chef ganz fremd und wird abhängig von anderen, die über sein Fortkommen zu entscheiden haben, obwohl sie auch nur Angestellte sind wie er. Hierdurch schwindet die Bedeutung persönlicher und verwandtschaftlicher Beziehungen für das Fortkommen im kaufmännischen Leben. Die kaufmännischen Angestellten müssen sich mehr und mehr darauf einrichten, zeit ihres Lebens ähnlich wie die Beamten abhängig von Vorgesetzten zu bleiben, ohne daß ihnen die Vorteile der Beamtenstellungen, nämlich die Unkündbarkeit nach einer Reihe von Dienstjahren, der Pensionsanspruch und die Hilfe gegen Uebergriffe von Vorgesetzten in Form eines geregelten Disziplinär- und Beschwerdeverfahrens, gegeben sind. Diese eigenartigen Verhältnisse des Großbetriebes bedürfen gerade für die jüdischen Anwärter des Kaufmannsstandes besonderer Erwägung. Mehr und mehr haben sich gerade auch in der letzten Zeit vor dem Kriege unter dem Einfluß gewisser Handlungsgehilfenverbände antisemitische Strömungen in der Handlungsgehilfenschaft geltend gemacht, die selbst I in Betrieben mit jüdischen Leitern und jüdischen Inhabern ba- > durch wirksam wurden, daß diese nicht mehr in der Lage waren, i auf die Personalverhältnisfe entscheidenden Einfluß zu nehmen. Es j ist auch keineswegs zu erwarten, daß nach.dieser Richtung hin sich die Aussichten nach dem Kriege bessern werden; im Gegenteil: es wer-; den voraussichtlich durch das Fortbestehen der Kriegsgesellschaften, durch Ausschaltung des freien Handels auf weiten Gebieten nach dem Kriege neue Großunternehmungen und neue Monopolbetriebe < entstehen, die für den einzelnen die Aussicht auf Selbständigkeit und Unabhängigkeit im Kausmannsberuf noch mehr einengen. Auch die Gehaltsaussichten sind aber im Handlungsgehilfenberuf keines- , Wegs so günstige, wie der Außenstehende, der von einzelnen Riesengehältern von Reisenden, Konfektionären, Betriebsleitern usw. ge-! hört hat, vielfach annimmt. Nach der seinerzeit bei Einführung j der Angestelltenversicherung veröffentlichten amtlichen Denkschrift l über die wirtschaftliche Lage der Privatangestellten bezogen von männlichen Privatangestellten im Handel im engeren Sinne, Buchhandel, Bankwesen und Versicherungswesen ein Durchschnittsjahreseinkommen von Prozent unter 1000 Mk. 4,63 1000 Mk. — 1250 „ 16,09 1250 „ - 1500 „ 14,45 1500 — 1800 „ ' 16,29 1800 „ — 2100 „ 14,09 2100 „ — 2400 „ 9,17 2400 „ 2700 „ 7,90 2700 „ 3000 „ 2,96 3000 „ - 3600 „ 6,05 3600 „ und darüber 7,25 ohne Angabe 1,12 Das dnrchschnittliche Jahreseinkommen in Mark beträgt nach der gleichen Statistik nach Altersstufen berechnet auf den Kopf: . 1073,47 Mk. . 1446,77 „ . 1931,01 ,, . 2369,71 . 2596,73 . 2745,52 . 2748,60 . 2762,58 „ . 2603,96 „ . 2417,74 „ . 2352,07 „ 2049,63 „ . 1836,29 „ Die int Jahre 1914 kurz vor Beginn des Krieges veröffentlichten Ziffern der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte, die allerdings alle versicherten Privatangestellten und der Berufsart umfassen, ergeben folgende Zahlen. Das Durchschnittseinkommen beträgt: bis zu 20 Jahren. 927,46 Mark von 20—25 „ . 1458,66 „ 25—30 „ ...... 2001,24 „ 30 Jahren und mehr . . . 2405,83 „ im Durchschnitt. 1940,79 „ Nach dem Gehaltstarif eines der größten Berliner Warenhäuser bezogen von den dort angestellten Herrerl nach Gehaltsstufen berechnet ein Einkommen unter 2400 Mark .18 Prozent 2400 „ — 3000 Mark . . 20 3000 „ — 4000 „ . . 26 4000 „ — 6000 „ . . 23 über 6000 „ . . 13 Sind schon diese Zahlen keineswegs ermutigend, so kommt noch hinzu, daß bei dem immer größer werdenden Angebot gerade die Großbetriebe ihre Stellen immer mehr mit jungen im kräftigsten Alter 14—20 Jahre 20—25 „ 25—30 „ 30—35 „ 35—40 „ 40—45 „ 45—50 „ 50—55 „ 55—60 „ 60—65 „ 65—70 „ 70 und darüber ohne Angabe 3- Dürrmaul: Schrein.

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