Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · p. Seite 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229291--72857-3285305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

52 preiswürdige Unterkunft und ein behagliches Heim finden. Das erste GasthauS mit sechzig Betten wird bereits in einigen Wochen in Berlin eröffnet werden. Wir wollen damit auch einen Weinvertrieb verbinden, und mit einem leistungsfähigen Weinhause in Verbindung treten, das seine Weine uns in Kommission gibt. Es handelt sich nicht nur um den Vertrieb in den Gasthäusern selbst, sondern auch außer dem Hause, da die Mitglieder der verschiedenen völkischen Verbünde, welche sich zu diesem Zwecke Zusammengefunden haben, eine große kaufkräftige Gesellschaft bilden. Wir haben unser Mitglied Herrn Fabrikbesitzer August Küppers, der sich in ihrer Nähe aus Reisen befindet, gebeten, in dieser Angelegenheit bei Ihnen vorzusprechen, um zu hören, ob Und zu welchen Bedingungen Sie bereit wären, mit uns in der angedeuteten Form in Geschäftsverbindung zu treten. Hochachtungsvoll „Verband gegen Ueberhebung des Judentums E. V.' gez. Müller v. Zeusen, Vorsitzender." Die meisten Deutschen werden wahrscheinlich gar nicht den Augenblick abwarten können, wo sie in diesen „völkisch reinen Gasthäusern" Unterkunft finden werden. Sind aber auch die Kontrollbestimnmngen so unzweideutig klar getroffen worden, daß keinem der betreffenden Gastwirte ein Versehen unterlaufen kann? So lächerlich dieses neueste antisemitische Unternehmen ist, so ist es doch symptomatisch für die immer neuen Versuche bestimmter Kreise, die Einigkeit des deutschen Volkes zu untergraben. * In einem Aufsatze der „Frankfurter Zeitung": „Neues zur jüdischen Ethik" werden neue Werke des Joseph bin Gorion besprochen. (Sie werden übrigens dort und von anderer Seite viel günstiger beurteilt, als dies in der Rezension unseres Blattes geschehen ist. Dies soll der Unparteilichkeit zu Liebe konstatiert werden.) Darin kommen ein Paar hübsche Abschnitte über das Wesen der jüdischen Volkspoesie vor, die ich Hier folgen lasse: Ein rührender, feiner Zug ist es, daß die jüdische Volkspoesie, entsprechend der kanonischen, dem Frauentum große Ehrfurcht bezeugt, schon dadurch, daß sie fast ausschließlich von edlen Frauen spricht; solchen, die die Treue bewahren, im Unglück standhaft sind, sich von falschen Verdächtigungen nicht Niederdrücken lassen, die, wie in „Das fromme Weib und der Zauberer" erzählt wird, eigentlich nur dann sündigen, wenn sie von einem unwiderstehlichen, bösen Dämon getrieben werden, und sofort den Weg zu sich selbst und ihrer Tugend wiederfinden, sobald des Dämons Macht durch irgendwelche Umstände gebrochen wird. Welche Hochachtung die jüdische Volkspoesie vor der Frau im allgemeinen hat, erhellt schon daraus, daß sie der Frau die Fähigkeit, in der Lehre zu forschen, nicht abspricht. In der erwähnten Prachtvollen Novelle „Das weise Mädchen mit dem Tiergesicht" ist gerade die Schriftgelehrsamkeit der Heldin der Ausgangspunkt der Erzählung. Jene Eigenschaft läßt einen Schüler ihres Vaters in Liebe zu dem mißgestalteten Wesen, das er nicht gesehen hat, entbrennen und führt die Lösung und Erlösung herbei. Lösung und Erlösung find überhaupt, entsprechend dem unverwüstlichen, ihm von Schopenhauer so schwer zum Vorwurfe gernachten Optimismus des Jrrdentums, die Zwecke unserer Erzähler. Soweit Menschen miteinander zu tun haben, erscheint den Fabulierern die Versöhnung das Natürlichste. Sie schwärmen geradezu für den befriedigenden Schluß. Die Verzeihung wird im allgemeinen nur den meineidigen Zeugen verweigert. Das Prophetenwort: „Erbarmungsvoll will ich mich erbarmen, spricht der Herr" kann als Leitwort vor den ganzen vorliegenden Band geschrieben werden. Durch ein anderes, weniger verheißungsvolles zu ersetzen wärr es nur, wenn sich Dämonen in die Verhältnisse der Menschen einmischen und sich mit ihnen verheirateten. Hängt dann die Lösung vom Dämon ab, so kommt sie nicht zustande und der Mensch geht zugrunde. Hängt sie in einem derartigen. Konflikt aber vom Menschen ab, so wird sie von ihm nicht lsintertrieben. So folgt in der Geschichte „Von einem Fremdling" die mit einem Geistersohne vermählte Heldin ihrem Gemahl, da er zur Unterwelt zurückkehren soll, und macht nur zur Bedingung, ihr Essen von der Oberwelt zu bekommen; offenbar eine Huldigung an die Heiligkeit der Speisegesetze. Lur Gtlchichtr des Lynsgogenbsus. Von I. Elbogen. (Mit S Abbild»«»?,,.) er die Geschichte des Synagogenbaus zu verfolgen versucht, stößt in der literarischen Ueberlieferung zwischen dem Altertum und der neuesten Zeit auf eine weite Lücke. Es bedeutete eine wichtige Bereicherung unseres Wissens, als die polnischen Synagogenbauten für die Wissenschaft entdeckt und beschrieben wurden, aber auch von dort ward uns nur vereinzelte und zufällige Erkenntnis zu teil. Mit um so lebhafterer Freude müssen wir es begrüßen, daß nunmehr ein Sachverständiger zum erstenmal systematisch die Synagogenbauten ganzer Bezirke untersucht und das Ergebnis mit vielen Abbildungen vorgeführt hat *). Der Posener Architekt Alfred Grotte wurde, als er den Neubau der abgebrannten Synagoge in Tachau (Böhmen) leitete, darauf geführt, den eigenartigen Synagogenbautyp, der ihm in der dortigen Gegend auffiel, nach seiner Entstehung, Entwicklung und dem Verfall zu verfolgen. Auch in dem benachbarten Franken und in der Pfalz suchte er ihn, fand ihn freilich dort nicht wieder, dafür aber einen anderen, nicht minder charakteristischen. Die Holzsynagoge in Kurnik wiederum regte ihn zu Studien auf polnischem Boden, in der Provinz Posen und in Galizien an. So konnte der Verfasser im ganzen 37 Synagogenausnahmen, teils nach historischen, teils nach konstruktiven Gesichtspunkten geordnet, vorführen und besprechen. „Die historische Entwicklung" füllt den größten Teil des Buches (S. 24—102). Voraus geht ein Abschnitt „Rituelle Grundlagen" (S. 3—23), der zeigt, wie schwierig es für einen der rabbinischen Literatur nicht Kundigen ist, sich ohne Anleitung in diese Fragen einzuleben. Nur vorübergehend werden die meist nicht erhaltenen Bauten des Mittelalters mit zweischiffiger (Worms, Prager Alt-Neuschul usw.) und einschiffiger Halle (Fürth, Prager Pinkas-Synagvge) erwähnt. Auch einige Bauten besonderer Art, die keine Nachahmung fanden, werden beschrieben, so die 1582 im Stile der Frührenaissance vollendete Synagoge des Jsaac Nachmanovicz zu Lemberg (S. 36) und die 1640 erbaute Renaissance-Synagoge des R. Eisik in Krakau (S. 64 ff.). Die Hauptsache aber bleiben für den Verfasser die geschlossenen Gruppen von Bauten in Polen, Böhmen und Franken aus den letzten Jahrhunderten. In Polen hat sich zunächst ein besonderer Bautypus entwickelt: massive Synagogen mit quadratischem Grundriß und vier Stützen, neun Gewölbejochen (S. 37 ff.). Der älteste Vertreter dieses Typus ist die Vorstadtsynagoge in Lemberg aus dem Jahre 1632, eine Fortsetzung erfährt er in der festungsartigen Synagoge in Zolkiew von 1692, den Verfall zeigt die „alte" Synagoge in Rzeszöw, und schließlich die Neustädter Synagoge in Rzeszöw sowie die von Przeworsk, in denen die Pfeiler nur noch als Baldachinstützen für den Almemor dienen. Als ein letztes Ausklingen dieses Typus ist die 1815 erbaute Synagoge in Kempen (Posen) zu betrachten, „ein äußerlich pompöser Bau mit schlechten Einzelheiten, aber monumentaler Gesamtwirkung". Die „Kempener Schnitzler" haben ihre Meisterschaft in der Holzschnitzkunst vielfach in den Dienst der Ausschmückung von Synagogen gestellt. Ihre Erfindung scheint die Ende des achtzehnten Jahrhunderts zur Mode werdende Darstellung von Musikinstrumenten an der heiligen Lade zu sein, wie ich sie an dem y Deutsche, böhmische und polnische Synagogenthpen vom 11. bis Anfang des 14. Jahrhunderts, herausgegeben mit Unterstützung der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler in Frankfurt a. M. von Prof. Dr.-Jng. Alfred Grotte. Mit 24 Tafeln und 60 Slbbildungen. Berlin, „Der Zirkel', 1915, IX, 104 S. 4°.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.