Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 — Viele andere Punkte der amerikanischen Botschaft, z. B. der Hinweis aus die Beschränkungen der Rüstungen, „die aus den Heeren und Flotten lediglich ein Werkzeug der Ordnung, nicht aber ein Werkzeug für den Angriff oder eigensüchtige Gewalttätigkeiten schafft", sind Utopien, die für Jahrzehnte und Jahrhunderte kaum verwirklicht werden dürften. Die Wilsonfche Botschaft ist von den neutralen Mächten im ganzen freudig ausgenommen worden, eine offizielle Beantwortung hat sie schon aus dem Grunde nicht gefunden, weil sie nicht an die Kriegführenden gerichtet, sondern nur eine Mitteilung oder Ansprache gewesen ist, die dem amerikanischen Senate zuteil geworden ist. Nur ein englischer Minister hat sich veranlaßt gefühlt, gegen einzelne Punkte dieser Erklärung lebhaften Einspruch zu erheben. Die allgemeine Ueberzeugung der politisch Denkenden geht wohl dahin, daß diese ganze Aussprache zwar Zeugnis ablegt von dem Friedenswillen Amerikas, daß sie manche beherzigenswerten Vorschläge enthält, daß sie aber nicht geeignet ist, eine unmittelbare Wirkung auszuüben. Bei dem augenblicklichen Stande der Angelegenheiten, bei dem Machtbewußtsein der uns feindlichen Nationen, bei ihrer Abneigung, sich von den Neutralen, selbst den mächtigsten unter ihnen, bestimmen zu lassen, ist kaum eine Aussicht vorhanden, daß diese Friedensbestrebungen der neutralen Mächte, denen neuerdings sich auch die Schweiz angeschlosien hat, eine ersichtliche Wirkung ausüben werden. * Die zweite Angelegenheit, die die öffentliche Aufmerksamkeit stark in Anspruch genommen hat und noch weiter nimmt, ist die innere Gärung in Rußland. Ob es wirklich dort zu revolutionären Ausschreitungen gekommen ist oder ob diese nur befürchtet werden, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, und zwar bezeugt durch den ständigen Wechsel der Ministerien, durch die immer wieder hinausgeschobene Einberufung der Duma, durch die Wahl der freiheitsfeindlichsten Minister und Ratgeber der Krone, daß Rußland im Gegensatz zu seinen früheren Versprechungen der furchtbarsten Reaktion entgegentreibt. Ebenso sicher ist, daß die mit Rußland verbündeten Mächte mit Angst und Grauen diese Entwicklung betrachten und daß sie von starkem Schrecken beherrscht werden, ob dieser auf tönernen Füßen stehende Koloß geeignet ist, ihr Bundesgenosse zu bleiben und sie in ihrem Treiben zu unterstützen. * Von eigentlichen Kriegsereiguissen ist nicht viel zu melden. Im Westen und im Süden ist es nur zu geringen Unternehmungen gekommen, obgleich einzelne kühne und von hübschen Erfolgen begleitete Vorstöße der deutschen Truppen gegen die Franzosen zu konstatieren sind. In Rumänien ist offenbar ein Stillstand eingetreten, ein Stillstand, den die feindliche Presse dazu benutzt hat, um Lügenmärchen über deutsche Niederlagen zu verbreiten. Dagegen ist in der Nähe von Dünaburg ein neues Aufslackern der feindlichen Tätigkeit zu bemerken, die aber den Gegnern keinerlei Vorteile gebracht, sondern uns und unfern Verbündeten hübsche Resultate verschafft hat. Unsere Feinde rühmen bereits mit großen Worten den demnächstigen Beginn einer neuen großen und allgemeinen Offensive und erhoffen von ihr den endgültigen Sieg, dessen Herannahen sie schon im Frühjahr 1915 und 1916 prahlerisch ausposaunt hatten und der so kläglich gescheitert, ja ins Gegenteil umgeschlagen ist. Daß ihre Hoffnungen gründlich zuschanden werden, daß im Gegenteil auch dieser Versuch, welchen die »reiften als allerletzten ansehen, sie von der Unmöglichkeit ihres Ansinnens überzeugen wird, ist eine Erwartung, die wir Deutsche im tiefsten Herzen hegen. Der Siegeswille ist bei uns so stark wie nur je. Möge, das ist unsere. Hoffnung und unsere Zuversicht, auch die Siegeskrast uns gewahrt bleiben! m Uns wird geschrieben: Der Delegiertentag des Jüdischen Frauenbundes, welcher die Zentralorganisation der jüdischen Frauenvereine Deutschlands darstellthat am Schlüße seiner Beratungen nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Die in Berlin am 28. Januar 1917 tagende 5. Delegiertenversammlung des Jüdischen Frauenbundes, welche die Vertretung von 44Ü00 jüdischen Frauen in Deutschland bildet, wünscht zum Ausdruck zu bringen, wie tief schmerzlich die jüdischen Frauen als Gattinnen, Mütter, Bräute und Schwestern die Judenzählung im deutschen Heere empfunden habem Sie sind sich bewußt, daß Männer und Frauen der deutschen Judenheit in dieser für das deutsche Vaterland so schweren Zeit mit voller Herzensbereitschaft an ihrer Stelle ihre Schuldigkeit getan haben. Sie werden auch künftig unbeirrt weiter die ihnen teuren Vaterlandspflichten erfüllen und sich durch keinerlei Kränkung in ihrer Hingabe an die Arbeit für Deutschlands Sieg und Größe beirren lassen. * Sonst ist wenig zu erwähnen. In einem Aufsatze von Profeffor Wilhelm Kosch („Neue jüdische Monatshefte" 1. Jahrgang Heft 6, 25. September 1916), der den Titel führt: „Juden und Deutsche in der Bukowina" finden sich folgende Sätze: „Möge die Regierung in Zukunft denselben Standpunkt einnehmen und den Völkern der Bukowina, vor allen den Juden und Deutschen, die voneinander unabhängige nationale Entwicklung sichern Helsen." „Der Schreiber dieser Zeilen zählt sich zu den aufrechten, äußerlich und innerlich unabhängigen Deutschen, die jeden faulen Kompromiß ablehnen, jedes ehrliche und anständige Bündnis dagegen schätzen, sofern es dem Volksganzen nutzt. Ein jüdischer Wahl-Schnlkataster usw. würde zwar zu einer scheinbaren Verkleinerung des deutschen Besitzstandes in der Bukowina führen, diesem aber auf die Dauer nur förderlich sein; denn beide Nationen wollen einmütig die Befreiung von Fesseln, die sie längst zerbrochen haben lind die bloß der Buchstabe einer bureaukratischen Theorie stets aufs neue erzeugt. In der Israelitischen Knltusgemeinde ist der nationaljüdische Kataster von selbst gegeben. Scheidet man die Angehörigen der Israelitischen Kultusgemeinde aus dem nationaldeutschen Kataster aus, so schwindet die letzte politische Unstimmigkeit zwischen Deutschen lind Juden in der Bukowina, und beide können in Zukunft sich noch leichter verständigen als früher. Das Wort allein bedeutet nichts. Wenn daher gewisie Paragraphenreiter den Juden ihren Charakter als Nation immer noch absprechen wollten, weil der Jargon keine „selbständige Sprache" sei, so dürften sie gegen die Scheidung in christlichdeutsche und jüdischdeutsche Kataster, sobald diese eine Forderung aller Beteiligten bilden, liichts einwenden können." Wir müssen von unserem Standpunkt aus gegen diese Forderung aufs entschiedenste protestieren und bescheiden uns demütig damit, zu den „gewissen Paragraphenreitern" gerechnet zu werden. * Zu welch bedauerlichen Ausschreitungen der Antisemitismus schon jetzt in Deutschland gelangt ist, zeigt nachstehender Artikel des „Berliner Tageblatt": „Völkisch reine Gasthäuser." Eine neue antisemitische Gründung. Wir erhalten, von einer deutschen Weingroßfirma eine Abschrift des folgenden Schreibens, das ihr vom „Verband gegen Ueberhchmng des Jridentums" zugegangen ist: „Charlottenburg 4, den 9. Januar 1917. Sehr geehrter Herr. Von befreundeter Seite wurde uns mitgetcilt, daß Sie jedenfalls dankbar sein würden, wenn wir Sie ans folgende Beschlüsse aufmerksam machten: Verschiedene völkische Verbände haben eine Gesellschaft mit beschränkter Haftpflicht mit einem Kapital von zunächst 10 000 Mark begründet, um in den großen Städten Deutschlands ein oder mehrere Gasthäuser zu errichten. Deutsche Familien müssen jetzt auf Reisen mit Gasthöfen oder christlichen Hospizen vorlieb nehmen, in denen sie, abgesehen von störenden Einrichtungen, mit Leuten Zusammenkommen, deren Nähe ihnen unangenehm sein muß. Unsere Gasthäuser sollen mir deutschgeborene gute Familien aufnehmen, die dort