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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 tums um, sowohl in den selteneren Fällen, daß die Täuflinge aus Ueberzeugung den neuen Glauben annehmen, als in den häufigeren, daß sie zum Christentum übergehen, um in Staatsämtern leichter vorwärts zu kommen und im Leben größere Annehmlichkeiten zu genießen. In solchen Fällen nämlich mühen sich die neuen Christen, um ihre Zugehörigkeit zum Judentum rascher vergessen zu machen, die Judenfeinde zu spielen, und werden zn den schlimmsten Gegnern der Glaubensgemeinschaft, der sie entstammten. Aus. diesen Gründen können wir in der Mischehe und in der Taufe keine Assimilation sehen, sondern erblicken in beiden eine Abwendung vom Judentum. Wir müssen daher diese Heilmittel verwerfen und entschieden der Anschauung entgegentreten, der Schmoller anzuhängen scheint, obwohl er sie nicht deutlich ausspricht. Denn es kommt mir so vor, als wenn seine Anschauung in der Ueberzeugung wurzle: nurder assimilierte Jude, d. h. der, der sich i n s e i n e m ganzen Wesen und in seinen Gebräuchen nicht von den Christen unterscheidet, habe ein Anrecht aufEmanzipation. Unser Protest gegen eine solche Anschauung stammt nicht daher, daß wir den Bräuchen das Wort reden, denn wir haben niemals unsere Ueberzeugung verhehlt, daß das Judentum eine Religion des Geistes ist und daß wir in den Bräuchen, wenn wir viele auch für ehrwürdig halten, nicht das Wesen des Judentums erblicken. Allein, vermögen wir auch nicht in der Beobachtung einzelner Gebräuche das Wesen und die Grundpfeiler des Judentums zu sehen, so müssen wir doch verlangen, daß jeder in der Hütung dessen, was er für heilig hält, geschützt wird, und können nicht dulden, daß er dadurch irgendwelchen Schaden erleidet. Und darum müssen wir es mit der größten Deutlichkeit als unsere Ueberzeugung aussprechen, daß diese Juden, also die (nach Schmoller) nichtassimilierten, in keiner Weise von den Segungen der Gleichstellung ausgeschlossen und als Menschen angesehen werden dürfen, die die Kulturgemeinschaft hindern, vielmehr müsien wir fordern, daß jeder Deutsche, wes Glaubens er auch sei und welche Gebräuche er auch als für sich bindend und heilig betrachte, das Recht auf Gleichstellung habe, wenn er seine staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt, wenn er sich in seinem Tun und Verfahren den Staatsgesetzen fügt, wenn er sich bemüht, sich und seinen Kindern deutsche Bildung und deutsche Kultur zu verschaffen. Es wäre ein Zurückschrauben der Kultur um mehr als ein Jahrhundert, wenn Duldung oder staatliche Gleichstellung nur denen gewährt werden sollte, welche sich innerlich von ihrem Glauben loslöfen. Die wahrhafte Assimilierung, die wir erstreben, hat es nur mit Sprache, Sitte, Bildung, Kultur, nicht mit dem Glauben zu tun. Wir deutsche Juden sind stolz auf unser Judentum, das wir nicht als Volks-, sondern als Religionsgemeinschaft betrachten, ebenso stolz wie auf -unser Deutschtum, und wir Aelteren glauben durch Jahrzehnte bewiesen zu haben, daß wir assimiliert, daß wir wahrhaft Deutsche geworden sind, obgleich wir festgehalten haben und festhalten wollen an unserer Religion, die uns durch kein Gebot hindert, deutsch zu fühlen und deutsch zu handeln. Sie Woche. Berlin, den 30. Januar 1917. em Deutschen Kaiser bringen wir zu seinem Geburtstag unsere Huldigung dar. Er, dem unsere Herzen immer freudig und dankbar entgegenschlugen, hat gerade in der letzten Zeit noch mehr als sonst den Anspruch erlangt auf unsere ehrfurchtsvolle Verehrung und inbrünstige Liebe, denn er hat durch das Anerbietendes Friedens gerade in dem Augenblick, da er sieg- und ruhmgekrönt dastand, aufs hochherzigste bekundet, daß er in Wahrheit ein Friedenskaiser ist, und er hat, da die verblendeten Feinde dieses Angebot höhnisch abzulehnen für rätlich befanden, durch seinen die letzten Kräfte sammelnden und zur äußersten Verteidigung und Kraftanstrengung mahnenden Appell an sein Volk gezeigt, daß er in Wahrheit der Träger der Gedanken und Hoffnungen ist, die in dem ganzen Volke leben. Darum Heil ihm und seiner Regierung! Mit allen Deutschen zusammen begeht er zum dritten Male in tiefem Ernste den Tag, der ihm und allen Deutschen sonst ein Freudentag war. Mögen, wenn wiederum dieser Festtag naht, die Segnungen eines glorreichen Friedens seinem Volke beschert und der Beginn einer langen Aera eines glücklichen und gedeihlichen Wirkens den Deutschen und der Welt beschieden sein! * Zwei Ereignisse haben in dem vergangenen Zeitabschnitt die Aufmerksamkeit besonders auf sich gelenkt: eine neue Friedensnote desPräsidenten Wilson und die inner en Wirren i n Rußland. Die neue Note Wilsons, deren Wortlaut von den Zeitungen mitgeteilt worden ist, schlägt keine Friedenbedingungen vor, sondern erörtert im wesentlichen die Ansichten des leitenden Staatsmanns einer neutralen Großmacht. Die erste dieser Ansichten ist die, daß der kommende Friede ein F r i e d e ohne Sieg sein werde. Eine solche Ansicht ist allerdings nicht ganz unwahrscheinlich. Denn wenn wir auch, abgesehen von der völligen Vernichtung Serbiens und Montenegros und der fast gänzlichen Belgiens und Rumäniens, den Sieg über Rußland errungen zu haben uns rühmen dürfen, — von einer wirklichen Bezwingung Frankreichs, Italiens und vor allem Englands werden wir, wie zu fürchten ist, absehen müsien und halten es anderseits für völlig ausgeschlosien, daß es diesen vereinigten Mächten jemals gelingen kann, uns und unsere Bundesgenosien niederzuwerfen. Die andere von dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgesprochene Ansicht, daß als eine Folge des Krieges ein „geeintes und unabhängiges und autonomes Polen" hervorgehen müsse, wird von den verschiedenen Seiten starkem Widerspruche begegnen: seitens Rußlands, das auf die ehemaligen, lange in seinem Besitz gewesenen polnischen Landesteile gutwillig nicht verzichten wird und das neu geschaffene Königreich Polen anzuerkennen keine Lust bezeigt, und seitens Oesterreichs und Preußens, die gewiß nicht daran denken, die seit 120 Jahren ihnen gehörenden polnischen Landesteile herauszugeben. Denn was Wilson sich unter dem geeinten Polen denkt, ist höchstwahrscheinlich nicht das neu geschaffene Königreich, sondern die Zusammenschließung aller derjenigen Landesteile, in denen vorzugsweise oder ausschließlich Polnisch gesprochen wird. Weitere Ansichten, wie die von der Gleichheit der Rechte aller Völker, wobei kein Unterschied zwischen kleinen und großen gemacht werden soll, oder die andere, daß die Regierungen künftighin bei allen ihren Beschlüssen von den Regierten unterstützt werden müsien, sind Theorien von so weittragender Bedeutung, daß sie im Rahmen einer kurzen Uebersicht nur angedeutet, nicht diskutiert werden können. Unbedingte Zustimmung wird seitens Deutschlands und feiner Verbündeten nur die eine Ansicht des Präsidenten finden, die zugleich als die einzige Forderung erhoben wird, eine Anschauung, die freilich von ihm selbst nur als die Meinung eines Privatmannes geäußert wird „der aber im Sinne der stummen Masie allerorten spreche", das ist: die Freiheitder S e e. Aber gerade diese Anschauung widerspricht auf das enffchiedenste der Hauptforderung Englands, das entgegen seinen großsprecherischen Verkündigungen des Schutzes der kleinen Staaten den Krieg im wesentlichen unternommen hat, um Deutschland von dem Meere zu verdrängen.

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