Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang Nr. 5 Berlin, 2. Februar 1917 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-P reis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin nnd Vorarten durch unsere verrriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierun-r-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fiir Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung der Iudentumr^, Berlin SW, Jerusalemer Straße *M9, zu richten. Verlag von Rudolf Masse/ Berlin. Gusltw Schmoller und die Juden. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Zur Geschichte des Synagogenbaus. Von I. Elbogen. — Ein Synagogenbau-Tagebuch aus dem 18. Jahrhundert. Von Prof. Dr.-Jng. Alfred Grotte (Posen). — Die Aussichten im Kaufmannsberuf. Ein Wort zur Berufswahl für die jüdische Jugendihre Eltern und Erzieher, — H. H. Ewers: .Die toten Augen." Musik von d'Albert. Von L. (I. — Das Kriegswaiseuasyl in Kaiisch. Ein Bericht von Rabbiner Dr. Neuhaus in Ostrowo. — Tr. Nathan Camter. Bon Dr. Spani er. — Feuilleton: Der verlorene Sohn. Bon JosephPatai. Erzählung aus dem Zeitalter der Teilung Polens. Einzig berechtigte llebersetzung ans dem Magyarischen von Tr. Adolph Kohut. — Literarische Mitteilungen. — Vüchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur ^Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Lissa i. P., Dresden, Nürnberg, Wien. — Von Nah und Fern.__' Gustav Schmalirr und dir Juden. Von Ludwig Geiger. 3n Nr. 1 und 4 dieses Jahrganges haben wir unseren Lesern die merkwürdigen und überraschenden Ausführungen zur Kenntnis gebracht, die Schmoller bei Gelegenheit der Besprechung eines Werkes von Hugo Preuß über die Berliner Stadtverwaltung und über das angebliche Vorherrschen der Juden in manchen Berufszweigen geäußert hat, und über seine ferneren Erklärungen, die er in einer Berliner Tageszeitung über sein Verhältnis zu Juden und Judentum jüngst veröffentlicht hat. Wir haben diese letztere Erklärung im Wortlaut mitgeteilt, weil man bei jeder Polemik die Gerechtigkeit üben muß, den Gegner vollständig zu Worte kommen zu lassen, und haben in unserer Entgegnung den würdigen Ton zu treffen gesucht, den man einem Manne wie Schmoller schuldet, selbst wenn man nicht mit ihm übereinstimmt. In der letzten Wochenübersicht habe ich meine Leser schon darauf vorbereitet, daß wegen der Kürze, die eine solche Uebersicht gebietet, der wichtigste Punkt unserer Entgegnung verschoben werden mußte, nämlich die Frage von der Assimilation. Was versteht Schmoller unter Assimilation? Wir Juden sind gewohnt, unter Assimilation der Juden an das Deutschtum zu begreifen: vollkommene Annäherung an die deutsche Sprache, im äußeren Betragen, sowie die Teilnahme an dem geistigen und Kulturleben Deutschlands. Etwas Aehnliches, aber nicht ganz dasselbe meint Schmoller. Er deutet darauf hin, daß die Assimilation der Juden Fortschritte gemacht habe „unter dem Einfluß der humanitär-liberalen Idee, des beginnenden Konnubiums. zwischen Germanen und Semiten, des wachsenden Uebertritts der assimilierten oberen Schichten zu einer der christlichen Konfessionen". Das sind nun die Punkte, in denen unsere Auffassung von der Schmollers abweicht, ja ihr so stark entgegengesetzt ist, daß ein Zusammenwirken unmöglich erscheint. In einem Punkte stimmen wir allerdings überein. Auch wir glauben, daß eine Assimilation erst beginnen konnte von dem Augenblick an, da die Ideen der Aufklärung nicht bloß in Büchern niedergelegt, also theoretisch begründet, sondern, durch die Gesetzgebung ausgenommen, sich in Taten: der Gleichstellung der Juden, ihrer Aufnahme in den Staatsverband, ihrer Zulassung zu Staatsämtern sich bekundete. Mendelssohns unsterbliches Verdienst, den Juden deutsche Kultur darzureichen — ein Streben, das ja zuerst bei vielen seiner Glaubensgenossen geringe Teilnahme fand, ja von vielen geradezu als ketzerisch abgelehnt wurde —, wäre wirkungslos geblieben, wenn nicht Josef II. sein Toleranzedikt erlassen und wenn nicht die preußische Regierung nach langen Kämpfen, in denen die Aeltesten der Berliner Gemeinde unermüdlich und schließlich erfolgreich die Waffen geschmiedet hatten, und manche andere Regierungen Deutschlands den Juden die staatsbürgerlichen Rechte gewährt und ihnen die Entwicklung ihrer Talente möglich gemacht hätten. Denn erst dadurch wurde es ihnen möglich, ans dem Klein- und Großhandel, den sie bisher ausschließlich pflegen durften, zu anderen Beschäftigungen emporzusteigen. Diese liberalen Ideen waren also die Vorstufe; das Hauptwerk der inneren Läuterung, der Annahme deutschen Wesens und deutscher Kultur, mußte von den Juden selbst ausgehen. Dies ist in einer geradezu wunderbaren Weise erfolgt. Aber das Größte dabei war, wenn auch in der Nachmendelssohnschen Zeit Massentaufen stattfanden, die sich in den.Zeiten der Bedrückung und in den Epochen des immer wieder auflebenden Antisemismus und der dadurch hervorgerufenen Ausschließung, mit der staatliche Ausnahmemaßregeln Hand in Hand gingen, wiederholten, daß die Juden bei allem Deutschtum (nicht trotz dieses Deutschtums) fest bei ihrem Glauben verharrten, weil sie der Ueberzeugung lebten, daß das Judentum keinen Gedanken und kein Gebot enthielt, das sie hinderte, ihre staatsbürgerlichen Pflichten voll und ganz zu üben, und das ihnen verwehrte, vollkommen Deutsche zu werden. Und darum sehen wir in dem Konnubium kein Mittel zur Annäherung and müssen den Uebertritt zu einer der christlichen Konfessionen verdammen. Denn wenn das Konnubium, die Mischehe hauptsächlich jüdischer Männer mit christlichen Frauen — denn die Vereinigung christlicher Männer mit jüdischen Frauen ist weit seltener —, allgemeiner würde, so wäre die Folge keine Assimilation, sondern die Vernichtung des Judentums, das Verschwinden der Juden. Die Erfahrung hat nämlich gelehrt, daß mit sehr geringen Ausnahmen die Kinder, die aus solchen Mischehen hervorgehen, nicht bloß die Mädchen, naturgemäß der Religion der Mutter folgen, sämtlich Christen werden, d. h. daß die zweite Generation dem Judentum schon völlig verloren ist. Die Taufe aber hat häufig noch.eine schlimmere Folge: sie entzieht nicht bloß den Täufling und damit auch seine Nachkommen der jüdischen Religion, sondern sie wandelt leider auch diejenigen, die selbst die Taufe annehmen, namentlich aber ihre Nachkommenschaft in erklärte Feinde des Juden-